WALDSEE RHEINPFALZ Plus Artikel Seit 70 Jahren Sängerin im Kirchenchor

Mag die Gemeinschaft im Kirchenchor: Maria Brückmann.
Mag die Gemeinschaft im Kirchenchor: Maria Brückmann.

Seit sage und schreibe 70 Jahren singt Maria Brückmann im Waldseer Kirchenchor. Ihre Stimme ist bekannt: Früher gestaltete sie viele Solopartien, und auch heute singt sie beim Sopran mit. Dass sie nach der Heirat nicht ausgeschieden ist, war damals keine Selbstverständlichkeit.

„Ich kann da ja nichts dafür“, meint sie, auf ihren schönen Natursopran angesprochen. „Ich habe die Stimme ganz ohne eigenen Verdienst vom lieben Gott als Geschenk erhalten. Also muss ich sie auch einsetzen.“ In jüngeren Jahren erreichte sie mühelos das hohe C, aber auch jetzt noch, mit immerhin 84 Jahren, ist sie eine hochgeschätzte Verstärkung des Soprans, wenn sie auch seit Jahrzehnten keine Solopartien mehr übernommen hat. „Mit unserer Chorleiterin Christina Riffel haben wir ja eine ausgebildete Sopranistin“, sagt die Waldseerin.

1950 trat Maria Brückmann mit 14 Jahren in den Chor ein. „Das war damals so üblich“, erzählt sie. „Nach dem Abschluss der Volksschule kamen die Mädchen zum Kirchenchor. Es war der einzige Chor, in dem auch Frauen sangen.“ Nebenbei habe das Mitmachen im Chor die Möglichkeit geboten, als junges Mädchen abends noch alleine ausgehen zu können, wie sich die Seniorin erinnert. Die Bräuche waren damals streng für Mädchen, die Jungen hatten weit mehr Möglichkeiten der Freizeitgestaltung. „Viele sind aber auch einige Jahre später wieder ausgeschieden, aus verschiedenen Gründen“, erzählt Brückmann. Trotzdem: Der Chor hatte zeitweise mehr als 100 Mitglieder und später lange Zeit einen festen Bestand von um die 60 Sängerinnen und Sängern. Heute hat er immerhin noch 43.

Vom Chorleiter überredet

Der häufigste Grund für das Ausscheiden der jungen Frauen war die Heirat. „Es war einfach so üblich, mit der Heirat schied man aus“, berichtet Brückmann. Als sie selber heiratete und ausscheiden wollte, kam Chorleiter Heinz Tremmel, in ganz Waldsee bekannt als der „Orgel-Heinz“, auf sie zu und bat sie, zu bleiben. „Sag mir, wo steht das denn geschrieben, dass verheiratete Frauen zu gehen haben?“, habe er gefragt. „So bin ich halt geblieben, und nach mir sind immer mehr Frauen dabei geblieben“, erzählt Brückmann. Ihren Mann hat sie übrigens bei einem Kirchenchor-Ausflug kennengelernt, auf der Loreley. Manfred Brückmann, der aus dem Rheinland stammt, machte mit drei Freunden gerade zur selben Zeit einen Ausflug dorthin. „Und nun sind wir schon 63 Jahre verheiratet“, sagt die Waldseerin.

Dirigent Heinz Tremmel wusste, warum er unbedingt wollte, dass die Sängerin dabei blieb. Schon bald nach ihrem Eintritt sang sie die erste Solo-Partie: Die Magd bei der Passion, die regelmäßig am Karfreitag in der Kirche aufgeführt wird. Der Magd folgten noch viele weitere Solo-Partien, eingebettet in Chorpartituren oder auch mal an den Feiertagsgottesdiensten solo. Dann kamen immer öfter Leute mit der Bitte, bei der Hochzeit zu singen. „Meist wurde das Ave Maria von Bach/Gounod gewünscht“, berichtet Brückmann. „Das singe ich auch sehr gerne, zumal ich meine Namenspatronin sehr verehre.“ Bei Beerdigungen sei auch „Ich bete an die Macht der Liebe“ nachgefragt worden.

Auch Schlager im Repertoire

„Ich habe dafür nie was verlangt“, sagt die 84-Jährige. „Die Leute haben sich mit einem Kuchenpaket bedankt oder mir mal zwanzig Mark in die Hand gedrückt. Das war nicht wichtig. Aber wenn ich von der Empore gesehen habe, dass so mancher das Taschentuch gezückt hat, habe ich gedacht: Da hast du wirklich jemanden bewegen können.“ Hat sie nie an eine sängerische Ausbildung in Erwägung gezogen? „Angesprochen hat man mich schon, aber ich habe gedacht: Wer weiß, wo ich da mal lande. Ich wollte lieber mein Leben hier führen.“

Es war nicht immer nur Kirchenmusik: Als Brückmann etwa 17 Jahre war, sang sie mal bei einer Tanzveranstaltung in Waldsee einen Schlager mit einer Mannheimer Tanzkapelle. Die wollten sie danach auf Dauer dabei haben. „Sie sprachen mit meinen Eltern, und die sagten: Einverstanden, wenn ihr sie abholt und nach Hause bringt und gut auf sie aufpasst.“ Ein Jahr sang Brückmann mit der Gruppe.

Aber ihre ganze Liebe galt doch immer dem Waldseer Kirchenchor. „Durch das gemeinsame Singen ist da so ein wunderbarer Zusammenhalt, eine Gemeinschaft, die über das Singen hinausreicht“, findet sie. „Als ich vor ein paar Jahren nach einer längeren Krankheit wieder kam und sich alle so gefreut haben – das war echt, nichts Aufgesetztes. Mir ist das Herz aufgegangen. So lange der liebe Gott mich noch lässt und ich noch kann, will ich dabei bleiben und mitsingen.“

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