Rhein-Pfalz Kreis Vom Löcherstopfen im Wald

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Ludwigshafen. Erst die Bretter, dann die Bäume: Wie im ersten Teil unserer Serie angekündigt, bekommt der Wald im Landkreis Nachwuchs. An verschiedenen Stellen werden etwa kleine Eichen, Kastanien, Wildbirnen und Winterlinden gepflanzt. Damit sie geschützt groß werden können, haben Waldarbeiter und Förster Zäune errichtet. Aber davon haben wir ja schon erzählt. Dieses Mal geht es ums Einbuddeln, um Rücken, Generationenverträge und 50 Pfennig.

Nicht nur jeder Mann, sondern jeder Mensch sollte in seinem Leben mal einen Baum gepflanzt haben, findet Volker Westermann. „Das stärkt das Bewusstsein für unseren Wald und die Verbindung zur Natur. Es ist eine Beschäftigung mit unserer Lebensgrundlage. Denn wir sind von den Pflanzen abhängig. Die Pflanzen aber nicht von uns“, sagt der Bildungsförster vom Forstamt Pfälzer Rheinauen. Die Kinder der Klasse 1b der Otterstadter Grundschule haben in dieser Hinsicht vielen Erwachsenen etwas voraus: Sie haben bald ihr Bäumchen gepflanzt. Für die Aktion „Bäume für Peru“ sind sie mit Förster Westermann und Praktikant Marcel Kämmer im Wald. Bevor die Kinder aber zum Spaten greifen, lernen sie vom angehenden Waldpädagogen noch, wie ein Baum überhaupt aufgebaut ist und warum wir Menschen Bäume brauchen. „Mit was sammelt ein Baum Wasser?“, fragt Kämmer die Gruppe. „Mit der Wurzel“, tönt es aus den Kindermündern. „Und was machen die Blätter?“. Hmmm ... Grübel. „Irgendwas mit der Luft?“, sagt ein Knirps. Marcel Kämmer nickt. „Du bist auf dem richtigen Weg. Die Blätter sind die Lunge des Baums. Darin läuft die Photosynthese ab. Der grüne Farbstoff der Blätter, das sogenannte Chlorophyll, ermöglicht es den Blättern, das Kohlendioxid der Luft in Sauerstoff umzuwandeln. Und den brauchen wir zum Atmen.“ Wenn das kein Anlass ist, den Bäumen mal Danke zu sagen. Die Kinder schwirren los: Stämme umarmen. Dann sorgen sie mit viel Tatkraft dafür, dass der Waldbestand erhalten bleibt und die „grüne Lunge“ des Rhein-Pfalz-Kreises weiter funktioniert: Sie verbuddeln kleine Eichen im Boden. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg haben Kinder Bäume gepflanzt. Sie haben den Kulturfrauen geholfen, den Wald in Deutschland aufzuforsten, der damals an vielen Stellen kahl geschlagen war. Holz war zu dieser Zeit begehrt und oft der einzige Rohstoff zum Heizen. Außerdem musste Deutschland, nachdem der Krieg verloren war, riesige Mengen Baumstämme an die Westmächte liefern. Das riss Löcher in den Wald. Die Kulturfrauen stopften sie. Wald aufforsten war schon vor dem Krieg oftmals Frauenarbeit. Die Kulturfrauen waren – wie auch die meisten Waldarbeiter – Saisonarbeitskräfte. Die Männer erledigten im Winter den Holzeinschlag. Die Stunde der Kulturfrauen war gekommen, wenn sich die Arbeiter im Frühjahr andere Aufgaben suchten, etwa in der Landwirtschaft. Fast jedes Forstrevier hatte damals eine eigene kleine Forstbaumschule. Hier zogen die Kulturfrauen die kleinen Bäumchen an und pflanzten diese später aus. „Eine besondere Leistung der Kulturfrauen war es aber, die Wälder nach dem Krieg aufzuforsten“, sagt Förster Jürgen Render, der für das Revier Modenbach (bei Dudenhofen) zuständig ist. „Ihnen haben wir es zu verdanken, dass der Wald heute so gut da steht. Denn das forstwirtschaftliche Prinzip Nachhaltigkeit – also nur so viele Bäume schlagen, wie wieder nachgepflanzt werden – war nach dem Krieg ziemlich ausgehebelt. Haben Sie noch ein 50-Pfennig-Stück?“ Gute Frage. Auf jeden Fall nicht im Geldbeutel. Wieso? „Erinnern Sie sich, was auf der Rückseite zu sehen war – oder ist? Da kniet eine Frau, die einen Baum pflanzt. Die Leistung der Kulturfrauen wurde damit gewürdigt.“ Interessant! Was man von den Förstern im Kreis nicht alles lernen kann. In Renders Revier fallen dieses Frühjahr auch Pflanzarbeiten an. Nicht auf so großen Kahlschlagflächen wie nach dem Krieg. Und auch nicht wie auf dem Areal zwischen Waldsee und Altrip, wo sein Kollege Georg Spang besagten Zaun bauen ließ. Hinter der Ganerbhalle in Dudenhofen werden kleinere Lücken im Wald unter anderem mit Traubeneichen aufgefüllt. Am Werk sind keine Kulturfrauen, sondern moderne Profis: Forstwirt Marco Tusk und sein Praktikant Mattis Steyer haben Löcher mit einer speziellen Maschine vorgebohrt. Jetzt muss aber weiter mit der Hand (und den Füßen) gearbeitet werden. Die Baumwinzlinge kommen in die Erde. Pro Loch wird eine Pflanze eingesetzt. Mit den Füßen scharren die Männer Erde darüber. „Jetzt leicht am Stamm ziehen, damit die Erde bis nach unten fällt“, erklärt Marco Tusk. „Erde andrücken. Und wieder leicht ziehen, damit die Wurzeln sich entfalten können.