Timos Woche
Satirischer Rückblick: Warum man nach Speyer reist – oder man die Stadt auch mal verlässt
Rein in die Stadt
Guten Tag, ich bin der Neue. Zumindest neu, was diese wöchentliche Rubrik betrifft. Ansonsten kennen Sie mich vielleicht von der Speyerer Land-Seite, für die ich eigentlich zuständig bin. In letzter Zeit rutscht mein Name aber tatsächlich öfter in den Stadt-Teil der Speyerer Rundschau. So wie vor ein paar Tagen bei unserem Pro und Contra zum Thema Grundsteuererklärung oder diese Woche bei unserer „Wir über uns“-Serie. Ganz zufällig ist dieser Trend nicht: Die Arbeit wird beispielsweise durch die digitalen Angebote, die wir erstellen, stetig mehr, während gleiches für das Personal leider nicht gilt. Die Redaktion muss also zusammenrücken und sich gegenseitig unterstützen. Andererseits tut so eine Erweiterung des eigenen Horizonts ja auch gut. Und vielleicht ist es auch für den einen oder anderen Leser interessant, wenn der Blick des Umlands auf die Domstadt Einzug in diese Kolumne hält.
Raus aufs Land
Bleiben wir also gleich mal beim Stadt-Land-Verhältnis. Das ist ja normalerweise recht einseitig: Klar, die Leute wohnen gern in den Dörfern im Speyerer Umland, teilweise auch gezwungenermaßen, weil in der Stadt einfach keine Wohnung oder kein Baugrundstück zu bekommen ist. Aber seien wir ehrlich: Der Bär steppt doch normalerweise in Speyer. Hier sind die großen kulturellen Ereignisse, hier steigen die großen Volksfeste, zu denen wir Landeier dann in die Domstadt pilgern. Der Speyerer hingegen muss seine geliebte Metropole am Rhein eigentlich nie verlassen. Doch halt: Einmal im Jahr drehen die Dörfler den Spieß um. Denn eines hat Speyer nicht zu bieten: einen Fasnachtsumzug. Am Fasnachtsdienstag müssen die närrisch Gesinnten unter den stolzen Speyerern deshalb über ihren Schatten springen und sich nach Waldsee oder – normalerweise – nach Mechtersheim begeben. Im Römerberger Ortsteil gab es bekanntlich wegen des Polizei- und Ordnungsbehördengesetzes dieses Jahr keinen Umzug, sondern „nur“ eine Straßenfasnacht. Doch auch diese „Sparvariante“ lockte wieder einige Domstädter ins schöne Umland.
Ab in die Hauptstadt
So schön die Umzüge im Speyerer Umland auch sind, der Champions-League-Vertreter unter den Fasnachtsumzügen in Rheinland-Pfalz ist natürlich der Mainzer Rosenmontagsumzug. Nun bin ich zwar alles andere als eingefleischter Fasnachter, aber für den Mainzer Umzug habe ich durch mein Studium in der Landeshauptstadt doch eine Schwäche. Ebenfalls aus dieser Zeit stammt eine sportliche Vorliebe, wie ich hiermit gestehe, auch wenn’s mir meine Pfälzer Brüder und Schwestern übelnehmen: Ja, ich bin Fan des 1. FSV Mainz 05! Und so begab es sich, dass ich am Montag mit meiner Frau und meinen beiden Kindern nach Mainz fuhr, den Umzug verfolgte und mich dabei besonders auf den Wagen des FSV freute, auf dem traditionell auch Spieler und Trainer feiern und Süßigkeiten ans Narrenvolk verteilen. Nun war ich gespannt, welche Bundesligaspieler dabei sein würden. Vielleicht sogar der gebürtige Speyerer Brajan Gruda, der seit Kurzem einen Profivertrag beim FSV hat? Nun ja, falls es Speyerer Beteiligung beim Mainzer Rosenmontagsumzug gab, ist mir diese entgangen. Denn beim Verkleiden hatten sich die Fußballer ebenso geschickt angestellt, wie zuletzt meistens beim Kicken.
Um die Welt
Speyerer schaffen es übrigens nicht nur bis in die Bundesliga, sondern noch viel weiter: „Bauarbeiter aus Speyer fahren 48 Mal um die Erde“ lautete die Überschrift einer E-Mail, die vor ein paar Tagen die Redaktion erreichte. Donnerwetter, eine stolze Leistung! Für die Geschichte hätten wir doch glatt die Seite 1 freigeräumt. Oder hat da nur jemand seine Hausaufgaben gemacht, wie man durch eine geschickt formulierte Überschrift Neugier auf einen Text weckt, den man ansonsten vielleicht nicht unbedingt gelesen hätte? Leider war es dann doch die zweite Variante: Hinter der vermeintlichen Sensation verbarg sich eine Pressemitteilung der Gewerkschaft IG Bau, die damit ihrer Freude darüber Ausdruck verleiht, dass Bauarbeiter im Januar zum ersten Mal eine Entschädigung für ihre Fahrt zur Baustelle bekamen. Das ist freilich nicht nur in Speyer so. Aber die Gewerkschaft weiß, dass Lokalredaktionen den lokalen Bezug in Nachrichten suchen. Und so verschickt sie in x verschiedene Städte die gleiche Meldung mit lediglich vertauschten Zahlen. Immerhin wissen wir jetzt: Rund 430 Bauarbeiter sind in Speyer an 200 Arbeitstagen unterwegs und legen dabei im Schnitt elf Kilometer zurück, was einer Strecke von 48 Mal um die Erde entspricht. Alle Angaben ohne Gewähr.
HilfsaktionenAuf die StraßeZwar keine 48 Mal um die Erde, aber immerhin auf der Straße vom Dom bis zum Altpörtel sollte die Lichterkette reichen, für die das Bündnis für Demokratie und Zivilcourage für Freitagabend in Speyer eingeladen hatte. Aktionen wie diese sind übrigens etwas, womit die Stadt und sein Umland gleichermaßen immer wieder glänzen. Sei es symbolische Unterstützung für Menschen in Not wie in diesem Fall oder ganz praktische, wie der Hilfstransport für die Ukraine, der vor einigen Tagen Römerberg verlassen hat und für den auch viele Speyerer gespendet haben. Auch für die Erdbebenopfer in der Türkei und in Syrien haben sich Städter wie Dörfler gleichermaßen engagiert. Fazit: Speyer und sein Umland – ein starkes Team.
Ein schönes Wochenende wünscht
Timo Leszinski