Kriegsgeschichten RHEINPFALZ Plus Artikel Warum Hans Kecks Erbe nicht vergessen werden darf

Im Juni 1941 überfällt Deutschland die Sowjetunion ohne vorherige Kriegserklärung. Auf dem Bild beschießen deutsche Soldaten ein
Im Juni 1941 überfällt Deutschland die Sowjetunion ohne vorherige Kriegserklärung. Auf dem Bild beschießen deutsche Soldaten ein russisches Dorf.

In Steno hat Hans Keck festgehalten, wie er den Krieg ab 1941 und die Gefangenschaft in Russland bis 1949 erlebte. Als er seine Aufzeichnungen nach seiner Entlassung nach Deutschland schmuggelte, riskierte er sein Leben, wie so oft in diesen Jahren. Seine Geschichte könnte das Skript für ein Drehbuch sein, für ein filmisches Mahnmal.

Sie waren zwar sicher aufbewahrt, aber fast schon in Vergessenheit geraten – die Tagebuchaufzeichnungen des Hans Keck. Noch zu Lebzeiten, er starb im Jahr 2000 im Alter von 80 Jahren, hat er diese Inge und Claus Hassinger aus Maxdorf übergeben. Als Claus Hassinger auf die Serie „Kriegsgeschichten“ der RHEINPFALZ aufmerksam wurde, erinnerte er sich an Kecks Erbe. Dieser war der Cousin zweiten Grades seiner Frau und sei gebildet, fleißig und vor allem musikalisch sehr begabt gewesen. Der gebürtige Ruchheimer spielte Klavier und war viele Jahre unter anderem Chorleiter beim Gesangverein Fußgönheim. Dort hob er den Frauenchor und den Kinderchor „Die Schlossfinken“ aus der Taufe. Optisch sei Hans Keck eine Erscheinung gewesen: „Ein Ringertyp, nicht groß, aber breitschultrig und kräftig. Und sehr willensstark“, sagt Claus Hassinger. Das kann man auch aus seinen Aufzeichnungen lesen. Aber dazu später mehr.

Die Notizen beginnen im November 1941 im bitterkalten russischen Winter, die deutschen Truppen sind auf dem Vormarsch nach Moskau. „Ich war Funker der 1. Kompanie der Nachrichtenabteilung bei der 263. Infanterie-Division, einer rheinland-pfälzischen Division, welche die Weintraube als taktisches Zeichen hatte“, schreibt der damals 22-jährige Hans Keck. Über fast 40 DIN-A-4-Seiten in engen Schreibmaschinenzeilen berichtet er von den wohl schrecklichsten neun Jahren seines Lebens. Er erzählt von den Kämpfen an der Front: „Der Russe steht vor Malojaroslawez. Wir müssen zurück, Richtung Juchnow, wieder hinaus in den Schneesturm, in die eisige Kälte, 52 Grad Minus! Echte Winterkleidung gibt es nicht.“

Der Feind, die stete Gefahr

In den Berichten bis 1945 schreibt er über Stellungskriege, Partisanen aus dem Hinterhalt, Störungs- und Trommelfeuer, Schlachtflieger, Artillerie und Bombardements. Manchmal ein privater Satz, etwa vom Heimaturlaub im April 1944: „Am 16. April werde ich mich mit meiner Braut verloben!“ Dann geht es wieder zurück an die Front: Die deutschen Soldaten kämpfen tapfer weiter. „Trotz schlechter Kriegslage, bei den Truppen keine Zersetzungserscheinungen.“ Doch das ist nur eine Momentaufnahme. Ab August 1944 werden die Kämpfe schwerer und die Befehle immer mörderischer. „Verwundete schrien auf, viele Kameraden fielen.“ Im Abstand von wenigen Tagen, dann täglich notiert er die Truppenbewegungen, unter Beschuss und steter Gefahr, dem Feind zu begegnen. Oft ist Kecks Truppe, die die Funkleitungen auf- und wieder abbaut, die erste und die letzte an den umkämpften Orten. Was muss das für eine körperliche und mentale Belastung über Monate hinweg gewesen sein? Man kann es nur erahnen, denn Klagen liest man in den Frontberichten bis dahin nicht.

