Schifferstadt RHEINPFALZ Plus Artikel PvD-Rektorin erläutert im Interview von den Hürden der digitalen Schule

Schule ohne Schüler – seit Januar leider wieder Realität.
Schule ohne Schüler – seit Januar leider wieder Realität.

Als Rektorin des Schifferstadter Paul-von-Denis-Gymnasiums kennt Monika Kleinschnitger keinen normalen Schulalltag, im August hat sie den Posten übernommen. Im Team die Schule neu zu gestalten, findet sie spannend. Doch kein Abenteuer ohne Anstrengungen und auch ein Stück Ungewissheit. Im Interview erzählt die Pädagogin, wie sich der rasante Sprung vom Lehren an der Tafel zum Online-Unterricht anfühlt.

Frau Kleinschnitger, haben Lehrer zurzeit notgedrungen viel Freizeit?
(lacht) Nein. Zum einen haben auch die Lehrer die Situation, dass sie neben ihrem Job, dem Hometeaching, auch Kinder im Homeschooling haben. Wir hier am PvD haben ein sehr junges Kollegium mit zum Teil sehr kleinen Kindern. Zum anderen erleben Eltern ja selbst, was so ein Homeschooling-Prozess für Arbeit bedeutet – sowohl für sie als Eltern und Familie als auch für die Lehrer. Die derzeit hohe Belastung spüren alle.

Wir erleben derzeit, dass beim digitalen Fernunterricht wieder einmal vieles von der Initiative der Schule, ja mitunter der einzelnen Lehrer abhängt. Ganz zu schweigen von den unterschiedlichen technischen Voraussetzungen. Wie gut ist denn das PvD ausgestattet?
Nun, für den Präsenz- beziehungsweise Wechselunterricht bräuchten wir dringend flächendeckendes WLAN in der Schule. Nur dank der Initiative meiner Kollegen ist es möglich, dies in Teilen anzubieten. Die meisten Schüler sind aber alle mit Endgeräten und weiterem Equipment ausgestattet, weil die Eltern entsprechend investiert haben. In anderen Fällen haben die Schule und der Schulträger unbürokratisch helfen können. Dazu haben wir Anfang Oktober eine sehr genaue Umfrage gemacht. Wir Lehrer arbeiten mit unseren privaten Geräten.

Die technische Ausstattung ist das eine, damit umgehen zu können, das andere. Sind Schüler und Lehrer geschult und auf gleichem Stand?
Dafür haben wir uns nach den Sommerferien ganz intensiv gemeinsam mit Kollegium und Schülern auf den Weg gemacht. Zum Beispiel mit Schulungen für die Lernplattform Moodle für Lehrer und Schüler. Mit dieser kann ein digitaler Unterricht organisiert und abgebildet werden, so dass auch die Eltern das nachvollziehen können. Dafür gab es auch einen Studientag mit den Kollegen. So werden in Moodle zum Beispiel die Video-Konferenzen initiiert, die wiederum mit dem Konferenzsystem BigBlueButton des Landes gehalten werden. Und zudem wurde die Kommunikation zwischen Schülern und Lehrern mit Sdui erweitert.

Was ist mit den Lehrern, die damit gar nicht zurechtkommen, aus welchen Gründen auch immer? Sind die nun weg vom Fenster?
Nein. Wir haben dafür schon sehr früh mit einer Lehrer-zu-Lehrer-Fortbildung begonnen. In der Eins-zu-eins-Betreuung konnten wir Ängste nehmen und individuell unterstützen. Ich selbst lerne auch viel von meinen Schülern, zum Beispiel bei Youtube-Videos, die gerade angesagt sind. Es gilt das Motto: Lasst uns zusammen üben, es kann gar nicht schwer sein. Und das klappt gut.

So viel Neues innerhalb eines sehr kurzen Zeitraums. Muss die Institution Schule neu konstruiert werden?
Die Veränderungen würde ich mit dem Bild „Wir bauen gemeinsam das digitale Klassenzimmer“ beschreiben. Darin muss alles neu möbliert werden. Dabei geht es um die Veränderungen unter anderem bei den Rollenverteilungen, Regeln, den Bezügen untereinander oder dem Aufbereiten des Unterrichtsmaterials. Es betrifft jeden Bereich, der bisher Bestand hatte. Wir können schon stolz sagen: Das PvD gibt es schon jetzt als Schule zweimal, real und nun auch digital.

So ein Schultag zu Hause „zerfranst“ ja schnell. Wie halten Sie die Schüler im Schulmodus?
Struktur ist dabei wichtig. Die gibt der Stundenplan in Moodle, an dem können die Schüler und auch die Eltern sehen, was die Aufgaben für den Tag sind. Jeder Fachlehrer bestückt den Stundenplan einer Klasse mit seinen Unterrichtsstunden. So kann es schon mal sein, dass bis zu fünf Video-Konferenzen am Tag zu absolvieren sind. Unsere Schüler sind sehr gut ausgelastet. Diese Beschulung ist übrigens auch für Kinder in der Notbetreuung gewährleistet, auch wenn das derzeit kein Schüler in Anspruch nimmt.

Wie unterschiedlich ist der digitale Unterricht in den einzelnen Klassenstufen? Ein Fünftklässler braucht ja mit Sicherheit eine andere Anleitung als ein Oberstufenschüler.
Ja, auf jeden Fall. Bei den Jüngsten muss in kleineren Schritten vorgegangen werden. Auch sind Kommunikationskanäle wie Video-Konferenzen unbedingt nötig und sehr wichtig, um enger zu führen und zu motivieren. Das geht am besten mit der direkten Ansprache. So in Kontakt zu bleiben, ist auch emotionaler, empathischer.

