Bobenheim-Roxheim RHEINPFALZ Plus Artikel Wegen des Trubels am Silbersee leidet die Natur

Baden und Völkerwanderung auf dem Heiligensand, wie hier am Samstag, das geht gar nicht. Das Gewässer ist eine Betriebsanlage, u
Baden und Völkerwanderung auf dem Heiligensand, wie hier am Samstag, das geht gar nicht. Das Gewässer ist eine Betriebsanlage, und in den Steilwänden brüten streng geschützte Vögel.

Dass die an Silbersee und Altrhein geschützte Natur erheblich leiden könnte, war im Juni der Grund, warum der Bau eines Hotels und von Wassersportanlagen dort gerichtlich verboten wurde. Doch wie es ist eigentlich im Hochsommer, wenn Tausende dort Erholung suchen und sich nicht alle an die Grenzen halten, innerhalb denen das erlaubt ist? Wir haben das die Naturschützer gefragt.

Samstag, 8. August: Der Geschäftsführer der Firma Gebrüder Willersinn verschickt – unter anderem an den Landrat – Fotos, die zeigen, wie viele Menschen sich unerlaubt an den Abbruchkanten des Baggersees Heiligensand aufhalten. Der See ist eine aktive Betriebsstätte, an der Kies und Sand abgebaut werden, und er ist Heimat für geschützte Uferschwalben, die in den Wänden brüten und nisten. Deren Schutz „wäre doch endlich mal eine sinnvolle Betätigung der ehrenamtlichen Naturschutzbeauftragten des Rhein-Pfalz-Kreises und der Umweltverbänden“, schreibt Hans-Peter Böhn als Kommentar zu seinen Bildern.

Seit Langem schon und erst recht seit dem Aus für das Willersinn-Hotelprojekt samt Vereinsanlagen und Öffnung des Silberseerundwegs für Bürger kritisiert Böhn die Gegner des Bebauungsplans dafür, dass sie gegenüber den gegenwärtigen Beeinträchtigungen des zum Großteil Willersinn gehörenden Natur- und Vogelschutzgebiets blind seien. Oder zumindest nicht ähnlich stark dagegen protestierten wie gegen die Baupläne.

Grüne unter Druck

Allen voran trifft dieser Vorwurf die Bobenheim-Roxheimer Grünen, welche die Normenkontrollklage der Umweltverbände BUND und Nabu inhaltlich unterstützt haben und die als einzige Fraktion im Gemeinderat gegen den in 30 Jahren erarbeiteten Kompromiss für die künftige Nutzung des Silberseegebiets gestimmt hatten. Unter anderem im Internet schlägt den Grünen der Ärger jener Einwohner entgegen, die das Urteil des Oberverwaltungsgerichts (OVG) bedauern. Denn es zeichnet sich ab, dass Willersinn sein Eigentum einzäunt und Wassersportler eventuell nicht mehr von dort auf den See dürfen.

Auf Anfrage der RHEINPFALZ teilt Ratsmitglied Manfred Vettermann mit, die Grünen hätten immer wieder auf die jetzt schon hohe Belastung des Gesamtgebiets Silbersee hingewiesen. Die Umsetzung des Bebauungsplans würde die Schutzgebiete überlasten. Allerdings: Für das EU-Vogelschutzgebiet, dem die Richter die höchste Priorität eingeräumt hatten, seien die sommerlichen Störungen nicht so relevant wie die winterlichen.

Vettermann sieht Kreis in der Pflicht

Vettermann, der für den BUND im OVG-Verfahren den zu erwartenden Verkehr berechnet hat, findet, dass der von Willersinn angekündigte Zaun „eine tolerierbare, unschädliche Nutzung künftig verhindert“. Er sieht die Gemeinde, vor allem aber den Landkreis in der Pflicht, die für Freizeitaktivitäten am Silbersee geltende Verordnung umzusetzen und zu kontrollieren. Besucher müssten zudem besser darüber informiert werden, was erlaubt und was verboten ist.

Sein Parteifreund und Ratskollege Manfred Alban Pfeifer ist seit einem Jahr Umweltbeauftragter der Gemeinde und meint, Baden außerhalb der Gemeindestrandzone und nächtliches Feiern sei alles nichts Neues, das sei schon immer so gewesen und den Behörden bekannt. Er macht ebenfalls die Kreisverwaltung dafür verantwortlich, dass die Regeln in dem Gebiet nicht eingehalten würden und nun ein Zaun errichtet werde. „Ich sehe in meiner Funktion keine Möglichkeit, hier mehr zu erreichen.“ Pfeifer hat am Mittwoch gegenüber dem Bürgermeister seinen Rücktritt als Umweltbeauftragter erklärt.

Der Erste Beigeordnete der Gemeinde, Frank Peter (CDU), in dessen Ressort der Naturschutz fällt, berichtet, die Gemeinde sei hauptsächlich für das Einsammeln von Müll zuständig und der Kreis für Naturschutzverstöße. Beides werde meistens durch Willersinn, den Betriebshof, den Kioskbetreiber oder den Naturschutzbeauftragten Ewald Marx gemeldet.

