Rhein-Pfalz Kreis Viele Scheine, geringer Wert

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«Dannstadt-Schauernheim.» Günter Rupertus ist Millionär. Mindestens. Wahrscheinlich ist er gar Milliardär. Und der 80-Jährige aus Schauernheim geizt nicht mit seinen Scheinchen. Als er an einem Freitagvormittag im August zum Stand der RHEINPFALZ-Redaktion vor Ort auf dem Dannstadter Wochenmarkt kommt, zückt er ohne Zögern einen Schein aus seiner Sakko-Tasche. „20 Millionen Mark“ steht darauf. Inflationsgeld – aus einer Zeit, als die Zeit nicht so gut und das Geld kaum noch etwas wert war. Bevor die Nullen auf den Geldscheinen dramatisch zunahmen und die Wirtschaft in die Knie ging, herrschte Krieg. 1918 war das vierte Kriegsjahr des Ersten Weltkriegs und Ludwigshafen feierte die 65-jährige Wiederkehr der Erhebung zur Gemeinde. Von Beginn an wirkte sich der Krieg auch auf die städtische Finanzwirtschaft aus. Mangel an Kleingeld führte auch in Ludwigshafen und anderen Städten der Pfalz zur Einführung von Kriegsnotgeld. Das ist zum allgemeinen Umlauf bestimmtes Ersatzzahlungsmittel, das aus Mangel an staatlichem Münz- oder Scheingeld lokal ausgegeben wurde. Mit Notgeld sollte der Zahlungsverkehr aufrecht erhalten werden und vor allem die Auszahlung der Löhne ermöglicht werden, wenn nicht genug Zahlungsmittel bereitstanden. Daher gaben nicht nur Städte, sondern auch Firmen wie die BASF Notgeld heraus. Im Gegensatz zu regulären Geldscheinen hatte Notgeld nur eine begrenzte Gültigkeit und wurde von Banken und Geschäften angenommen. Das erste Notgeld in Deutschland wurde 1914 in Grenzgebieten, militärischen Aufmarschgebieten und industriellen Ballungszentren herausgegeben, da in den Grenzbereichen die Geldbestände von Staat und Gemeinden mit Ausbruch des Krieges ins Landesinnere gebracht wurden, damit sie nicht dem Feind in die Hände fallen konnten. Trotzdem ging das wirtschaftliche Leben in den Grenzregionen weiter, mussten Löhne und Waren bezahlt werden, weshalb hier als erstes lokales Notgeld gedruckt wurde. In der Pfalz war dies nur in St. Ingbert der Fall, das damals noch eine pfälzisch-bayerische Stadt war. Bereits mit der Herausgabe der ersten Notgeldscheine begann auch das Sammeln von Notgeld, das sich bis heute gehalten hat. Das Notgeld- und Briefmarken-Kontor in Annweiler war damals die einzige pfälzische Notgeldhandlung. Es gab Preislisten, Mitteilungsblätter wie „Der Banknotensammler“ und sogar einen „Deutschen Notgeld-Sammler Bund“. Dies lag vor allem an den variantenreich, meist mit viel Lokalkolorit gestalteten Scheinen. Da man damit Geld verdienen konnte, wurden später Notgeldscheine eigens für Sammler gedruckt und nicht für den Umlauf. Diese Scheine heißen dann Serienscheine – und einer dieser Sammler ist Günter Rupertus. Der 80-Jährige hat auch das Buch „Papiergeld von Baden 1849 - 1948“ geschrieben, ein Standardwerk für diese Sammelregion. Der Kenner besitzt zudem die einzige vollständige Sammlung von Notgeld aus Ludwigshafen von 1919 bis 1924 in zum Teil hervorragender Qualität. Darunter auch seltene Exemplare wie Notgeld der „Rheinischen Republik Stadt Ludwigshafen“ von 1923. Da die überlieferten Bestände dieses geldgeschichtlich und historisch wichtigen Sammelgebiets relativ überschaubar sind, kommt seiner Sammlung eine besondere Bedeutung zu. 1918 verschärfte sich die Kriegssituation und