Rhein-Pfalz-Kreis
Vogelexperte: „Störche sind ein Indikator für Probleme“
Herr Dolich, die Störche sind wieder da. Auf Wiesen im Rhein-Pfalz-Kreis kann man inzwischen bis zu 80 Vögel beobachten, die dort gemeinsam Picknick machen. Den Tieren scheint es hier zu gefallen. Und es ist erstaunlich, so viele Störche auf einmal sehen zu können.
So viele Störche zusammen sieht man oft erst nach der Brutzeit. Momentan sind die Störche noch mit der Aufzucht ihres Nachwuchses beschäftigt. Aber es ist richtig, die Storchenpopulation bei uns hat sich gut erholt. Und Störche sind gesellige Tiere, die gerne in der Truppe rasten. Sie sind alle dabei, wenn es irgendwo ein günstiges Nahrungsangebot gibt.
Was ist für Störche ein günstiges Nahrungsangebot?
Eine frisch gemähte Wiese finden sie toll, weil es dann etwas zu futtern gibt. Im kurzen Gras finden sie ganz leicht Würmer, Frösche, Schnecken und anderes Getier. Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Verhaltensbiologie in Radolfzell und des Max-Planck-Instituts für Chemie in Mainz haben etwas Interessantes herausgefunden: Störche können frisch gemähtes Gras riechen. Vor allem, wenn die Windrichtung stimmt und der Duft zu ihnen getragen wird. Dann können sie das Gras noch in 16 Kilometer Entfernung wahrnehmen. Das ist sehr interessant, finde ich. Störche stellen sich aber auch ein, wenn Gemüsereste auf den Feldern ausgebracht werden - immer auf der Suche nach Kleingetier dazwischen. Das führt auch zu Problemen.
Sie meinen die Sache mit den Gummiringen?
Richtig. Gummiringe, wie sie etwa zum Bündeln von Radieschen genutzt werden und teils auf den Feldern liegen bleiben, betrachten Störche als Nahrung und sie verfüttern sie an ihren Nachwuchs. Störche können Unverdauliches als eine Art Gewölle herauswürgen. Aber Gummiringe verklumpen nicht. Sie bleiben im Magen der Vögel liegen und gaukeln ihnen vor, satt zu sein. Die Tiere verhungern. Wir sind mit Landwirten dabei, Lösungen zu finden. Aber auch der Lebensmitteleinzelhandel muss mitwirken. Störche sind ein Indikator für solche Probleme. Fremdkörper in der Natur können auch anderen Tieren schaden. In Sachen Gummiringe können zum Beispiel Reiher leiden, die ebenfalls auf Äckern Nahrung suchen.
Gibt es Daten, wie sich das Storchenvorkommen in der Region in den letzten Jahren entwickelt hat?
Ja, da weiß man, dass die Bestandsentwicklung nach oben geht. In den 70er-Jahren war der Storch in Rheinland-Pfalz ausgestorben. Von 1973 bis 1995 gab es gar keine Bruten mehr. Erst ab 1996 ging es wieder los. Weißstörche wurden wieder angesiedelt. Das lief über das Storchenzentrum in Bornheim und die Aktion Pfalzstorch. Der Bestand erholte sich nach und nach. Mehr noch: Nach den letzten Bestandsaufnahmen 2022 gibt es nun so viele Störche wie niemals zuvor. Derzeit haben wir 521 Brutpaare in Rheinland-Pfalz.
Warum konnte sich der Storch bei uns so gut erholen?
Da spielen verschiedene Faktoren eine Rolle. Der Weißstorch hat sich umgestellt. Sein Zugverhalten hat sich beispielsweise verändert. Früher sind die Vögel über die Wintermonate bis nach Afrika geflogen. Die Störche Südwestdeutschlands nahmen etwa die westliche Zugroute über Gibraltar und die Sahara, um in der westafrikanischen Sahelzone zwischen Senegal und Tschad den Winter zu verbringen. In den letzten Jahren haben sich aber mehr und mehr Störche den Weiterzug abgewöhnt. Sie bleiben in Südspanien, wo sie auch in den Wintermonaten auf Mülldeponien ausreichend Nahrung finden. Oder auf Reisfeldern. Dort schlagen sie sich durch und schenken sich den anstrengenden, kräftezehrenden Fernflug. Störche sind zudem flexibler bei der Nahrungssuche geworden – auch bei uns bedienen sie sich auf Abfallzwischendeponien an Fressbarem.
