Rhein-Pfalz Kreis Reste eines Riesen ruhen im Feld

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Waldsee. Den besten Hinweis fand Erik Wieman in einer Waschküche. Ein Zeitzeuge der Nachkriegszeit aus Waldsee hatte ihn vor wenigen Wochen in den Keller seines Hauses geführt – ihm war noch etwas eingefallen. Er zeigte auf die Fenstergitter. „Ich war begeistert“, sagt Wieman. Warum? „Die Gitter sind Fragmente einer ehemaligen Radaranlage. Nach dem Krieg konnte man ja alles gebrauchen.“ Wieman ist 47 Jahre alt, er kommt aus den Niederlanden, seit 1995 lebt er in Waldsee und arbeitet heute bei der BASF im Werkschutz. In seiner alten Heimat war er Berufssoldat, Kameraden von ihm wurden nach Afghanistan in den Krieg geschickt – einige kamen nie zurück. „Bis heute kümmern wir alten Kameraden uns um die Familien der Gefallenen.“ Aus dieser Erfahrung heraus ist Wieman Mitglied der 1989 gegründeten Arbeitsgruppe Vermisstenforschung geworden, die nach eigenen Angaben bisher gut 150 Stellen – vor allem in Rheinland-Pfalz und im Saarland – lokalisiert hat, an denen im Zweiten Weltkrieg Flieger abstürzten. Wieman hat zum Beispiel Überreste eines abgestürzten Weltkriegsbombers der australischen Luftwaffe im Speyerer Stadtwald entdeckt (wir berichteten) und die Absturzstelle eines britischen Bombers bei Limburgerhof gefunden. In beiden Fällen machte er sich auf die Suche nach Angehörigen der getöteten Besatzungen. „Ich weiß, dass die Hinterbliebenen am liebsten alle Details wissen wollen“, sagt Wieman. In Waldsee begann er vor einem guten Monat zu recherchieren, als sein Schwiegervater ihm erzählte, dass dort im Zweiten Weltkrieg ein englischer Bomber, Typ Halifax, abgestürzt sei. Wieman schaltete einen Aufruf im Amtsblatt, tatsächlich meldeten sich kurz darauf die ersten Zeitzeugen mit Tipps zu zwei Absturzstellen auf einem Feld. „Die Arbeitsgruppe Vermisstenforschung versucht, so oft wie möglich mit Zeitzeugen zu sprechen“, sagt Wieman. „Sie kennen sich am besten aus. Sie waren dabei. Und sie sterben aus. Vieles geht so verloren.“ Mit Hilfe der Zeitzeugen konnte Wieman eine Absturzstelle bei Waldsee finden: Dort ist nach seinen Recherchen am 3. März 1945 eine amerikanische Maschine, Typ P47 Thunderbolt, abgestürzt. Eine zweite Absturzstelle bei Waldsee, die des englischen Bombers vom Typ Halifax (Absturz 5. September 1943), wurde „so gut wie bestimmt“. „Es wurden sogar schon Nachfahren der Verstorbenen gefunden“, sagt Wieman. Die genauen Absturzorte will er „im Hinblick auf Grabräuber“ noch nicht nennen. Er wartet auf eine Genehmigung der Denkmalbehörde Speyer, dann will er das Feld mit Metalldetektoren absuchen. Neben den Informationen über die Flugzeugabstürze stieß Wieman aber durch die Zeitzeugen noch auf ganz andere, spannende Informationen. „Es stellte sich heraus, dass in Waldsee ab Ende 1943 eine Radaranlage vom Typ Würzburg gestanden haben muss“, sagt Wieman. Auf 70 Kilometer Entfernung konnten mit diesem Gerät Höhe und Geschwindigkeit feindlicher Bomber gemessen werden. Diese Informationen dienten als Grundlage für deutsche Jagdflieger, um die feindlichen Flugzeuge abzuschießen. „Ohne diese Anlage wären viele Abschüsse nicht möglich gewesen“, sagt Wieman. Zwei Zeitzeugen nannten ihm die Stelle, an der die Radaranlage gestanden haben soll. Er kontaktierte daraufhin den Grundstückseigentümer, ein Pächter lieferte sofort neue Informationen. „Er erzählte mir, dass er schon seit Jahren an einem Fundament ,kratzt’, das auf dem Acker in 20 bis 30 Zentimetern Tiefe liegt.