die Bevölkerung begann verstärkt Hartgeld zu horten. Parallel dazu sank der Kurswert der deutschen Währung. Im Zusammenspiel mit Teuerungen und Lohnerhöhungen konnte die Reichsbank keine ausreichenden Geldmengen herbeischaffen. Daher produzierten viele Gemeinden örtliches Notgeld, wofür sie vom Reich sogar die Hälfte der Druckkosten erstattet bekamen. In der Pfalz stellten 14 Städte, darunter Ludwigshafen, Speyer, Neustadt und Kaiserslautern lokales Notgeld her. Am 11. Oktober 1918 wurde in Ludwigshafen und am 10. Oktober in Frankenthal das erste Notgeld herausgegeben, nachdem die Reichsbankstelle in Ludwigshafen der Stadtverwaltung am 4. Oktober mitgeteilt hatte, dass das Reichsbankdirektorium in Berlin den gestiegenen Bedarf an Zahlungsmitteln nicht mehr befriedigen könnte und man daher der Stadtverwaltung die Ausgabe von Notgeld nahelege. Daher beschloss der Stadtrat in seiner Sitzung vom 11. Oktober 1918 die Herausgabe von Papiernotgeld mit den Nominalen Fünf, Zehn, 20 und 50 Mark, die bis zum 1. Februar 1919 gültig waren. Mit den Nachbarstädten Frankenthal, Speyer, Neustadt, Oggersheim und Mannheim wurde der Geltungsbereich des Ludwigshafener Notgelds auch auf diese Städte sowie auf die Landgemeinden im Umkreis ausgedehnt. Den Druck des Geldes übernahm die Hofbuchdruckerei Firma Weiß & Hameier, die für den Druck von Wertpapieren ausgestattet war. Damit beim Druck kein Betrug stattfinden konnte, fand eine Kontrolle durch den städtischen Kassenkontrolleur, assistiert durch Beamte der Stadtkasse, statt. Ausgegeben wurden die ersten Scheine ab 25. Oktober 1918 durch die Stadtkasse – insgesamt 683.385 Stück im Gesamtwert von 14.563.500 Mark. Wegen der auch 1919 zunächst noch bestehenden Knappheit an Zahlungsmitteln verlängerte der Regierungspräsident die Gültigkeit der Notgeldscheine im Regierungsbezirk Pfalz bis 1. April 1919. Zunächst verloren die 50-Mark-Scheine zum 31. März ihre Gültigkeit und bis 30. April 1919 auch die Fünf-, Zehn- und 20-Mark-Scheine. Die Vergütung geschah für Banken und öffentliche Kassen bargeldlos. Nur Privatpersonen erhielten beim Umtausch Bargeld. Bis zum Stichtag waren 4083 Scheine nicht eingelöst worden, die einen Wert von 72.395 Mark darstellten. Bis 1920 wurde die Einlösung doch noch fortgesetzt, da keine Fälschungen dieses Papiernotgeldes vorlagen, so dass letztendlich 1356 Scheine im Wert von 14.185 Mark nie eingelöst wurden. Sie dürften verloren gegangen – oder gesammelt worden sein. Damit war die Papiernotgeldausgabe 1918 abgeschlossen. Erst die sich verschärfende Situation auf dem Geldmarkt veranlasste 1922 die BASF, Gutscheine in den Wertstufen 500 bis 1000 Mark und 1923 sogar im Millionen- und Milliarden- bis Billionenwert herauszugeben, um der Zahlungsmittelknappheit zu begegnen. Heute zücken Menschen wie Günter Rupertus gerne mal so ein Scheinchen mit vielen Nullen. In Tagen, in denen Geld oft nur in Form von Plastikkarten transferiert wird, ist es ein Blick in die Vergangenheit. Einlösen wird die Scheine heute niemand mehr – und selbst ihr Wert als Sammlerobjekt ist überschaubar geworden. „Junge Leute sammeln heute ja nichts mehr“, sagt Rupertus, „weder Papiergeld noch Briefmarken.“ Der Markt für solche Dinge breche ein. „Alles nichts mehr wert“, sagt Rupertus. Da hilft es auch nichts, Milliardär zu sein.

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