Rhein-Pfalz Kreis Rheinebene als letztes Refugium
Der Kiebitz war früher, als es noch viele Wiesen für Weidevieh gab, ein häufiger Vogel in Rheinland-Pfalz – insbesondere in der Rheinebene. Heute ist der Bodenbrüter in großer Not: Ebenso wie seine Verwandten Wachtelkönig und Feldlerche hat er auf intensiv genutzten Ackerflächen nur geringe Chancen, seinen Nachwuchs durchzubekommen. Wir haben Fachleute zur prekären Lage von Kiebitz und Co. befragt.
Naturforscher Erich Bettag (82) aus Dudenhofen ist seit mehr als 40 Jahren ehrenamtlicher Beauftragter für Naturschutz und Landespflege des Rhein-Pfalz-Kreises. „Es gibt immer weniger Kiebitze“, sagt er. Seine Beobachtung hat Bettag wie seine Kollegen und darüber hinaus die hauptberuflichen Biotopbetreuer im gesamten Bundesland im vergangenen Jahr an die Kreisverwaltungen beziehungsweise nach Mainz gemeldet. Ludwig Simon von der Abteilung Naturschutz des Landesamts für Umwelt (LfU) und die Kreise hatten sie dazu aufgerufen, über die Vorkommen „schutzbedürftiger Arten“ zu berichten. Nach Auskunft von Simon gilt der Kiebitz (wissenschaftlich Vanellus vanellus) bereits nach der Roten Liste für Brutvögel in Rheinland-Pfalz aus dem Jahr 2014 als „vom Aussterben bedroht“. Diese „Kategorie 1“ ist die höchste Gefährdungsstufe; darüber kommt nur noch die Einordnung einer Tierart als „ausgestorben oder verschollen“ („Kategorie 0“). Der Experte teilt mit, dass der Bestand von Vanellus vanellus stark rückläufig sei und im ganzen Land nur noch zwischen 100 und 200 Brutpaaren liege. „Kiebitze kommen – bis auf wenige Ausnahmen – als Brutvögel nur noch im Bereich Rheinhessen-Vorderpfalz vor“, informiert er. Früher habe diese Vogelart im Grünland gebrütet, insbesondere auf feuchten Wiesen. Weil sein natürlicher Lebensraum in den vergangenen Jahren kleiner geworden sei, habe der Kiebitz auf „offene Ackerstandorte“ ausweichen müssen, erklärt Simon. Auf diesen gebe es jedoch vergleichsweise wenige Gliedertiere (Würmer, Insekten und Spinnen), von denen sich der Vogel vor allem ernähre. Dadurch käme es leicht zum Verlust der Brut. Ein anderer Grund dafür sei das relativ häufige Befahren der Äcker durch Bauern mit ihren Maschinen – ob für Aussaat, Bodenbearbeitung oder Ernte. Zudem gingen Gelege auf Flächen verloren, die mit Folie oder Vlies abgedeckt werden. Eine weitere Gefahr ist dem Kiebitz und anderen Bodenbrütern aus dem Tierreich erwachsen. „Füchse fressen nachts die Gelege, die Jungen und meist noch das Weibchen auf dem Nest, wie durch den Einsatz von Wildtierkameras gezeigt worden ist“, berichtet Fachmann Simon. In den vergangenen Jahren habe sich der Fuchsbestand stark erhöht, nachdem die Tollwut durch das Ausbringen von Impfködern eingedämmt worden sei. Für den Kiebitz sei ein Artenschutzprogramm ausgearbeitet worden, informiert Petra Jörns, Biotopbetreuerin im Rhein-Pfalz-Kreis. Auf der Internetseite des LfU ist das Artenhilfsprogramm „Gefährdete Bodenbrüter“ zu finden, nach dem Landwirte für den Schutz von Nestern auf ihren Flächen eine Entschädigung für den Ernteausfall erhalten können. Zudem sei der Kiebitz als Teil der „Aktion Grün“ des Landesumweltministeriums als Leitart ausgewählt worden, teilt Simon mit. Die „Aktion Grün“ soll über Projektförderung zum Schutz und Erhalt der Artenvielfalt beitragen. „Im Rahmen dieser Förderung sollen künftig Kiebitze mithilfe einer Koordinationsstelle und ehrenamtlichen Helfern erfasst und gesichert werden“, so der LfU-Experte. Zu diesem Vorhaben gebe es derzeit Informationsveranstaltungen und Gespräche mit Verwaltungen, Naturschützern und Landwirten. Künftig sollen dann Äcker mit Kiebitzbruten beispielsweise mithilfe von Elektrozäunen vor Fuchsangriffen bewahrt werden. Eine weitere Maßnahme sei die Anpassung von Ernte- und Bewirtschaftungsmaßnahmen an die Bedürfnisse des Bodenbrüters und seiner Verwandten. „So hoffen wir, das Aussterben der Art in Rheinland-Pfalz verhindern zu können“, unterstreicht Ludwig Simon. Serie In unserer Serie „Hergezwitschert“ stellen wir interessante, seltene oder schützenswerte Vogelarten vor, die man mit etwas Glück und Geduld in der Region antreffen kann.