Bobenheim-Roxheim
Seelsorger im Altenheim: „Mir kamen selbst die Tränen“
Herr Best, Sie sind seit 25 Jahren Lektor in der protestantischen Gemeinde Bobenheim-Roxheim, was genau ist Ihre Aufgabe im Lektorenamt?
Der Lektor macht eine Ausbildung, um Gottesdienste halten zu können. Wir bekommen dann vorgearbeitete Predigten, auf die wir zurückgreifen können. Ich bearbeite diese Predigten aber gerne so, dass ich sie selbst verstehe und auch so weitergegeben kann. Dann suche ich die passenden Lieder und passende Gebete dazu aus, gebe dem Organisten und dem Kirchendienst Bescheid und mache sonntags den Gottesdienst. Oder auch den im Altenheim. Was Lektoren nicht machen, sind Beerdigungen oder Hochzeiten.
Ach so, Sie springen also für den Pfarrer ein. Wie oft passiert das denn?
Ich mache im Monat drei, manchmal auch vier Gottesdienste. Sowohl in der Kirche als auch im Altersheim in Bobenheim-Roxheim. Wenn etwa ein Pfarrer im Urlaub ist, werde ich gefragt, ob ich die Vertretung machen kann. Diese Vertretungen mache ich auch in Frankenthal im Haus Edelberg, im Hieronymus-Hofer-Haus oder in der Stadtklinik. Wir gehören ja zum Dekanat Frankenthal. Es gibt immer mehr Lektoren im Dekanat, die bereit sind, ehrenamtlich bei Gottesdiensten einzuspringen.
Wie viel Aufwand steckt dahinter?
Früher im Job konnte ich noch nicht so viele Dienste übernehmen, auch wenn mich meine Frau unterstützt hat. Seitdem ich im Ruhestand bin, habe ich mehr Zeit dafür. Es ist ja nicht so, dass man einfach nur Sonntagfrüh in die Kirche geht und loslegt, man muss sich auch vorbereiten. Da sitze ich manchmal schon drei bis vier Stunden dran, um so einen Gottesdienst vorzubereiten.
Und wie wird man Lektor?
Man kann sich bei Interesse beim Pfarrer melden, es kann aber auch sein, dass die Kirche von sich aus auf die jeweilige Person zukommt. Ich bin damals angesprochen worden. Das Presbyterium muss dann den Beschluss fassen, dann geht das an die Landeskirche und irgendwann bekomme ich eine Einladung zu einem Vorgespräch und dann beginnt der Lehrgang. Wir werden immer fünf Jahre ernannt. Wenn die ablaufen, werden wir angefragt, ob wir noch Interesse haben.
Was gefällt Ihnen daran so sehr, dass Sie das über einen derart langen Zeitraum machen?
Über die Gründe denke ich selbst immer wieder nach und merke dann, dass ich den Menschen etwas rüberbringen will. Das treibt mich an, mit den Menschen Zeit zu verbringen, mit älteren und kranken Menschen Zeit zu teilen, das ist eine Freude für mich.
Sie arbeiten mit den Menschen auch über die Gottesdienste hinaus zusammen?
2015 hat das Caritas-Altenheim in Bobenheim-Roxheim eröffnet und ich hatte mich für die Dienste dort interessiert. Ich habe dann eine Zusatzqualifikation für Altenheimseelsorge und den Umgang mit Demenzkranken erworben. Ich wollte mit Demenzkranken umgehen können, bevor ich dort Gottesdienste mache. Seitdem bin ich dort tätig und mache neben Gottesdiensten auch Kranken- und Geburtstagsbesuche. Ich bin fast jede Woche im Altenheim.
Klingt nach einer herausfordernden Aufgabe.
Wenn Leute nicht mehr zum Gottesdienst gehen können, weil sie ans Bett gebunden sind, gehe ich danach zu ihnen ans Bett und erzähle, was im Gottesdienst passiert ist. Dann spreche ich mit ihnen ein Vater Unser und gebe ihnen den Segen. Ich mache das gerne für die alten Leute, sie freuen sich, wenn sie Besuch kriegen. Viele haben keine Angehörigen mehr, es kümmert sich bis auf das Heimpersonal niemand mehr um sie. Als ich nach den Corona-Beschränkungen das erste Mal wieder einen Gottesdienst gehalten habe, saßen die Leute dort ganz stumm und hatten Tränen in den Augen. Es fiel mir selbst schwer, dann wieder den Kontakt zu bekommen. Sollte es eine erneute Pandemie geben, würde das sicher anders gehandhabt werden.
