Mutterstadt RHEINPFALZ Plus Artikel Rüdiger Schäfer erlebt als Sechsjähriger die Schrecken der Kriegsjahre

Rüdiger Schäfer mit einem Foto von sich als Junge mit seiner Schwester vor der Treppe, auf der die zwei Jungs im Spiel die Handg
Rüdiger Schäfer mit einem Foto von sich als Junge mit seiner Schwester vor der Treppe, auf der die zwei Jungs im Spiel die Handgranate zündeten.

Kriegsgeschichte: Schreckliche Bombenangriffe, Zerstörung und ständige Gefahr – mit gerade einmal sechs Jahren erlebte der Mutterstadter Rüdiger Schäfer das letzte Kriegsjahr 1944/45 sehr intensiv. Als kleiner Junge musste er bereits sehr tapfer sein und hatte viele Schutzengel beim Spielen in den Trümmern des zerbombten Ludwigshafens.

Rüdiger Schäfers Heimat ist seit vielen Jahren Mutterstadt. Damals aber lebte er mit seinen Eltern und seiner vier Jahre älteren Schwester Gisela in Friesenheim in einer Parterre-Wohnung eines dreistöckigen Mehrfamilienhauses in der ehemaligen Theodor-Fritsch-Straße (heutige Benzstraße). Scherzhaft nannte man die Gegend das Musebrotviertel, da die Mieten hoch und die Löhne niedrig waren, erinnert sich Rüdiger Schäfer. Für die damalige Zeit war die Ausstattung schon sehr komfortabel, es gab unter anderem Balkon, Bad, Fernheizung, Kellerräume und Waschküchen. „Die Grünanlagen vor und hinter dem Haus waren herrlich angelegt mit üppigen Rasenflächen, Rosenbüschen und Jakaranda-Bäumen. Nie mehr wieder habe ich solchen Rosenduft genossen“, schwärmt der Senior noch heute von der Pracht.

Leider wurde diese Idylle durch den Krieg zerstört, Bombeneinschläge hinterließen dort in den letzten Kriegstagen riesige Trichter. Sehr gut erinnert sich Rüdiger Schäfer an das Kriegsende, als die Bombardements heftiger und in kürzeren Abständen kamen. Die heimische Flugabwehr konnte zu dieser Zeit nicht mehr viel ausrichten. „Immer, wenn des Nachts die Sirenen die nahenden Bombengeschwader der Alliierten ankündigten, machte ich mich mit meiner Schwester auf den Weg in den Bunker“, erzählt er von seinen Erlebnissen als knapp Sechsjähriger. Die Mutter kam nach, weil sie noch Fenster und Türen der Wohnung öffnen musste, damit sie durch die Druckwelle der Explosionen nicht zerbarsten. Oft seien sie daher auch in Straßenkleidung zu Bett gegangen. Nicht immer schafften sie es rechtzeitig in die Bunker, bevor die von den feindlichen Fliegern in den Himmel gestellten schauerlich schönen „Christbäume“ die Umgebung erhellten. War die Stadt verdunkelt, stürzten sie manchmal in einen der Bombentrichter. Häufig sei es auch vorgekommen, dass jedes Familienmitglied in einem anderen Bunker Zuflucht fand. Am nächsten lagen die Röhrenbunker an der Fichtestraße. Dort saßen die Schutzsuchenden vis-à-vis auf langen Reihenbänken. „Als die Bombenteppiche fielen, die Röhren wellenförmig schwankten und die Beleuchtung ausfiel, schrien alle vor Angst“, erinnert sich der damals noch so junge Augenzeuge.

Viel Glück im Unglück

Einmal wurde er von einem Bunker-Kommandanten mit in einen separaten Raum genommen, wo eine Funkstation installiert war. Dort wurden die Nachrichten über die Bewegung der Bomberstaffeln abgehört. In dessen Begleitung ging er von Röhre zu Röhre und sollte den Insassen die aktuellen Meldungen verkünden. Während sein Herz pochte, blieb er äußerlich stark. „Als mutiger Junge sollte ich ja beruhigend auf die Leute einwirken“, erzählt Rüdiger Schäfer von seinem tapferen Einsatz damals. Manchmal sei die Stadt nach den Angriffen so vernebelt gewesen, dass die Familie nur auf Irrwegen nach Hause zurückfand. Das durch die abgeworfenen Brandbomben verursachte Phosphorleuchten an Mauern und auf Wegen war das wenige Licht, an das sie sich dann orientieren konnten.

In diesen letzten Tagen passierte es auch, dass eine Mine gut 80 Prozent der Gebäude im Wohnviertel der Schäfers zerstörte. „Gottlob war unser Gebäude äußerlich weitgehend unversehrt geblieben. Im Bad war ein Stück Wand ausgebrochen, in Küche und Wohnzimmer teilweise der Deckenputz abgeplatzt, sodass die Strohmatten herabhingen. Fensterscheiben waren zersplittert“, berichtet der heute 81-Jährige. Und der Hof hinter dem Gebäude sei voller Schutt der eingestürzten Wohnzeile gewesen. „Ein schrecklicher Anblick“, sagt er, und es schaudert ihn noch heute.