Weniger wert als Sklaven

Im April 1945 wird die Lage ausweglos. Hitler nimmt sich das Leben und die Deutsche Armee kapituliert: „Der Befehl schlug bei uns ein wie eine Bombe! Es war alles umsonst, alles was wir entbehrt und gelitten haben!“ Sie wissen, nun kommt die Gefangenschaft. Auf Flugblättern, die über den Kriegsverlierern in Kalvene in Lettland abgeworfen werden, wird eine „gute Behandlung, ausreichende Verpflegung und baldige Heimkehr zugesichert“. Die Zeit wird eine andere werden. Die bis dahin sehr kurzen, im Protokollstil verfassten Zeilen werden erzählerisch, Emotionen dringen durch. Über mehrere Lager geht es für die deutschen Gefangenen nach Leningrad (Sankt Petersburg). Die Bandagen werden härter, denn viele Russen hegen einen Hass auf die Deutschen. Wer die Geschichte kennt, weiß warum. Nur ein paar Jahre zuvor etwa wurde die Leningrader Bevölkerung durch Hitlers perverse „Hungerpolitik“ eingeschlossen und ausgehungert. Eines der vielen brutalen Kriegsverbrechen Hitlers. Wie Hans Keck zum „Führer “ steht, lässt sich auf den Aufzeichnungen nicht lesen. „Er war kein Hitler-Verehrer und auch in keiner Partei. Er ging in den Krieg, weil er es musste“, sagt Claus Hassinger. Hans Keck sei politisch neutral gewesen.

Bei Leningrad muss er, einer von 1200 Gefangenen, in einem Eisenwerk arbeiten. Von Anfang an lassen die Russen die Deutschen spüren, dass sie für sie Menschen zweiter Klasse sind, „weniger wert als Sklaven“. Ihnen wird alles genommen, zunächst Schmuck und Uhren, später dann auch noch das Lebensnotwendigste wie Decken, Kleidung, Schuhe oder das Geschirr zum Essen. Demütigungen, Misshandlungen und menschenunwürdige Bedingungen sind gang und gäbe.

Und dann der stete Hunger. Ist die Verpflegung zunächst noch erträglich, notiert er bald jede Seite: „Die Essensration wurde wieder gekürzt!“ Wochenlang gibt es nur Suppe: Kohl-, Möhren- oder Mehlsuppe. Wässrige Plörren, kaum nahrhaft. „Wir können uns vor Hunger kaum auf den Beinen halten.“ Fliehen Gefangene, bekommen alle anderen das Essen weiter gekürzt. Neue Schuhsohlen müssen von den kargen Essensrationen abgespart werden. Zum Hunger kommt die unendlich anstrengende Arbeit, phasenweise bis zu zehn Stunden täglich, sieben Tage die Woche. Es müssen kommunistische Plansolle erfüllt werden. Keck schreibt: „Im Gebiet um Leningrad sollen in diesem Winter täglich 250 Kriegskameraden an Schwäche und Hunger gestorben sein.“

In all dem Leiden gibt es aber auch menschliche Augenblicke – und das sind die Heiligen Abende. Weihnachten 1945 durften die Gefangenen unter Androhung von Strafe nicht feiern. „Unsere Stube feierte trotzdem! Ich übernahm die Leitung!“, schreibt Keck. Sogar ein kleiner Baum wird organisiert, Kerzen werden heimlich gegossen und Späne aus der Eisenfabrik sind das Lametta. Es wird leise gesungen und drei erdachte Briefe aus der Heimat zum Trost gelesen. Am Ende der Feier, nach „Stille Nacht, heilige Nacht“ sitzen 60 Männer in der Stube und weinen. Als sie am ersten Weihnachtsfeiertag nach schwerer Arbeit wieder besinnlich um den erleuchteten Baum sitzen, steht plötzlich der Lagerkommandant im Zimmer, der jegliches Feiern verboten hatte. „Der Major ging zum Weihnachtsbaum, starrte ins Kerzenlicht, setzte sich auf ein Bänkchen, nahm die Mütze ab und sagte nur: ,Dalsche!‘ (,Weitermachen!‘).“