Wie gewährleisten Sie die Leistungskontrollen?
Das war auch Teil unseres Studientages im Kollegium. Nun gab es am Freitag Zeugnisse, so dass wir seit Januar keine Leistungskontrollen hatten. Ab Montag sieht das wieder anders aus. Ein Referat zum Beispiel kann auch per Video-Chat gehalten werden. Mündliche Überprüfungen sind ebenfalls online möglich. Es gäbe auch Wege, einen Test innerhalb einer vorgegebenen Zeit zu schreiben, aber dann könnten die Schüler auf anderen Wegen kommunizieren. Die Frage ist, setzt man sich dem Problem überhaupt aus oder findet man nicht andere Wege, das Gelernte zu überprüfen. Denn darauf kommt es ja an.

Wenn all die digitalen Möglichkeiten gut funktionieren würden, könnte dann der Fernunterricht „die“ neue Schulform werden?
Nein, wir wollen uns doch alle auch sehen. Vieles kann das digitale Klassenzimmer nicht leisten: Es fehlen derzeit zum Beispiel die Pausen, die Bewegung und – ganz wichtig – das soziale Miteinander. Und das nicht nur in den Pausen, sondern auch im Unterricht. Gemeinsam wird ja viel kreativ erarbeitet. Darum ermutige ich meine Schüler auch jetzt immer wieder zu digitalen Gruppenarbeiten.

Aber wird es die Schule, die es vor dem 15. März 2020 gab, so überhaupt noch geben?
Nein, dazu ist zu viel passiert.

Was wird vom Corona-Jahr im künftigen Schulalltag unter normalen Bedingungen bleiben?
In Sachen Online-Lehrer-Fortbildung wird auf jeden Fall mehr passieren. Auch digitale Lernformate werden sicher im Schulalltag bleiben, vor allem wenn sie das Lernen ergänzen und erweitern. Die Fähigkeiten, die wir jetzt erlernt haben, müssen wir weiter nutzen. Vor allem, weil das Angebot der Bildungsmaterialien sich im vergangenen Jahr enorm verändert hat. Zuvor war es ein Fortschritt, wenn ein Lehrbuch im PDF-Format erhältlich war. Der Markt hat schnell reagiert. Es gibt mittlerweile viele Möglichkeiten, alle Sinne beim Lernen anzusprechen – und so wird Schule weiterentwickelt.

Hand auf Herz, wie kräftezehrend war und ist die Corona-Zeit für Sie und ihre Kollegen?
Die Zeiten sind sehr anstrengend, wir mussten ja komplett neu umdenken. Dennoch möchte ich das positiv sehen. Wir sollten jetzt den Mut haben, viele digitale Formate auszuprobieren, damit wir darin besser werden. Denn – und das erleben wir ja derzeit – es kann dabei schnell bei Schülern, Eltern und Lehrern zu einer Überforderung kommen – psychisch, in den sozialen Beziehungen, aber auch im Umgang mit dem digitalen Handwerkszeug.

Ja, und oft funktioniert es einfach nicht. Wer hat nicht schon hilflos vor dem Computer gesessen und hat’s einfach nicht hinbekommen. Der Druck ist dann als Elternteil schon groß.
Ja, absolut. Ich rate dann immer dazu, in all den Gefühlen der Überforderung ein Stück zurück zu treten und auf das zu schauen, was schon geschafft wurde. Und: Wir üben das ja noch – und das ist eben nicht immer perfekt. Wir brauchen dieses Übungsfeld, bis wir uns darin so gewohnt bewegen, wie im bisherigen Schulalltag. Da müssen wir uns auch gegenseitig vertrauen und bestärken.

Werden Schüler mit einem Defizit aus dieser Pandemie gehen?
Nein, das glaube ich nicht. Es werden derzeit bei den Schülern andere Fähigkeiten aktiviert. Zum Beispiel gibt es einige, die in Sachen Selbstorganisation, also beim Einteilen des eigenen Lernpensums, zu Höchstform auflaufen. Das wäre im normalen Unterrichtsbetrieb wohl nicht passiert. Aber auch im Bereich digitaler Lernformate und Umgang mit digitalen Geräten wird sich viel angeeignet. Diese Erfahrung sollte man dagegenhalten, sollte beim Stoff doch etwas verpasst worden sein.

Und was ist mit den Schülern, die nicht zurechtkommen? Birgt die jetzige Situation nicht auch die Gefahr, Bildungsungerechtigkeiten zu verstärken?
Ja, und wir Lehrer müssen ganz stark darauf achten, dass die Schüler, die es vor Corona nicht einfach hatten, jetzt nicht komplett abgehängt werden. Eine wesentliche Voraussetzung ist schon mal, dass alle über Endgeräte verfügen. So haben auch die Schwachen Zugang zum Lernen und bekommen die Struktur, die sie brauchen. Es gibt aber auch Kinder, die unsicher sind mit der digitalen Beschulung und eine andere Ansprache brauchen. Auch in solchen Fällen müssen die Fachlehrer individuell unterstützen.

Viele Eltern haben dennoch Sorge, dass ihre Kinder doch einen Nachteil haben, zum Beispiel wenn der Wechsel in die weiterführende Schule oder Oberstufe ansteht. Was halten Sie von den Sommer- oder Herbstschulen?
Das ist eine Möglichkeit. So kann den Eltern Sicherheit gegeben werden, dass ihr Kind Unterstützung bekommen. Ich kann die Sorge der Eltern verstehen. Als Schule versuchen wir, besonders in diesen Zeiten Vertrauen mit Verlässlichkeit, Transparenz und Stabilität zu geben – und engen Kontakt zu den Eltern.

Interview: Doreen Reber

Monika Kleinschnitger
Monika Kleinschnitger
x