Liste der Verstöße ist lang

Letzterer wiederum schickt auf die Frage, was er an Silbersee und Altrhein so alles erlebt, eine lange Liste: Beschädigung und Zerstörung von Pflanzen und Schildern, Lagerfeuer und tagelanges Zelten, Brandstiftung, Schwarzangeln, Müll, freilaufende Hunde, Kraftfahrzeuge auf gesperrten Wegen und Wassersport im Winter. „Eigentlich könnte man in diesem Jahr, verstärkt durch die Corona-Krise, ständig protestieren“, schreibt Marx, der von Uneinsichtigen auch schon bedroht wurde, wie er berichtet.

Der Vorsitzende des örtlichen Naturschutzvereins fordert besonders in der Hochsaison einen stärkeren Schutz der wertvollen Gebiete, zum Beispiel mittels Zufahrtskontrollen, Eintrittsgeld, eindrücklichen Infoschildern mit Piktogrammen statt Text, mehr Präsenz von Ordnungsamt, Polizei, Fischereibehörde und der Jugendbeauftragten der Gemeinde.

Gleichzeitig plädiert Marx dafür, die Rheinauenlandschaft in Bobenheim-Roxheim weitgehend offen zu halten statt sie komplett einzuzäunen: „Der Silbersee ist für viele ein Stück Heimat, und die darf uns nicht genommen werden durch das chaotische Verhalten von ,Auswärtigen’, die keinerlei Bezug zu unserer Gemeinde und Landschaft haben.“ Besonders ärgert Marx der Badetrubel am Auskiesungsweiher Heiligensand: „Durch die Unruhe und Zerstörungen werden die streng geschützten Uferschwalben vetrieben. Sie verlassen zum Teil ihre mit Jungen belegten Brutröhren.“

BUND: Zaun wird nicht viel helfen

Die BUND-Kreisgruppe schätzt die Störung des dreifach geschützten Silberseegebiets durch Einzelne und Menschengruppen – besonders in Zeiten von Corona – ebenfalls als gravierend ein. Vorsitzende Doris Stubenrauch berichtet von „niedergetrampelten Schilfbereichen“ und einem ausgetretenen Ostufer. „Das Ausmaß ist erheblich, aber ganz schwierig quantifizierbar“, schreibt sie auf Anfrage. Sie weist auf scheue Brutvögel mit hoher Fluchtdistanz hin. „Die störende Person wird in der Regel nicht einmal bemerken, dass sie solche Vögel aufschreckt und vergrämt.“

Stubenrauch fordert, dass in die behördlichen Maßnahmen zum Infektionsschutz in dem Gebiet der Naturschutz einfließt. Prinzipiell helfe bei den Gewässern langfristig nur Aufklärung durch Presse, Infotafeln, Lenkung. „Denn eine einzelne enthemmte Person oder Gruppe kann fast jedes denkbare Hindernis überwinden. Wem der Naturschutz egal ist, der wird am Ende einer Maßnahmensteigerung leider auch einen Zaun zu seinem Privatbadevergnügen überwinden. Alles versperren ist deshalb auch nicht sinnvoll.“

30 von 90 Umweltsünden wurden verfolgt

Was das Ahnden von Sünden wider die Natur betrifft, scheint also der Kreisverwaltung eine große Bedeutung zuzukommen. Auf Anfrage heißt es aus dem Kreishaus in Ludwigshafen, vom Silberseegebiet seien in diesem Jahr bislang rund 90 naturschutzrechtlich relevante Vorkommnisse bekannt geworden, davon seien 30 verfolgbar gewesen. Die Anzahl entspreche in etwa der des ganzen vergangenen Jahres. „Einige Vorkommnisse konnten aufgrund der geringen bis nicht vorhandenen Beweislage – zum Beispiel Zeugen, die nicht aussagen wollen, oder nicht zu ermittelnde Verursacher – nicht verfolgt werden“, so Kreissprecherin Kornelia Barnewald.

Die Konsequenzen für die Angezeigten seien unterschiedlich: Verpflichtung zu landespflegerischen Maßnahmen, Arbeitsstunden und Bußgelder. Die rund 20 festgesetzten Bußgelder in diesem Jahr lägen zwischen 50 und 200 Euro. Nach dem Landesnaturschutzgesetz seien Bußgelder bis 25.000 Euro möglich. Laut Barnewald wird die Polizei wird in bestimmten Fällen um Amtshilfe gebeten, wenn etwa vor Ort erwischte Personen handgreiflich würden oder ihre Personalien nicht preisgäben. Laut Barnewald kam das in den letzten beiden Jahren dort nicht vor.

Laut Polizei hauptsächlich Diebstähle

Die Polizeiinspektion Frankenthal kann am Silbersee in Bezug auf Delikte wie Hausfriedensbruch, Sachbeschädigung, Brandstiftung, Drogenkonsum oder gar Drogenhhandel keine Problemzone erkennen. Auf Anfrage heißt es, dort komme es hauptsächlich zu Diebstählen und Verkehrsunfallfluchten auf den Parkplätzen. Für 2019 und bislang 2020 berichtet die Polizei von fünf Sachbeschädigungen, vier kleineren Bränden und fünf Fällen von Hausfriedensbruch.

Dass die Gewanne Ochsenlache direkt an der B9 Treffpunkt von feierfreudigen und gewaltbereiten Gruppen sein soll, kann die Dienststelle nicht bestätigen. Sie stehe in sehr engem Austausch mit der Gemeinde, und diese habe ihr so eine Problematik nicht zugetragen.

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