Mutterstadt
„Sieben Wochen ohne Pessimismus“ – Ein Interview mit Pfarrer Heiko Schipper aus Mutterstadt
Herr Schipper, mal ganz provokant gesagt: 40 Tage voller Zuversicht schafft man doch eh nicht.
Ich versuche, sieben Wochen ohne Pessimismus zu leben. Es fällt uns als Kirche angesichts von Kirchenaustritten nicht leicht. Aber ich fand die Idee schön, das Thema Zuversicht in die Fastenzeit reinzubringen. Wir glauben schließlich an Gott, der ungeahnt Möglichkeiten hat und uns weiterhilft
Was bringt ein positiver Blick auf die Dinge?
Ich finde, dass es einen zufriedener macht. Das klingt zwar nach so einem Kitsch-Glück-Spruch, aber die Wirkung ist erstaunlich. Ich zwinge mich jeden Abend zu überlegen, was gut an diesem Tag war. Und plötzlich entdecke ich an einem Tag, der so richtig mies war, doch etwas Gutes. Da ändert sich mein Selbstwertgefühl. Es ist schön zu merken, dass man auch mal positiv in die Zukunft schauen kann, auch wenn man meint, immer nur schlechte Nachrichten zu hören.
Da haben Sie recht. Klimawandel, Kriminalität, Terror – überall werden Ängste geschürt. Was macht das mit den Menschen?
Leute wollen die Sensation. Vielleicht bekommen sie deshalb den Eindruck, es wird alles immer schlimmer, obwohl das gar nicht so ist. Im Gegenteil: Ich denke uns geht’s so gut wie noch nie und trotzdem sind wir unzufrieden. Schlechte Nachrichten gibt es heute in Echtzeit. Wir als Kirche müssen da das Positive rausstellen. Wir haben bei uns zwei Gemeindefeste, bei denen sich je 130 Leute engagieren. Das ist doch mal was Positives. Aber darüber wird nicht auf Seite Eins berichtet. Man merkt das ja auch an der Politik: Gute Arbeit gibt einen Zweizeiler. Wenn was daneben geht, kommt ein Brennpunkt. Dadurch verschiebt sich der Fokus und es fällt uns schwerer, das Positive zu sehen.
Kann man lernen, das Positive zu sehen, optimistisch zu sein?
So wie Baron von Münchhausen schafft man das nicht, sich einfach an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zu ziehen. Wenn ich zum Pessimismus neige, ist das schwierig. Mir persönlich hilft es, die Blickrichtung zu ändern, um das Positive sehen. Mir hilft auch abends Gott die Sorgen zu übergeben. Morgens kriege ich sie wieder, aber sie haben sich verändert. Ich denke, dass man das ein Stück weit einüben kann, aber es klappt nicht immer. Oft sieht man das Positive erst im Nachhinein. Da sieht man, dass es gar nicht so schlecht war, dass das ein oder andere nicht geklappt hat. Sich an solche Sachen erinnern ist gut.
Als Pfarrer kennen Sie da bestimmt auch ein gutes Beispiel aus der Bibel.
Mir gefällt die Geschichte von dem sinkenden Petrus. Er geht mit Jesus über das Wasser. Doch als er nach unten sieht und zweifelt, versinkt er. Im Leben hat man auch manchmal den Eindruck, man muss über ein Wasser von Sorgen gehen. Wenn ich nur auf die Sorgen und Probleme gucke, versinke ich darin und sehe die ausgestreckte Hand, die mich herausziehen möchte nicht. Die Geschichte gibt mir Zuversicht, denn oft denke ich, das schaffe ich nicht und plötzlich hab ich es doch geschafft. Wenn man sich das klarmacht, kann man mit Zuversicht ins Leben gehen. Das fällt manchen leichter anderen schwerer. Aber ich glaube, jeder hat diese Erfahrungen gemacht, gemerkt, dass man schon einmal die Kraft hatte.
Schon, aber es gibt Situationen, da geht das einfach nicht.
Dass es jedem mal zu viel wird, ist ja ganz klar. Manchmal könnte man wirklich verzweifeln. Und den Glauben nicht zu verlieren, ist nicht einfach. Wenn ich zum Beispiel ein Kind beerdige, dann ist da nichts Positives, da gibt es keine Erklärung, warum das so sein muss. Ich kann Gott nicht verstehen, auch als Pfarrer nicht. Ich verstehe es nicht, warum wir durch dieses finstere Tal müssen. Aber Gott hat uns nicht versprochen, uns jeden Wunsch zu erfüllen, doch er hat uns die Verheißung gegeben. Und man kann Gott alles an den Kopf werfen, das hält er aus. Ich bin von dieser Hoffnung getragen, dass Gott uns, wenn er uns nicht zu helfen scheint, uns doch die Kraft gibt, damit umzugehen.
Sind Frauen optimistischer als Männer? Kommen sie leichter klar?
Das ist als Mann schwer zu sagen. Was ich beobachtet habe ist, dass Menschen die wirklich alt werden, optimistischer sind. Ich war beeindruckt von einer 100-Jährigen, die ich im Krankenhaus besucht habe, um sie zu trösten, und ich komme als Beschenkter heraus, weil sie so positiv eingestellt war.
Noch mal zurück zur Fastenzeit. Zuversicht ist schon ein ungewöhnliches Thema, oder?
Ja. Unter Fasten versteht man erst mal: Ich verzichte auf etwas. Dieses Jahr geht es darum, den Blick einfach mal zu ändern. Die Fastenzeit geht auf Ostern hin, das ist das Zentrum unseres christlichen Glaubens. Das ist alles passiert, um uns die Zuversicht zu geben, dass es nach dem Tod weitergeht. Jesus ist nicht einfach am Kreuz gestorben, die Geschichte geht ja weiter.
Interview: Christine Kraus
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