Waldsee RHEINPFALZ Plus Artikel Pfälzer forscht in den USA: Den Krebsen auf die Nerven gehen

Lebt und forscht in den USA: Wolfgang Stein aus Waldsee.
Lebt und forscht in den USA: Wolfgang Stein aus Waldsee.

Taschenkrebse sind ziemlich groß und schmecken gut. Doch das ist es nicht, was Wolfgang Stein an diesen Tieren so fasziniert, sondern ihr verblüffend einfaches Nervensystem. Der gebürtige Waldseer ist ein renommierter Professor für Neurophysiologie in den USA und hat kürzlich einen bedeutenden Preis bekommen.

Aufgewachsen ist Wolfgang Stein (54) in einer fußballbegeisterten Familie in Waldsee. Damals gehörte die Polsterwarenfabrik Stein, die später seine Eltern Karl-Heinz und Margit übernahmen und heute sein Bruder führt, noch seinem Großvater. Die Zukunft hätte vorgezeichnet sein können: kicken und später einmal die Firma übernehmen. Fußball gespielt hat er tatsächlich viele Jahre, doch beruflich schlug er einen ganz anderen Weg ein. Nach dem Abitur am Friedrich-Magnus-Schwerd-Gymnasium in Speyer studierte er Biologie in Kaiserslautern. „Ich war der erste in unserer Familie, der an die Uni ging und ich bin meinen Eltern unheimlich dankbar, sie haben mich extrem unterstützt“, erzählt er.

Bei einem Praktikum in Neurobiologie und später bei einer Tagung zu Neurophysiologie hat es dann Klick gemacht: Wolfgang Stein war so fasziniert von der Funktion des Nervensystems, dass er zunächst auf diesem Gebiet promovierte und auch danach weiter daran forschte. Anfangs in Bielefeld, dann an der University of Pennsylvania, wo er zum ersten Mal mit Taschenkrebsen beziehungsweise deren amerikanischem Pendant, der Jonahkrabbe, arbeitete. „Wenn man untersuchen möchte, wie Nervenzellen miteinander verbunden sind und kommunizieren, könnte man sich das Gehirn von Mäusen anschauen“, erklärt Stein. „Das hat 100 Milliarden Nervenzellen. Krebse haben nur 150.000 Nervenzellen, die noch dazu viel größer sind, deswegen nehmen wir sie für unsere Untersuchung. Außerdem ist gut beschrieben, wie die Zellen miteinander reden.“ In seiner Zeit als wissenschaftlicher Assistent an der Uni Ulm von 2000 bis 2011 hatte er eine eigene Forschungsgruppe, die sich damit beschäftigte, warum ein Nervensystem so flexibel ist. Stein beschreibt das mit einfachen Worten: „Wenn man läuft, muss man Schritte machen, die Beine heben, wenn man eine Treppe steigt. Die Nervenzellen müssen all die unterschiedliche Bewegungsabläufe koordinieren.“

Mitten in Illinois

Wie in der Wissenschaft üblich, ist die Finanzierung von Projekten meist zeitlich begrenzt. Nach der Zeit in Ulm wollte Wolfgang Stein Wurzeln schlagen. Das tat er dann in den USA an der Illinois State University in der kleinen Stadt „Normal“, die, wie er es beschreibt, in der „Mitte von der Mitte von Illinois“ liegt, wo er ein unbefristetes Angebot als Professor erhielt. Auch hier forscht er weiter an Krebsen. Früher in Deutschland hat Stein Taschenkrebse von Fischern aus Helgoland bezogen, heute muss er Jonahkrabben aus Boston einfliegen lassen. Krebse, die sonst in Restaurants oder privaten Kochtöpfen landen würden. Das macht es ein bisschen leichter, denn Stein ist sich sehr bewusst, dass er in seinem Labor Tiere für die Wissenschaft opfert. Praktischerweise sind die Nervenzellen, die er aus ihnen für seine Versuche herausnimmt, in dem Teil der Tiere, den Gourmets wegwerfen. „Der Rest ist das, was man isst“, beschreibt Stein. Hin und wieder schmeißt er dann den Grill an und für die Abteilung gibt’s gegrilltes Krebsfleisch.

Seine Forschung hat durch den Klimawandel eine hochaktuelle Wendung bekommen. „Warum das Nervensystem so flexibel ist, hat man jetzt verstanden“, erklärt er. Jetzt gehe es darum, warum es so robust sein kann. Stein führt wieder einen einfachen Vergleich an: „Atmen ist eine rhythmische Aktivität. Wir atmen ein, wir atmen aus, wir können auch die Luft anhalten, aber warum fällt die Atmung nicht aus?“ Als Modell für eine solche rhythmische Aktivität nimmt er einen kleinen Teil des Krebs-Nervensystem. Völlig faszinierend für ihn: Dieses System hält Temperaturunterschiede von 20 Grad aus. „Wie können sich Krebse so gut an Temperaturunterschiede und damit an den Klimawandel anpassen?“, fragt er sich nun.

Millionen für die Forschung

Für dieses Projekt, das er zusammen mit Steffen Harzsch von der Uni Greifwald bearbeitet, ist Steins Labor nun als eine von drei Forschergruppen weltweit mit dem insgesamt 3,7 Millionen Dollar dotierten Preis der Kavli Foundation ausgezeichnet worden. Willkommenes Geld für die Forschung, denn ein Budget dafür gibt es an der amerikanischen Uni nicht.

Das macht natürlich auch seine Familie in Waldsee sehr stolz. Die vermisst Wolfgang Stein schon sehr. Er versucht ein bis zwei Mal im Jahr nach Waldsee zu kommen. Dann steht er auch am Fußballplatz, babbelt Pälzisch mit seinen Leuten, stattet der Currysau einen Besuch ab, geht in den Pfälzerwald zum Wandern oder auf Motorradtour mit dem Papa. Im Winter geht er mit den Eltern in Vorarlberg Skifahren. Motorradfahren und Wandern macht er auch in den USA, auch wenn die Wege dort ein bisschen weiter sind. „Hier kann man entgegen der ursprünglichen Befürchtung meiner Mutter auch ganz gut leben“, sagt er. Die Menschen seien sehr freundlich und hätten eine deutlich positivere Lebenseinstellung als die Deutschen. „Wenn man in Deutschland ist, hat man den Eindruck, jeder beschwert sich. Die Amis sind da entspannter und machen das Beste aus dem Leben.“

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