Bobenheim-Roxheim RHEINPFALZ Plus Artikel Rundgang zu jüdischer Geschichte: Der Hass bleibt unbegreiflich

 Das Interesse am Rundgang mit Klaus Graber (helle Jacke, schwarze Mütze) war groß.
Das Interesse am Rundgang mit Klaus Graber (helle Jacke, schwarze Mütze) war groß.

Auf die Spur jüdischer Geschichte in Bobenheim-Roxheim haben sich am Samstagnachmittag mehr als 50 Menschen begeben. Der Heimatkundler Klaus Graber stellte auf dem Rundgang „Pfälzer wie du und ich“ menschliche Schicksale in den Mittelpunkt.

Klaus Graber zeigte sich „bewegt“ ob des großen Interesses am Rundgang und bekannte gleich vorweg, dass „es nicht mehr viel gibt, was wir zeigen können“, es sei vielfach nur die Erinnerung geblieben. Dafür gab er an den einzelnen Haltepunkten den Teilnehmenden viel Hintergrundwissen mit, machte Zusammenhänge klar. Er erläuterte etwa die Bedeutung des Datums 9. November, belegt mit historischen Höhen und Tiefen, etwa dem Ausrufen der ersten deutschen Republik 1918 oder dem Mauerfall 1989. Oder er schilderte den vordergründigen Anlass zu den Auswüchsen am 9. November, der Ermordung eines Diplomaten durch den 17-jährigen polnischen Juden Herschel Grünspan. Damit habe die Hetze und Verfolgung jüdischer Mitbürger begonnen.

Eingeladen zum Rundgang hatte der Verein „Gemeinsam für Demokratie und Vielfalt“. Der freiwillige Obolus von fünf Euro soll in ein Projekt für ein würdiges Gedenken an die jüdischen Mitbürger fließen, erläuterte Vereinsmitglied Helga Guthmann.

Treffpunkt und erste Station war das 1938 von dem Maxdorfer Bildhauer Theobald Hauck geschaffene Kriegerdenkmal in der Altrheinanlage. Damals für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs errichtet und mit dem Schriftzug „Die Wacht am Rhein“ versehen, wurden nach dem Zweiten Weltkrieg zwei jüdische Gefallene des Krieges von 1914 bis 1918 ergänzt, zudem wird mit diesem Mahnmal auch an die Gefallenen von 1939 bis 1945 erinnert. Statt der alten Inschrift sind jetzt nur noch die Jahreszahlen der beiden Weltkriege eingemeißelt.

Mit Blick auf den Ersten Weltkrieg verwies Graber auf unter der sogenannten Dolchstoßlegende verbreitete Verschwörungstheorien, die als Schuldige an der Niederlage neben demokratischen Oppositionellen auch das Judentum anprangerte. Eine weitere, Hass schürende Legende, so Graber, sei, dass „wohlhabende Juden ihr Vermögen nicht auf legale Weise erworben hätten“.

Deportiert und ermordet

Ein Hass, der ihm unbegreiflich bleibe. Klaus Graber betonte, „die jüdischen Mitbürger sprachen Pfälzisch wie du und ich“. Das Miteinander in den beiden Gemeinden sei „ganz normal“ gewesen. Christen hätten Geld für einen zweiten Synagogenbau gesammelt, nachdem der erste durch das Hochwasser 1889/90 zerstört worden war. „Die Glocken der protestantischen Kirche läuteten, als eine Jüdin verstarb, und die brillante Stimme eines Juden komplettierte den Kirchenchor.“ Und doch gab es auch die dunkle Seite.

Ein Ziel der Schergen in der Reichspogromnacht war das Haus von Aron Blum in der Friedrich-Ebert-Straße 5, damals Adolf-Hitler-Straße, das verwüstet, die Familie vertrieben und heimatlos wurde. Laut Alemannia Judaica zog die Familie nach Mainz, 1942 wurde sie deportiert und in Theresienstand ermordet. Das Blumsche Haus wurde ein Kindergarten. Ob die Kleinen die Pfirsiche aus dem Garten essen durften? Zumindest wurde den Schulkindern eingebläut, jüdisches Obst sei giftig, sagte Graber.

Am Heimatmuseum wusste Klaus Graber zu berichten, dass hier von 1919 bis 1920 Josef Bürckel als Hilfslehrer lebte. Jener Bürckel, der auf dem Höhepunkt seiner Karriere Reichsstatthalter des Gaus Westmark wurde und alle Anstrengungen unternahm, seinen Gau möglichst schnell „judenfrei“ zu machen.

Viele Juden entschädigt

Einige der jüdischen Mitbürger hätten früh fliehen und emigrieren können. Wie beispielsweise der Metzger Mordechai Blum, Modsche genannt, der vermutlich von einem Schulfreund, mittlerweile ein SA-Mann, gewarnt worden war. „Nach dem Krieg ist er zurückgekommen“, sagte Graber und ergänzte: „Die Gemeinde Roxheim hat in der Nachkriegszeit sehr viele Juden entschädigt, oder sie konnten ihr Eigentum zu einem fairen Preis verkaufen.“

Stolpersteine erinnern an die Schicksale der Menschen.
Stolpersteine erinnern an die Schicksale der Menschen.

Nach Gurs deportiert wurden die Geschwister Wilhelmina und Franziska Fränkel, zwei alte, gehbehinderte Frauen, die sich seit dem 9. November nicht mehr auf die Straße trauten und von Nachbarn versorgt wurden, berichtete Klaus Graber. Der Gehhilfe beraubt, seien die beiden auf brutalste Weise auf den Lastwagen geworfen worden, der sie nach Gurs abtransportierte, wo Wilhelmina starb, Franziska wurde am 1. Juni 1944 in Auschwitz vergast. An die beiden erinnern heute zwei Stolpersteine.

Eine „Stolpersteinanwärterin“ sieht Klaus Gaber in Veronika Fränkel, einer alleinstehenden Immobilienmaklerin, die zunächst in die Heilanstalt nach Frankenthal kam und dann ebenfalls in Gurs verstarb.

Als Höchststand der jüdischen Mitbürger seit Anfang des 19. Jahrhunderts nannte Graber im Jahr 1901 für Roxheim 41 Personen und 31 für Bobenheim, 1935 waren es nur noch 18 in der Doppelgemeinde.

Die Synagoge blieb 1938 verschont, weil sie bereits als Wohnhaus diente. Erst 2017 wurde sie abgerissen. Voraussetzung für die Errichtung einer Kultusgemeinde seien zehn jüdische Männer. Das war 1854 gegeben, jedoch bereits Ende der 1920er-Jahre nicht mehr, so Graber. Deswegen sei das Gebäude verkauft worden.

Letzte Station war der jüdische Friedhof. Die letzte Bestattung fand 1935 statt. Auch er wurde geschändet, Grabsteine wurden zerstört. In der jüdischen Kultur ein großes Übel. Der Grabstein bedeutet Ruhe und Frieden, und der darauf verzeichnete Name steht für die Identität, Würde und Einzigartigkeit des Verstorbenen.

x