Sie sollten Gutes berichten

Über die Jahre werden die Gefangenen in verschiedenen Fabriken als Arbeitskräfte eingesetzt. Die Zustände im Lager verschlimmern sich, doch nach und nach werden den Gefangenen auch Zugeständnisse gemacht. So wird 1946 ein Lagerchor ins Leben gerufen. „Natürlich bin ich auch dabei!“, notiert Hans Keck. Später gründet sich sogar eine Lagerkapelle. „Die Instrumente haben wir uns auf allen möglichen Wegen besorgt: sogar einen Flügel!“ Es werden Konzerte gegeben und Theaterstücke aufgeführt.

Mit jedem Jahr wächst die Hoffnung auf Heimkehr, wie man es doch einst versprochen hat. Doch sie werden hingehalten, Post von zu Hause gibt es immer seltener. Unterdessen versucht man, sie vom Kommunismus zu überzeugen – mit Pflichtvorträgen. Hans Keck hat sich offensichtlich mit den Lehren von Stalin und Lenin intensiv auseinandergesetzt. Ein überzeugter Kommunist wird er genau darum aber nicht. Er nutzt sein Wissen, um in Diskussionen auf die Widersprüche zwischen Lehre und Realität hinzuweisen. Auf einer Konferenz, bei der Keck als Vertreter der Gefangenen mit Funktionären geladen ist, provoziert er eine Diskussion über die Lagerzustände und die Versprechen auf den Flugblättern, die einst gegeben, aber nicht eingehalten werden. „Es gab nie wieder eine solche Konferenz!“

Geheimes Tagebuch

Erst nach vier Jahren „Wiedergutmachung“, wie Keck es nennt, wird er aus der Gefangenschaft entlassen. „Es darf kein geschriebenes Wort mitgenommen werden, die Lagerleitung bittet uns, alle unangenehmen Dinge zu vergessen.“ In all den Jahren hat Keck, der später auch Stenografie lehrte, seine Tagebuchaufzeichnungen geheim halten können. Im Absatz seiner Stiefel und einem ausgehöhlten Rasierpinsel hat er sie nach Deutschland geschmuggelt. „Hätten die Russen sie entdeckt, wäre ich wohl nicht lebend nach Hause gekommen.“ Es geht gut: Am 21. Mai 1949 klopft er in den nächtlichen Morgenstunden bei seinen Eltern an der Tür. „Die Freude war riesig! Und um 10 Uhr wurde ich von meiner Braut aus dem ersten Schlaf geweckt.“

Seine Elke heiratet Hans Keck noch im gleichen Jahr. Er bekommt wieder Arbeit in seinem kaufmännischen Beruf als Sekretär. Später adoptiert das kinderlose Paar ein Mädchen. Erst 1998 findet Hans Keck die Zeit, seine Aufzeichnungen in Steno niederzuschreiben. „Er wollte nicht, dass diese verloren gehen“, sagt Claus Hassinger, „sie sind auch wirklich etwas Besonderes.“ Und sie zeigen einmal mehr, dieser Krieg hatte so viele sinnlose Opfer – auf allen Seiten.

Geschichten gesucht

Der Zweite Weltkrieg hat ein Bild der Verwüstung hinterlassen. Über 60 Millionen Menschen starben weltweit. So etwas darf sich nicht wiederholen. Darum wollen wir in unserer Serie Ihre ganz persönlichen „Kriegsgeschichten“ erzählen. Möchten auch Sie uns Ihre Erlebnisse rund um die Kriegsjahre schildern, dann schreiben Sie uns eine E-Mail an redrpk@rheinpfalz.de oder postalisch an Die RHEINPFALZ, Lokalredaktion Ludwigshafen, Amtsstraße 5-11, 67059 Ludwigshafen.

Hans Keck
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