Gibt es Schwerpunkte im Kreis? Also haben Störche Lieblingsgemeinden?
Der Rhein-Pfalz-Kreis an sich ist beliebt bei Störchen. Er steht an vierter Stelle in Rheinland-Pfalz. Mehr Störche gibt es noch im Kreis Germersheim, an der Südlichen Weinstraße und bei Pirmasens. 2022 gab es im Rhein-Pfalz-Kreis 55 Brutpaare, das Jahr davor waren es sogar 60. Schwerpunkt ist Bobenheim-Roxheim mit 30 Paaren im vergangenen Jahr. Böhl-Iggelheim hatte 2022 zehn Paare. Im Wildpark in Rheingönheim gibt es dieses Jahr 13 Nester.
Woher kommen die Zahlen?
Die Aktion Pfalzstorch und die Landesarbeitsgemeinschaft Weißstorch vom Nabu stellen jährlich solche Daten zusammen. Beim Weißstorchmonitoring hilft den Mitarbeitern, dass die Tiere beringt werden und zum Teil Sender angehängt bekommen.
Warum haben Störche ihre Lieblingsgemeinden?
Sie lassen sich dort nieder, wo sie genug zu fressen finden. Bobenheim-Roxheim etwa hat den Vogelpark. Die Störche profitieren von der Fütterung dort. Das gleiche Beispiel gibt es übrigens auf der anderen Rheinseite mit dem Luisenpark. Zudem sind die Neckarwiesen eine gute Nahrungsquelle und gar ein Paradies nach Hochwasser. Genauso die Felder und Wiesen im Rhein-Pfalz-Kreis.
Muss man Störche heute überhaupt noch ansiedeln? Nisthilfen bauen?
Nein, das ist nicht mehr nötig. In dieser Hinsicht sind sich alle Organisationen rund um Natur- und Vogelschutz einig. Das wird im Prinzip auch nicht mehr gemacht. Der Bestand hat sich so gut etabliert.
Warum ist der Storch so hip? Kaum ein anderer Vogel erfährt so viel Aufmerksamkeit.
Störche haben sich schon immer gerne in der Nähe von Menschen aufgehalten. Für die Menschen hat der Vogel viel Symbolkraft. Er steht für Glück und Treue. Er ist ein Frühlingsbote. Babybringer. Und einfach ein Sympathieträger. Man gibt den Störchen im Dorf Namen. Und wartet im Frühjahr darauf, dass Hansi und Klappi wiederkommen.
Kann das auch schlecht sein, dass sich so sehr um den Storch bemüht wird? Ich habe mal gelesen, dass Störche rund ein halbes Kilo Nahrung am Tag benötigen. Je mehr Störche sich also ansiedeln, desto mehr Frösche, Würmer, Insekten oder Küken anderer Vogelarten werden verspeist.
Prinzipiell und punktuell kann das ein Problem sein. Zum Beispiel dort, wo es letzte Kiebitze gibt. Dort würde man auch keine Störche ansiedeln, denn die Küken der Kiebitze sind bei ihnen beliebt. Generell ist es so, dass es nicht zu viele Störche gibt. Das ökologische Gleichgewicht ist durch den Storch nicht gefährdet. Und es ist davon auszugehen, dass sich der Storchenbestand auf einem bestimmten Niveau einpendeln wird und nicht mehr zunimmt. Die Bestände regeln sich über Lebensraummöglichkeiten. Etwa über das vorhandene Futterangebot. Eine Art rottet nicht ihre Nahrungsgrundlage aus. Das gilt im Übrigen auch für Kormorane, denen Angler vorwerfen, den ganzen Fisch wegzufressen. Tiere kommen dahin, wo sie etwas zu futtern finden – und gibt es viele Mäuse, gibt es viele Eulen und Bussarde. Dann regulieren sich die Bestände wieder.