Als Truppen der Amerikaner in der heutigen Friedrich-Ebert-Allee ihr Lager aufschlugen, freundete sich der Knirps mit einem dunkelhäutigen GI an, dem er beim Auslegen der Kabel für die Installation einer Funkverbindung geholfen hatte. Eines Morgens sei dieser überraschend mit einer Stange Brot, Schokolade und Keksen vor der Wohnungstür gestanden und habe diese Leckereien seiner Mutter mit den Worten „for Rudiger“ übergeben. Einige Tage später erschienen zwei uniformierte Mitglieder der US-Streitkräfte, ein Mann und eine Frau, um die Wohnung der Schäfers zu besichtigen und zu konfiszieren. „Irgendwie hat es aber meine Mutter mit dem Hinweis auf die Kinder geschafft, die beiden von ihrem Vorhaben abzubringen.“ Eine glückliche Fügung, wie er sagt.

Mit Bombenresten gespielt

Im Sommer 1945 sei es gewesen, als er im Gebüsch hinter dem Haus etwas fand, das wie eine Feldflasche aussah. Der Inhalt schien flüssig. Sein Freund Walter und er, beide stets hungrig und durstig, wollten die Flasche öffnen. Walter wollte dies in der Wohnung seiner Eltern tun, Rüdiger aber war dagegen. Die Flasche war mit einem Splint versehen, den er mit einem Stein herausschlug. Beim Aufmachen des Verschlusses schlug ein Flämmchen heraus. Vor Schreck ließen die beiden die Flasche zurück und rannten weg. Kaum zehn Meter entfernt, gab es einen ohrenbetäubenden Knall. Die zwei Jungs hatten aus Unwissenheit eine Handgranate gezündet. Während die Leute der Umgebung zum Ort des Geschehens strömten, spielten sie schon wieder seelenruhig abseits der Straße Prellball, so als wüssten sie von nichts. „Hatten wir Schutzengel?“ Das hat sich Rüdiger Schäfer häufig gefragt und sich selbst die Antwort darauf gegeben: „Ich bin gewiss“. Wohl auch, als er mit den anderen Kindern, wie er erzählt, nach dem Krieg in den Straßen und Ruinen spielte und sie alle auf den freiliegenden Dachbalken balancierten. Oder als sie aus verstreuten Brandbomben die Kohlestäbe entfernt und angezündet haben, weil sie so schön leuchteten.

Im Frühherbst 1945 kam Rüdigers Vater aus der Gefangenschaft zurück. Vor dem Krieg arbeitete er bei der BASF als Techniker im Apparatebau, in den letzten Kriegsmonaten wurde er aber zum Volkssturm berufen und schließlich im Kraichgau interniert. Nach der Rückkehr konnte er wieder arbeiten. Auch wenn nichts mehr wie zuvor und alles knapp war, führte die Familie ein weitgehend normales Leben. Sohn Rüdiger ging zur Schule und studierte. Als Maschinenbauingenieur arbeitete er die letzten Jahre vor seiner Pensionierung in den Bereichen Entwicklung und Forschung der Daimler AG.

In seiner Freizeit ging er gern und oft auf Studienreisen, spielte gern Tennis und fuhr Ski. Heute, als Pensionist, hat er besonders viel Freude an seinem Garten und der Aquarellmalerei. Zusammen mit seiner Frau Elisabeth, mit der er seit 1971 verheiratet ist, kann er auf ein gutes Leben zurückschauen und ist, wie er sagt, dafür dankbar. Die Frage, ob das Erlebte ihn traumatisiert habe, beantwortet er mit einem klaren Nein. Angst habe er während der letzten Kriegsmonate nicht gehabt, sondern stets nur funktioniert.

Geschichten gesucht

Der Zweite Weltkrieg hat ein Bild der Verwüstung hinterlassen. Über 60 Millionen Menschen starben weltweit. So etwas darf sich nicht wiederholen. Darum wollen wir in unserer Serie Ihre ganz persönlichen „Kriegsgeschichten“ erzählen. Möchten auch Sie uns Ihre Erlebnisse rund um die Kriegsjahre schildern, dann schreiben Sie uns eine E-Mail an redrpk@rheinpfalz.de oder postalisch an Die RHEINPFALZ, Lokalredaktion Ludwigshafen, Amtsstraße 5-11, 67059 Ludwigshafen.
Rüdiger Schäfer als kleiner Junge.
Rüdiger Schäfer als kleiner Junge.
Nach der Rückkehr des Vaters aus der Gefangenschaft war die Familie wieder vereint.
Nach der Rückkehr des Vaters aus der Gefangenschaft war die Familie wieder vereint.
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