WALDSEE / LUDWIGSHAFEN RHEINPFALZ Plus Artikel Rettungsaktion für Tier auf Abwegen

Hirsche im Rheingönheimer Wildpark: Unbekannte hatten ein Loch in den Zaun geschnitten.
Hirsche im Rheingönheimer Wildpark: Unbekannte hatten ein Loch in den Zaun geschnitten.

Norbert Keller, ehrenamtlicher Naturschützer in Waldsee, staunte nicht schlecht, als er kurz vor Silvester sah, was für ein Tier sich ans Affolterloch bei Waldsee verirrt hatte. Die Geschichte hätte eine dramatische Wendung nehmen können, hatte aber ein Happy End.

Keller war vor einigen Tagen am Affolterloch unterwegs, um den Futterplatz für die Wildvögel aufzufüllen: Unter einem der Holzapfelbäume zwischen Wald und Wiese mampfte ein ziemlich großes Tier, von dem er zunächst nur die Hinterseite sehen konnte, die am Boden liegenden Äpfel. Als es den Kopf hob, stockte ihm kurz der Atem: Ein Hirsch mit prachtvollem Geweih, ein leibhaftiger Sechzehnender war es, der sich die sauren Holzäpfel schmecken ließ. Nun weiß Norbert Keller, dass es solche Tiere nicht wildlebend in den Auwäldern gibt, und folgerte, dass der Prachtkerl aus einem Wildgehege stammen musste, vielleicht dem Wildpark in Rheingönheim. Das Tier schien auch Menschen gewohnt zu sein, denn es ergriff nicht sofort die Flucht, als er es ansprach, und er konnte bis auf etwa fünf Meter näherkommen, ehe es sich Richtung Wald absetzte.

Keller fuhr nach Hause und rief von dort den zuständigen Jagdpächter Seppl Zickgraf an. Der hatte schon von dem Hirsch im Revier gehört, seine Jägerkollegen aus Altrip und Neuhofen hatten ihn kurz vorher angerufen. Nun fragte er beim derzeit geschlossenen Wildpark an und hörte dort, dass der Hirsch vermisst wurde. Jemand hatte dort offenbar von außen eine Öffnung in den Zaun geschnitten, der Hirsch war ausgebüxt und über die Reviere von Neuhofen und Altrip bis nach Waldsee gelangt.

Was tun? Ganz in der Nähe von seinem letzten Standort verläuft eine viel befahrene Kreisstraße, sollte der Hirsch dort einen Unfall verursachen, konnte der Schaden enorm sein. Weder die Stadt Ludwigshafen noch der Rhein-Pfalz-Kreis wollten im Fall der Fälle haftbar gemacht werden können – und so gab die untere Jagdbehörde das Tier zum Abschuss frei.

Nun ist Jagdpächter Josef Zickgraf eher ein Heger, und es widerstrebte ihm zutiefst, den, soweit erkennbar, völlig gesunden Hirsch im besten Alter abzuschießen, solange nicht alle Möglichkeiten zur Rettung ausgelotet waren. Also weitere Telefonate mit dem Wildpark. Zickgraf konnte den Mitarbeiter erreichen, der dem Hirschrudel das Futter bringt, und sie organisierten für den nächsten Tag den Rettungsversuch mit Betäubung per Blasrohr und einem Pferdeanhänger zum Transport.

Betäubungspfeil trifft

Glücklicherweise fand Zickgraf den Hirsch am gleichen Standort beim Affolterloch – die Holzäpfel waren noch nicht alle vertilgt – und dirigierte die Mini-Karawane hin, wobei der „Futterbringer“ die Vorhut übernahm in der Hoffnung, der Hirsch werde ihn erkennen und nicht fliehen. Der Schuss mit dem Betäubungspfeil gelang, aber das Tier fiel nicht um, sondern floh noch etwa 150 Meter kreuz und quer in den Wald, um genau im dichtesten Brombeergestrüpp zusammenzubrechen.

Wie ihn nun herausholen? So ein Tier wiegt etwa 200 Kilo. Zickgraf fuhr nach Hause und organisierte eine Plane, auf die man es drehen konnte, und zum großen Glück kam noch ein hilfsbereiter Landwirt mit seinem Traktor vorbei, der die angeseilte Plane samt Hirsch in zentimetergenauer Arbeit aus dem Dickicht zog und in den Anhänger verfrachtete. Das Tier erreichte seinen angestammten Platz im Wildpark, und inzwischen hat der Hirsch sich dort wieder gut erholt, wie Zickgraf erfuhr.

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