Bobenheim-Roxheim
Was das Demokratie-Bündnis mit seiner Anti-Sticker-Aktion erreichen möchte
Es ist ein kalter Morgen, als sich Menschen an der Ecke Industriestraße/Mörscher Straße versammeln. Helga Guthmann ist die Erste an dem vereinbarten Treffpunkt. Sie ist die Sprecherin der Initiative für Demokratie in Bobenheim-Roxheim und begrüßt nach und nach ihre 14 Mitstreiter. „Da wir die Veranstaltung nicht öffentlich, sondern nur in unserem Bündnis beworben haben, ist die Teilnehmerzahl erfreulich“, sagt Guthmann. In ihrem Fahrradkorb befinden sich Schaber, Reinigungsmittel und Sprühflaschen. Damit sollen Objekte im Ort von den zahlreichen rechtsextremen Stickern, die in den vergangenen Wochen vermehrt aufgetaucht sind, befreit werden.
Ein paar Schritte vom Treffpunkt entfernt entdecken Silvia und Nicole den ersten Sticker: Ein düsteres Design mit hasserfülltem Slogan – gerichtet gegen Menschen, die sich gegen Faschismus einsetzen. Die Ecken haben sich festgesetzt, der Kleber hält hartnäckig. Doch mit Aufkleber-Lösemittel und Ceran-Kochfeldschabern lösen die beiden das Papier Stück für Stück ab. Nicole ist entsetzt über die Botschaften, die im Ort verbreitet werden. „Ich möchte diese Zustände nicht dulden“, sagt sie. Ähnlich äußert sich Lisa: „Ich will das nicht ignorieren und das Land nicht den Rechten überlassen.“ In einem Land, das von rechtsextremen Kräften regiert werde, wolle sie nicht leben.
Jeder soll sich in Öffentlichkeit wohlfühlen
Nicht nur an Lampenmasten, sondern auch an Verkehrsschildern, Mülleimern und Bushaltestellen finden sich solche Aufkleber. Jonas entfernt mit präzisen Handbewegungen einen Sticker an einer Haltestelle. Die Worte darauf sind kaum zu überlesen – plumpe Hetze. „Diese Parole richtet sich ganz klar gegen Leute mit Migrationshintergrund“, findet Jonas. Das passe nicht zu seinem Verständnis von einer offenen Gesellschaft. Er wolle mit der Beteiligung bei solchen Aktionen erreichen, „dass sich jeder in der Öffentlichkeit wohlfühlt“. Das sei in einem Umfeld mit solchen Stickern nicht möglich.
An der nächsten Straßeneinmündung versammelt sich die Gruppe zu einer kurzen Besprechung. Wie läuft es bisher? Wie groß ist das Ausmaß? Einige berichten, dass nahezu an jeder Straßenlampe mehrere Aufkleber angebracht worden seien, anderen fallen weitere Orte ein, wo geklebte Botschaften für Unmut sorgen. „Passt auf, wenn ihr die Sticker entfernt“, warnt Guthmann, während sie ihre Handschuhe hochzieht. „In anderen Städten wurden schon Rasierklingen oder Glasscherben unter den Aufklebern gefunden.“ Ein kurzer Moment der Stille – die Warnung zeigt Wirkung. Doch bislang, so Guthmann, sei in Bobenheim-Roxheim noch nichts dergleichen entdeckt worden.
„Vom Wort zur Tat ist es nicht weit“
Dass diese Aktion Folgen haben könnte, ist den Teilnehmenden bewusst – die Stimmung ist teilweise angespannt. Dennoch wollen sie ihre Meinung kundtun, dafür einstehen und sich nicht einschüchtern lassen. Angelika ist besorgt über die Entwicklung in ihrer Gemeinde und meint: „Es sind immer kleine Anfänge.“ Auch Guthmann weiß: „Vom Wort zur Tat ist es nicht weit.“ Sie ist sich sicher, dass Kleber „ideologisch gefestigt“ sind. Als Beispiel nennt sie einen Sticker-Versand. Da schon im Namen die Verbindung zum Rechtsextremismus klar werde, könne es sich hier nicht um Bürger handeln, die einfach nur verärgert seien. „Man muss ja schon wissen, wie man diese Seiten findet, um dort Material zu bestellen.“ Silvia merkt an, dass auch der Zeitaufwand, um die vielen Sticker zu verteilen, „immens sein muss“. Angelika meint, ein System zu erkennen: „Ich glaube, dass die Personen ihr Gebiet markieren und aufzeigen wollen, dass sie in diesem Bereich unter anderem keine Asylsuchenden dulden.“
Nach fast zwei Stunden ist die Aktion beendet. Den Aktivisten ist klar: Es ist wichtig, solche Aktionen durchzuführen, um ein Zeichen für Demokratie zu setzen und deutlich aufzuzeigen, dass die Mehrheit der Bevölkerung in Bobenheim-Roxheim anders denkt als die Kleber. Gemeinsam beschließen sie, in Zukunft regelmäßig solche Reinigungsarbeiten zu machen. Die Initiative hofft außerdem darauf, dass sich in anderen Gemeinden ebenfalls solche Gruppen gründen. Doch am liebsten wäre es dem Bündnis, wenn solche Aktionen erst gar nicht nötig wären.
Kontakt und Termin
Wer das Bündnis „Gemeinsam für Demokratie und Vielfalt Bobenheim-Roxheim“ bei der Entfernung der Sticker unterstützen möchte, kann sich per E-Mail an gemeinsam-boro@gmx.de wenden und einer Signalgruppe beitreten. Am Donnerstag, 13. Februar, 19 Uhr, findet im Kurpfalztreff ein Infoabend statt. Ein Vertreter der mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus Rheinland-Pfalz informiert über Gruppierungen in der Region, ihre Codes und Symbole wie auch über rechte Hetze im Internet.