Was sollten wir noch für den Storch tun – und was nicht?
Nisthilfen braucht er nicht mehr. Wichtig ist, die anfangs erwähnte Gummiring-Problematik in den Griff zu bekommen. Auch Stromleitungen können den Vögeln gefährlich werden. Es gibt immer wieder Meldungen von toten Jungvögeln durch ungesicherte Stromleitungen. Gesetzlich ist es vorgeschrieben, dass Masten und Hochspannungsleitungen gesichert sein müssen, inzwischen haben die Energieversorger weitestgehend nachgerüstet.
Welcher Vogel könnte denn außerdem unsere Aufmerksamkeit und Hilfe gebrauchen?
Da gibt es schon noch einige. Kiebitze sind wie gesagt kurz vor dem Aussterben. Es gibt ein Projekt der Gesellschaft für Naturschutz und Ornithologie Rheinland-Pfalz (Gnor), das vom Land finanziert wird – ein Versuch, den Kiebitz zu retten. Wir schützen die letzten Vorkommen, indem wir zum Beispiel Körbe über die Nester stülpen. Die sollen Nesträuber wie Füchse fernhalten. Ach so, das muss ich vielleicht dazu sagen: Kiebitze brüten auf dem Boden. Gerne auf Feldern. Das heißt, auch Traktoren sind eine Gefahr. In diesem Bereich arbeiten wir gut mit den Landwirten zusammen. Die Nester werden markiert und von der Bearbeitung ausgespart. Es gibt noch mehr bedrohte Vogelarten. Die Lachmöwe gehört dazu. Oder die Flussseeschwalbe, die hier im Kreis noch vorkommt und geschützt wird. Aber genauso die oft erwähnte Haubenlerche. Auch wenn sie Bauprojekte stoppt: Diese Art ist so bedroht, dass in Walldorf Katzen weggesperrt werden.
Das ist in Baden-Württemberg ...
Richtig. Aber in Rheinland-Pfalz sieht es ja nicht anders aus. Es gibt insgesamt 20 Brutpaare. Zehn davon leben im Rhein-Pfalz-Kreis. Es gibt zwei bekannte Vorkommen. Bei Schauernheim/Gronau/Assenheim sowie Böhl-Iggelheim.
Ein bei Vögeln beliebter Kreis.
Absolut. Und das ist doch auch sehr schön so.
Interview: Britta Enzenauer
Zur Person
Thomas Dolich wurde 1959 in Speyer geboren und wuchs in Hanhofen auf. Heute lebt er in Neuhofen. Er machte eine Ausbildung bei der BASF, bildete sich innerhalb des Konzerns weiter und arbeitete dort bis zu seinem Ruhestand. Bereits seit seiner Kindheit hat er über Vater Georg Dolich intensiven Kontakt zur heimatlichen Natur, insbesondere zur Vogelwelt. Bis heute ist Thomas Dolich aktiv im vom Vater mitbegründeten Vogel- und Naturschutzverein in Hanhofen. Außerdem ist er Mitglied in mehreren Naturschutzverbänden. Seit 1977 ist Dolich ehrenamtlicher Mitarbeiter des Max-Planck-Instituts für Verhaltensbiologie (Vogelwarte Radolfzell). Seit 1984 sitzt der Neuhofener im Fachbeirat für Naturschutz des Rhein-Pfalz-Kreises, von 2010 bis 2020 war er Vorsitzender. Seit 2016 ist er Vorstandsmitglied und seit 2022 Vizepräsident der Gesellschaft für Naturschutz und Ornithologie Rheinland-Pfalz (Gnor). btw/Foto: Otfried Dolich.