Otterstadt RHEINPFALZ Plus Artikel Theatergruppe brilliert mit Geschichte der Stickelspitzer

Das Wirtshaus als Dorfmittelpunkt: Hier braut sich im Otterstadter Theaterstück das Unheil zusammen.
Das Wirtshaus als Dorfmittelpunkt: Hier braut sich im Otterstadter Theaterstück das Unheil zusammen.

Als sich am Wochenende im Remigiushaus der Bühnenvorhang öffnet, verwandeln sich 23 Otterstadter und zwei Waldseer in große Komödianten, die lebensnah „Die Stickelspitzerg’schicht“ erzählen. Die Theatergruppe um Ingrid Lupatsch widmet sich in dem Theaterstück dem Ursprung des Otterstadter Uznamens.

Kurz vor Weihnachten 1896 gehen die Otterstadter einem angeblichen Geometer der königlich-bayerischen Regierung auf den Leim, der ihnen einen Bahnhof samt Zugverbindung nach Ludwigshafen verspricht und angibt, die Strecke vermessen zu wollen. Ludwig Gaß lässt es sich in Otterstadt einige Tage gut gehen, bekommt einen ordentlichen Vorschuss von der Gemeinde und von reichen Bauern und verschwindet dann nach Speyer, um angeblich die ausbleibende Überweisung der Regierung abzuholen. In Speyer allerdings wartet die Gendarmerie auf den Mann, denn er hat die gleiche Masche schon in Hassloch und Mutterstadt abgezogen.

Nachzulesen ist das alles in der Ortschronik von Ernst Berthold (1903-1983), der die Geschichte nach den Erzählungen seines Vaters Philip Jakob Berthold aufgeschrieben hatte. Auf der Bühne stürzt die Ankunft des Fremden (gespielt von Uwe Heene) in der Postkutsche das Dorf in helle Aufregung: So vornehm, elegant und städtisch in Auftreten und Kleidung ist der Herr. Er spricht hochdeutsch, sodass man sich mit Übersetzungen derart anstrengen muss, dass niemand auf die Idee kommt, es könne etwas nicht mit rechten Dingen zugehen.

Jeder hat so seine Träume

In freudiger Erwartung träumt Bürgermeister Jakob Fischer III (Uwe Reiland) vom künftigen Reichtum und der Bedeutung Otterstadts und Pfarrer Georg Schneider (Theo Böhm) von den Glocken der neuen Pfarrkirche. Mütter und Väter preisen dem fremden Herrn ihre Töchter an, nachdem sie erfahren haben, dass er noch ledig ist. Aber auch die reiferen Damen sind angetan von galanten Sprüchen und Handküssen. Und das Allerbeste: Die Otterstadter Bahnlinie soll weit um Waldsee herumführen. In Bauer Hillenbrands Scheune werden Bauern und Fischer vom Bürgermeister gerufen, um in Rekordzeit vor Weihnachten noch Stickel zu spitzen, die man für die Bahntrasse brauchen wird, wie der Geometer sagt.

Der Postbeamte und Gastwirtssohn Josef Holz (Detlef Schneider), dessen Postamt im Gasthaus Adler untergebracht ist, träumt aufgeregt davon, Bahnhofsvorsteher zu werden – mit einer schönen Uniform. Dabei hat doch gerade die neueste Technik in der Poststation Einzug gehalten: der Telefonapparat. Den bewacht der Josef wie ein Schäferhund seine Schafe: Wann der Apparat wohl einmal klingeln wird? Und ob er dann noch weiß, was man tun muss? Detlef Schneider brilliert als königlich-bayrischer Postbeamter, fest überzeugt von der Bedeutung seines Amts, aber – im buchstäblichen wie übertragenen Sinn – über die eigenen Füße stolpernd.

Waldseer haben was zu lachen

Am Ende klingelt das Telefon tatsächlich, aber was er von der Gendarmerie zu hören bekommt, lässt erst den armen Josef, dann die anderen Otterstadter schier zusammenbrechen: Alles war ein Betrug! Das Geld ist hin, aber schlimmer noch ist „die Schand, die Schand!“, wie der Bürgermeister stammelt. Die Waldseer haben es ja geahnt und lachen nun.

Bevor das Stück mit zwei Hochzeiten versöhnlich zu Ende geht, nehmen die Darsteller die Dorfbewohner von damals ordentlich auf die Schippe. Manch einer, der als Kind gut zugehört hat, wird in den Szenen die Erzählungen der Großeltern erkennen. Eine gute Idee war es deshalb, im Stück als Rahmenfigur eine Großmutter einzusetzen, die ihrem Enkel die Geschichte von den Stickelspitzern erzählt.

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