Mutterstadt RHEINPFALZ Plus Artikel Tradition der Mutterstadter Waldfeste: Gesang und Genossen

 1967 kam eine US-Armee-Kapelle aus Ramstein zum SPD-Waldfest nach Mutterstadt.
1967 kam eine US-Armee-Kapelle aus Ramstein zum SPD-Waldfest nach Mutterstadt.

Die Einschränkungen durch die Corona-Pandemie treffen auch die Mutterstadter Waldfeste, die zu den Traditionsveranstaltungen im Ort zählen. Ab Mai sind diese an den Wochenende bis in den Sommer hinein ein beliebter Treff. Ihren Ursprung haben sie schon vor 140 Jahren im Mutterstadter Wald. Eine Erinnerung.

Zu Beginn nutzte insbesondere der damals neu gegründete, aber noch verbotene Arbeiterwahlverein solche Veranstaltungen. 1884 verwies das Bezirksamt deshalb darauf, dass „ von Seiten der Anhänger der Sozialdemokraten unter dem Vorwand der Ausführung von geselligen Zusammenkünften, sogenannten Waldfesten, die Abhaltung sozialistische Versammlungen versucht wird und eine ganz harmlose Zusammenkunft dazu dienen soll, die politische Veranstaltung zu verheimlichen“. Eine Polizeistreife kontrollierte deshalb den Mutterstadter Wald mit folgendem Ergebnis: „(…) daß sich eine größere Gesellschaft mit Frauen in Kindern niedergelassen habe. Ein Teil saß beim Bier und ließ sich Ziehharmonika spielen, der andere Teil sang Lieder und wieder andere pflückten Blumen und Erdbeeren. Reden seien nicht gehalten und keine Schriften verteilt worden (...)“.

1892 lud der Arbeiterwahlverein dann öffentlich zu seinem großen Waldfest in den prachtvollen „Maxgarten“ ein, mit Kletterbaum, Sacklaufen, Wettrennen und Waldpolonaise, mit einer Musikkapelle und mehreren Gesangvereinen. Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts wurden dann an verschiedenen Plätzen von immer mehr Vereinen solche Waldfeste abgehalten. Um dafür zu werben, gab es sogar Umzüge mit Musik durch Mutterstadt. Zu den ausrichtenden Organisationen gehörten auch Vereine aus Ludwigshafen, etwa die Freiwillige Sanitätskolonne, der Verband der Fabrikarbeiter oder der Eisenbahner- und Postpersonalverband. Aus Mutterstadt waren es, neben den Gesang-, Musik- und Turnvereinen, auch der örtliche Reichsbund der Kriegsbeschädigten, der Radfahrerverein „Frisch auf“, der Kriegerverein, die Kleintierzüchter, der Verein der Hundefreunde oder der katholische Jünglingsverein.

Scharping, Lafontaine und Beck als Redner

Die Bewirtschaftung war früher einfach. Die Besucher wanderten oder fuhren mit dem Rad sonntags in den Wald und saßen auf Decken im Freien. Für das Frischwasser wurde eine Pumpe in den Waldboden geschlagen, es gab Bier aus Holzfässern, die mit Eisstangen gekühlt wurden, dazu Zervelat – oder die Leute aßen ihr mitgebrachtes Vesper. Das war natürlich immer wetterabhängig. So ist im Protokollbuch des SPD-Ortsvereins über das Waldfest im August 1953 zu lesen: „(…) hätte ein schönes Familienfest gegeben, wenn nicht um 14 Uhr ein Dauerregen eingesetzt hätte. Aber als alte wetterfeste Genossen ließen wir uns nicht irre machen und alle Besucher wurden von einem Lkw in den Saal zum Ochsen gefahren sowie alle Eß- und Trinkwaren. Dort spielte die Musik weiter, und die auswärtigen Redner wurden mit großer Begeisterung angehört, und es war spät in der Nacht, bis der letzte Gast den Saal verließ (...)“.

Ab Mitte der 1950er-Jahre organisierte dann die SPD ihr Waldfest zum festen Termin am 30. April und 1. Mai als Maifest – mit Tanz, Musik und Festrednern. So spielte 1967 die Kapelle der 17. American-Air-Force-Band aus Ramstein und als Mairedner kamen in all den Jahren auch die SPD-Chefs Rudolf Scharping, Oskar Lafontaine und Kurt Beck.

Liebgewonnene Tradition wird derzeit vermisst

Wetterunabhängig wurden die Waldfeste mit dem Bau der Walderholungsstätte 1961 und der Erweiterung 1994 neben dem alten Waldhäusel. Seit 1966 koordiniert die „Vorständekonferenz“ die Zuteilung der Waldfeste. Deren Vorsitzender, Volker Reimer, bedauert, dass nach dem Maifest bis zu den Sommerferien in diesem Jahr wegen Corona noch weitere zehn Waldfeste ausfallen. Viele Menschen aus Mutterstadt und der Umgebung empfänden das als Verlust einer liebgewonnenen Tradition: Gemütlich in der Natur zu sitzen, Freunde und gute Bekannte zu treffen, und eine bodenständige Mahlzeit und erfrischende Getränke zu genießen. Reimer aber hofft für die Vereine, dass vielleicht einige Termine nachgeholt werden könnten – sobald wie möglich.

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