“ Dann gilt es, den Boden um den Baum herum richtig fest zu pressen. Es darf kein Hohlraum an der Wurzel entstehen, die sich Nährstoffe und Wasser aus der Erde holt. „Zum Schluss muss man immer gucken, ob der Baum richtig sitzt“, gibt der Forstwirt eine letzte Anweisung. Passt! Tusk lacht. Auch wenn es schon leicht im Rücken zieht. Die Aktion hier ist aber Kindergeburtstag im Vergleich zu den 30.000 Bäumen, die er mit Kollegen im vergangenen Jahr gepflanzt hat. Darunter Kiefern, die als Baumbabys so mini sind, dass man sich tief bücken muss. Obendrein werden die Bäumchen markiert, damit man sie beim Ausmähen von Brombeerranken und anderem Wildwuchs nicht gleich wieder wegsäbelt. „Das wäre ärgerlich nach der ganzen Arbeit und dem vielen Schweiß“, sagt Tusk, der uns noch verrät, dass es beim Pflanzen ganz unterschiedliche Techniken gibt. Je nach Baumart, die man eingraben will, gelte es etwa zu überlegen, ob man nun ein rundes Loch mit der Maschine bohrt oder mit dem Spaten einen Schlitz setzt. „Es gibt viele Überlegungen, wie man eine Pflanze technisch und qualitativ gut in den Boden kriegt. Für die richtige Entscheidung sollte man sich Zeit nehmen, denn ein Baum hat 200 Jahre Zeit, alt zu werden, da kommt es beim Pflanzen auf fünf Minuten nicht an“, sagt Volker Westermann. Für den Förster ist es auch nach über 30 Berufsjahren immer noch ein Wunder, durch den Wald zu streifen und daran zu denken, dass fast jeder Baum von Menschenhand in die Erde gesetzt wurde – von der natürlichen Verjüngung mal abgesehen. „Was ja auch wieder passiert, dass junge Pflänzchen ganz ohne menschliches Zutun groß werden.“ Fast immer ist Wald geplant – was nicht heißt, dass dabei nicht berücksichtigt wird, was die Natur selbst leistet. Für jedes Revier gibt es eine zehnjährige Betriebsplanung, die auch Forsteinrichtungswerk genannt wird. „Ich habe einen dicken Ordner, in dem steht, was für den Waldbestand vorgesehen ist und mit welchen Baumarten man den Wald in die nächste Generation überführt“, erläutert Jürgen Render. Für die moderne Forstarbeit sei die Vielfalt wichtig. Neben Nadelgehölz müssen Laubbäume stehen. Neben Nutzholz sollten Pflanzen wachsen, die Lebensraum für die Tiere des Waldes bieten. „Die richtige Mischung macht’s.“ Die stand zu Zeiten der Kulturfrauen noch nicht im Fokus der Waldarbeit. Fichten und Kiefern wurden angepflanzt, die Menschen hatten die Holzernte vor Augen. „Doch wie sich herausstellte, sind Fichten für diese Region nicht die richtige Baumart. Sie wachsen zwar an, bleiben aber instabil. Fichten mögen es kühler“, sagt Render. Auch Kiefern, die teilweise den Pfälzerwald prägen, sind alleine genommen keine Lösung für einen gesunden Wald. Man braucht sie, sagt Render – aber eben nicht nur. „Von den Monokulturen sind wir in der Forstarbeit ganz weggekommen.“ Auch wenn sich Forstarbeit verändert hat und andere Prinzipien gepflegt werden, profitieren die Menschen laut Render heute immer noch von der Arbeit der Kulturfrauen. „Und die Bäume, die wir jetzt pflanzen, werden zum Teil von Förstern in fünf Generationen geerntet.“ Dass dieser Generationenvertrag stets erfüllt wird, sei schon etwas Besonderes. Und irgendwie eine irre Vorstellung: „Wir schaffen die Grundlage für den Wald in 100 bis 150 Jahren.“ Ein Wunder ist es auch. Also, dass ein Baum groß und stark wird. Nicht jeder Baum, den Marco Tusk und Mattis Steyer im Schweiße ihres Angesichts eingraben, wird nämlich in 100 Jahren noch da stehen. Frustrierende Vorstellung? „Nö, wir wissen das ja und setzen immer gleich eine gewisse Menge“, sagt der Forstwirt. Sein Chef Render gibt ein Beispiel: „Auf eine fußballfeldgroße Fläche würden wir 5000 bis 6000 Bäumchen setzen. Im Erntealter stehen davon vielleicht noch 60 bis 80 Bäume.“ Die Pflanzen werden bewusst so dicht gesetzt, damit ihr Stamm auch stramm nach oben wächst. Und dann sortieren die Förster immer wieder aus. Den hoffnungsvollsten Bäumen, die Zukunftsbäume heißen, wird Platz gemacht, indem andere gefällt werden. „Wir können unsere Kiefern, Eichen oder Linden nicht düngen und nicht gießen, aber wir können ihnen Licht geben.“ Und wenn sich dann Wind und Wetter in 100 Jahren nicht in die Forstarbeit einmischen, steht er da, der stolze Baum. Das Wunder. Und wird vielleicht auch von einem Erstklässler liebevoll umarmt.

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