Waldsee RHEINPFALZ Plus Artikel St. Martin: Wenn Gans in die Röhre schaut

Im Gänsemarsch ging es im Sommer über die Wiese bei Waldsee. Jetzt ist das liebe Federvieh gerupft und bereit für den Ofen.
Im Gänsemarsch ging es im Sommer über die Wiese bei Waldsee. Jetzt ist das liebe Federvieh gerupft und bereit für den Ofen.

Der 11. 11. ist nicht nur ein närrisches Datum. Der 11. November ist auch Martinstag. Dieses Jahr ohne jeckes Treiben und ohne Umzüge mit Laternen. Corona ist schuld. Es hat sich ausgeleuchtet. Ach so? Was ist eigentlich mit der Gans? Hmmm ... leuchtet da am Ende des Ofens etwa doch noch ein Lichtlein?

Kinder freuen sich auf den 11. November. Normalerweise. Denn an diesem Tag wird mit selbstgebastelten Laternen durch die Straßen gezogen. Es wird gesungen, und am Martinsfeuer gibt es heißen Punsch. Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterne ...

Fällt dieses Jahr flach. Corona lässt es nicht zu, dass sich viele Menschen treffen – und womöglich auch noch singen. Kein schöner 11. November also diesmal. Da geht es dem Menschen ein bisschen wie der Gans. Für Gänse ist der 11.11. allerdings generell kein guter Tag. An dieser Sache ändert die Pandemie nichts. Gegessen wird trotzdem. Und der Gans geht es an den Kragen.

Doch lassen Sie uns das Gänseleben nicht beenden, bevor die Geschichte hier richtig angefangen hat. Und wer denkt nicht gerne an den Sommer. Die Sonne und das Leben, das in diesen Monaten ein wenig freier war. Für Mensch wie Gans. Rund 250 Federtiere sind auf dem Gänsehof Ackermann in Waldsee aufgewachsen. Sie hatten eine gute Zeit mit weitem Auslauf und ganz viel frischer Luft. Sie haben Getreide aus eigenem Anbau bekommen, durften auf der Wiese picken und in Wasserpfützen planschen. Die Ackermanns bekommen die Gänse als „Halbstarke“ und ziehen sie auf. Bis, ja bis ...

Privat schmeckt die Gans wie jedes Jahr

Das Martinsfest hat rund ein Drittel von ihnen nicht mehr erlebt, denn trotz Corona gilt für Monika und Armin Ackermann: „Alles wie immer. Wir verkaufen fast ausschließlich an Privatleute, und die lassen sich ihre Martinsgans schmecken wie in jedem Jahr“, sagt Armin Ackermann. „Zum Glück haben wir keine Restaurants als Kunden.“ Doch auch für die übrig gebliebenen Gänse sind die Tage gezählt: Sie kommen Weihnachten auf den Tisch. Die Bestellungen laufen bei den Ackermanns im Moment auf Hochtouren und Ende November sind sie dann üblicherweise ausgebucht.

Übrigens: Den Gänsen hätte es nichts genutzt, wenn coronabedingt keiner mehr hätte Braten essen wollen. Monika Ackermann sagt da knallhart: „Dann hätten wir sie trotzdem schlachten und vernichten müssen.“ Weiterfüttern sei viel zu teuer, und in einigen Monaten habe sie keiner mehr essen wollen, weil das Fleisch hart wird. Na ja, vielleicht hätte der Fuchs ja noch die Gans gestohlen ...?

Warum sind die Menschen eigentlich so versessen darauf, Gänse am Martinstag zu verspeisen? Dafür gibt es einige Erklärungsversuche. Und: Ist der Gänsebraten am Ende die Rache für den Verrat? Gehen wir mal zurück ins vierte Jahrhundert nach Christus. Die Legende vom Heiligen Martin kennt jedes Kind: Als Soldat im französischen Amiens stationiert, trifft er im bitterkalten Winter einen Bettler, der erbärmlich fror. Martin teilte darauf seinen Mantel mit dem Schwert und gab dem Bettler einen Teil des Mantels. Im Traum erschien ihm in der folgenden Nacht Christus, bekleidet mit dem Mantelteil des Bettlers und sagte: „Martinus, der noch nicht getauft ist, hat mich mit diesem Mantel bekleidet.“ Martin war sehr beeindruckt und beschloss, sich taufen zu lassen. Er quittierte den Dienst in der Armee, wurde Priester und lebte zunächst als Einsiedler. Später gründete er das erste Kloster des Abendlandes. Als Jahre später ein Nachfolger für den Bischof von Tours gesucht wurde, schlugen die Menschen Martin vor. Der wollte nichts davon wissen und versteckte sich im Gänsestall. Doch die Gänse haben ihn durch ihr Geschnatter verraten. Aber Rache für den Verrat? Das passt jetzt so überhaupt nicht zum mildtätigen Heiligen Martin.

Ein Festtagsbraten

Andere Erklärungen sind da schlüssiger: Als es noch Leibeigenschaft gab, war am Martinstag die Zahlung der Pacht an die Lehnsherren fällig, und die wurde hauptsächlich in Naturalien beglichen, gerne zum Beispiel mit Gänsen als Zahlungsmittel. Für die Lehnsherren ein Festtagsbraten. Doch auch nach Ende der Leibeigenschaft blieb der Martinstag Zahltag: Die Bauern zahlten ihre Saisonarbeiter aus. Wenn sie es sich leisten konnten, schlachteten sie Gänse. Und all diejenigen, die über den Sommer zusammengearbeitet hatten, versammelten sich noch einmal zu einem Festessen, bevor eine 40-tägige Fastenzeit bis Weihnachten begann.

Gänse isst man bis heute gerne am Martinstag, die Fastenzeit danach ist allerdings in Vergessenheit geraten. Total. Aber auch die Vorweihnachtszeit wird heuer wohl ein bisschen anders. Ohne Einkaufsgetümmel und Weihnachtsmärkte. Aber Plätzchen gibt es. Lebkuchen. Und Weihnachtsgänse.

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