Harthausen / Hanhofen
Postkartensammler illustriert Wandel der Zeit
Seit 2002 ist der gebürtige Harthausener, der schon lange in Hanhofen lebt, auf der Jagd nach den beschrifteten Bildchen, die überwiegend im Din-A-5-Format (Postkartenformat) kursieren. Die Aufnahmen reizen ihn ganz besonders. Die Texte sind manchmal nur schwer zu entziffern, weil oft in Sütterlin geschrieben. „Manchmal wirklich sehr interessant, Karten aus der Kriegszeit oft sehr aufschlussreich“, sagt der 82-jährige Oskar Fischer.
Der rüstige frühere Mitarbeiter der Pfalz-Flugzeugwerke fährt noch immer gerne Rad, hat früher gerungen und ist auf Berge gekraxelt, ist schon immer ein Sammler. Als Kind und Jugendlicher ist er hinter Fußballerbildern her, früh aber reizen ihn auch schon Postkarten mit schönen Bildern oder historischen Motiven. Startschuss für das „professionelle“ Sammeln ist die Haushaltsauflösung bei einer seiner Tanten. „Haushaltsauflösungen sind immer wieder eine Fundgrube“, weiß der Experte inzwischen. Alte Kisten und Schränke bergen oft wahre Schätze. Fischer findet im Nachlass der Tante damals zwei gefüllte Alben, eins mit Karten – Soldatenbilder aus dem Ersten Weltkrieg –, das andere mit Postkarten von Speyer. Wegwerfen kann er sie nicht. Er überlegt, sie systematisch zu sammeln. Mit Speyer startet er. Die drei Umlandgemeinden nimmt er sich dann vor.
Speyer füllt meisten Bücher
Stolz führt Fischer in sein Arbeitszimmer, öffnet einen Schrank und zeigt auf die Bände, die dort in Reih’ und Glied stehen. „Meine Sammlungen sind alle nach dem Alter der Karten aufgebaut. Da es zu viele Karten aus Speyer gibt, habe ich unterteilt: Rhein, Dom, Ansichten, Maximilianstraße, Ereignisse, Maler, Militaria“, erläutert er das Ordnungsprinzip. Von der Domstadt gibt es 28 Bücher mit je 80 Ansichtskarten. Allein fünf Ordner enthalten ausschließlich Postkarten mit Dom-Motiven. Harthausen füllt zwei Bücher, die Spargelgemeinde Dudenhofen und Hanhofen je eins. „Von den Gemeinden gab es weniger Motive, aktuell werden nach meiner Kenntnis gar keine mehr aufgelegt“, sagt der Sammler. In (Tourismus-)Städten wie Speyer werden alle drei bis fünf Jahre neue Serien aufgelegt.
Ein leeres Buch mit Folien-Seiten kostet 36 Euro. Die Karten steckt Fischer nach dem Erhalt der gedruckten Kostbarkeiten gleich in dünne Einzelfolien, dann erst in die Halterung im Buch. „Die Postkarten sollen möglichst nicht mehr direkt angefasst werden“, begründet er das. Neue Sammlerstücke bekommt Fischer auf Flohmärkten, bei Auktionen, Tauschabenden, Briefmarken- und Postkartenausstellungen, oft jedoch im Internet. Exemplare treibt Fischer dann mitunter aus dem Ausland auf. „Ja, es gibt einen Markt.“ Manchmal würden ganze Sammlungen angeboten. In Speyer gab es einen Kollegen, der vor Jahren schon eine fünfstellige Summe dafür wollte.
Zeit und Geld gefragt
Postkarten-Sammeln ist nicht ganz billig: Es kostet Zeit und Geld. Eine nicht unbeträchtliche vierstellige Summe hat Fischer bisher in sein Hobby investiert. 70 Euro kostet die bisher teuerste Karte, die Fischer gekauft hat – ein Hanhofen-Motiv. Mehrfach die Woche sortiert und begutachtet der Sammler die neuen Stücke. Er schreibt zu den meisten der Ortsansichten eigene Texte. Nicht selten kennt er Abgebildete. Ebenso oft erinnert er sich aus persönlichem Erleben an die Ereignisse, die damit verbunden sind. Etwa die Story zu der Postkarte, die eine Reihe stolzer Harthausener in Uniform und glänzenden Stiefeln zu Pferd zeigt. „Damals war Firmung im Dorf“, erzählt er und nennt angesehene Namen der Reiter. „Die Männer wollten den Bischof zwischen Harthausen und Dudenhofen begrüßen und den Geistlichen von dort aus in die Tabakgemeinde eskortieren. Problem: Ein Landwirt und Schweinehändler („de Sauruddel“) aus Dudenhofen hatte das Vorhaben spitzgekriegt. Er besaß das gleiche Auto wie der Bischof – früher als Hochwürden selbst – und fuhr langsam auf die Reiter zu. Die meinten den Wagen zu erkennen, stellten sich auf und salutierten dem Landwirt statt dem Würdenträger. „Der hat aus dem Auto heraus noch den Segen gespendet“, sagt Fischer und lacht. „Die Geschichte erzählt man sich heute noch gerne. Die Harthausener haben geschäumt. Im Tabakdorf hat der Dudenhofener keine Ferkel mehr verkauft.“
Stolze Menschen als Motiv
Für den 82-Jährigen sind die Postkarten ge- und erlebte Geschichte. „Das Besitzen, Ersteigern, Betrachten ist reine Freude für mich. Daran ist zu sehen, wo, was und wie sich vieles verändert hat in den Gemeinden. Die jetzt junge Generation kann das alles nicht mehr nachvollziehen.“ Fotografen lebten damals unter anderem davon, dass sie Menschen, Szenen, Ereignisse, Bauwerke fotografierten und dann kleine Auflagen als Karten gefertigt hätten, die als Gruß in die mitunter noch nahe Welt gehen. Deshalb zeigen sie oft stolze Menschen vor ihren Häusern oder Betrieben im Alltag.
Gerne zeigt Fischer seine Schätzchen: Da ist eine der ersten Luftaufnahmen der Tabakgemeinde aus dem Jahr 1925. Der Ort bestand damals quasi nur aus den drei heutigen Kernstraßen. Eine andere aus dem Jahr 1915 dokumentiert die vielen Betriebe der Speyerer Zigarren-Fabrik Wellensiek und Schalk. „Beeindruckend, was zu dem Unternehmen damals alles dazugehörte.“ Mitglieder der Familie des Malers Anselm Feuerbach sowie dessen Geburtshaus zeigt ein Exemplar aus dem Jahr 1933. „Ich könnte mir vorstellen, dass sich der Verein Feuerbachhaus in Speyer dafür interessieren könnte“, mutmaßt Fischer.
Wer sich für seine komplett Sammlung einmal interessiert und was daraus wird, ist noch offen. Er wolle sie seiner Tochter übereignen. „Sollten meine Enkel Interesse daran haben und weitermachen, wäre das schön. Ansonsten kann sie die Sammlung verkaufen oder verschenken an die Heimatvereine oder das Landesarchiv.“ Noch ist es aber nicht soweit: Oskar Fischer, selbst Mitglied im Heimat- und Kulturverein Harthausen, sammelt vorerst noch weiter. Leere Folien und Bücher hat er noch einige daheim.