Was sollte man in so einem Fall anders machen als zur Corona-Zeit?
Vor allen Dingen, dass die Heimbewohner Besuch empfangen dürfen und sie Kontakt zur Außenwelt halten können. Die Pflegekräfte haben oft nicht die Zeit, den Heimbewohnern zuzuhören. Aber es wird dort auch gesungen, Bingo gespielt und es werden Feste gefeiert. Wir von der Kirche geben unser Bestes dazu. Wichtig für uns ist es, Vertrauen zu den Heimbewohnern aufzubauen.
Wie gelingt Ihnen das?
Ich erinnere mich an eine Frau, die hatte niemanden mehr und kam aus einem aufgelösten Altersheim nach Bobenheim-Roxheim. Sie sagte mir anfangs, sie wolle mit der Kirche nichts zu tun haben. Ich habe sie dann gefragt, welchen Beruf sie früher hatte. Sie war bei der Post Vermittlerin von Telefonaten am Klappschrank. Das hatte meine Mutter früher selbst gemacht. Von diesem Tag an waren wir beste Freunde. Sie hat immer schon auf mich gewartet. Dadurch ist sie aufgelebt. Man muss sich nicht immer über Gott unterhalten.
Wie gehen Sie als Heimseelsorger damit um, wenn die Menschen mit denen Sie arbeiten, sterben?
Wenn jemand stirbt oder im Sterben liegt, ruft der Heimleiter bei mir an und ich segne die Menschen aus und bete noch einmal mit den Angehörigen. Ich bereite mich vorher innerlich auf die Situation vor, aber hinterher bin auch ich geschafft. Die eben erwähnte Frau, die nichts mit der Kirche zu tun haben wollte, wurde eine gute Freundin von mir. Als sie gestorben ist, war ich sehr traurig und mir kamen selbst die Tränen. Doch ich kann mit meiner Frau über diese Dinge reden, um sie zu verarbeiten. Wenn so jemand stirbt, das geht mir dann nah. Aber es ist eine sinnvolle und erfüllende Aufgabe für mich. Bei den 14-tägigen Gottesdiensten sind die Bewohner oft eine halbe Stunde früher da und es ist eine Freude sie zu sehen.
Abseits der Altenheime: Wie gut sind Gottesdienste besucht, die Sie leiten?
Früher waren sonntags in Bobenheim-Roxheim sicher rund 40 Leute anwesend, nach der Pandemie ging es spürbar runter. Da waren es zeitweise nur zehn Personen. Inzwischen sind wir da wieder bei etwa 30 Teilnehmern bei einem ganz normalen Gottesdienst. An Feiertagen oder bei Taufen kommen natürlich mehr. Es gibt aber auch Orte im Dekanat, da habe ich sonntagmorgens mit nur zwei Leuten dagestanden.
Wie ist es mit jungen Menschen, kommen die zum Gottesdienst?
Nach der Konfirmation sieht man die jungen Leute leider kaum noch. Meist kommen sie erst wieder, wenn sie selbst heiraten oder die Kinder getauft werden. Leider hat sich die Gesellschaft verändert, Kirche ist nicht mehr in.
Nachwuchssorgen haben Sie sicher auch bei den Kirchenämtern, oder?
Wir haben hier im Dekanat ja auch zwei Pfarrstellen, die nicht besetzt sind und von anderen Pfarrämtern mit betreut werden. Früher hatten wir in einem Vikar-Kurs für angehende Pfarrer 30 Personen, heute sind es gerade mal um die zehn. Da würden oft Gottesdienste ausfallen, wenn es nicht die Prädikanten und Lektoren gäbe.
Zur Person
Detlef Best (75) ist in Bobenheim-Roxheim auch deshalb bekannt, weil er dort viele Jahre für den Kommunalen Vollzugsdienst gearbeitet hat. Er zog 1982 von Worms in die Altrheingemeinde, da er beruflich dazu verpflichtet war. Zur Taufe seines Sohns 1990 wurde er Teil der protestantischen Kirchengemeinde, seit mehr als 30 Jahren ist er im Presbyterium. Im Oktober 1999 wurde er zum Lektor ernannt. Seit seinem Ruhestand 2012 übernimmt er verstärkt Gottesdienste.