“ Zufällig habe er vor Kurzem ein wenig zu tief gepflügt und einen Brocken des vermeintlichen Fundaments aus der Erde geholt. „Das liegt noch bei mir im Hof“, erklärte er. „Nichts wie hin“, dachte sich Wieman, inspizierte den Stein und daraufhin den Acker. „Die Stelle im Feld ist relativ offen, also taktisch gesehen ideal für eine Radarstellung“, sagt der Niederländer. Sie deckt sich außerdem genau mit dem Ort, den die Zeitzeugen beschrieben hatten. Zusammen mit Helge Geißler vom Heimatmuseum ging Wieman wenige Tage später auf das Feld, tastete mit sogenannten Markiernadeln den Boden ab und konnte schließlich die Fläche des Fundaments mit Fähnchen abstecken. „Der Durchmesser passt zum Fundament eines ,Würzburg-Riesen’“, sagt Wieman. Die fast vergessene Stellung war gefunden. Dabei blieb es aber nicht. Wieman wollte auch herausfinden, was nach dem Krieg aus der Anlage wurde. Seinen Recherchen zufolge hat es beim Einzug der Amerikaner an der Anlage noch ein kurzes Feuergefecht gegeben, dann wurden die deutschen Soldaten gefangen genommen. „Nach dem Krieg stand die Stellung leer“, sagt Wieman. Kinder hätten die Radaranlage als Spiellandschaft und Klettergerüst genutzt. Ein Zeitzeuge erzählte Wieman: „Wir konnten mit zehn bis fünfzehn Kindern nebeneinander auf dem Parabolspiegel sitzen. Der Spiegel kippte dann langsam nach vorn und wir rutschten hinunter. Das ging lange gut, bis der Bauer die Nase voll hatte. Seine Ernte wurde mehrmals von spielenden Kindern plattgetreten und eines Tages zertrümmerte er den Mechanismus. Spielen und Rutschen wurde zu gefährlich und die Kinder suchten sich andere Spielplätze.“ Nach und nach sei die Stellung von der Waldseer Bevölkerung dann „geschliffen“ worden, viele Teile wurden wiederverwendet – zum Beispiel als Fenstergitter in einer Waschküche. „Metall und Holz konnte jeder nach dem Krieg gebrauchen“, sagt Wieman. Außerdem habe die Stellung mitten in einem Feld gestanden, das bestellt werden musste. „Alles im Weg Stehende wurde nach und nach beseitigt“, sagt Wieman. Die Stellung geriet in Vergessenheit. Um das zu ändern, wartet Wieman auf die Genehmigung der Denkmalbehörde. „Alle Zeugenaussagen und momentan bekannten Fakten deuten darauf hin, dass es sich um das Fundament des ,Würzburg-Riesen’ handelt“, sagt Wieman. Hundertprozentige Sicherheit könne aber nur eine Freilegung des Fundaments geben. Irgendwann würde Wieman gern im Historischen Museum der Pfalz in Speyer eine Ausstellung über den Bombenkrieg mitorganisieren, erste Gespräche mit dem Museumsleiter haben schon stattgefunden. „Er war sehr interessiert“, sagt Wieman. Vor allem fühlt sich der Niederländer aber weiterhin den Nachfahren der Vermissten verpflichtet. „Wir wollen die Absturzstellen ihrer Väter, Söhne und Verwandten suchen und finden“, sagt Wieman. „Damit sie einen Ort haben, um zu trauern. Damit die Familien damit abschließen können.“

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