Rhein-Pfalz Kreis Orpheusspötter auf dem Vormarsch
«Ludwigshafen.» Mit seinem Gesang bezirzte Orpheus den Gott Hades, damit dieser seine geliebte Eurydike aus der Unterwelt freigibt. Ein großer Sänger und ein wunderbarer Stimmenimitator ist auch der Orpheusspötter, der eigentlich im Mittelmeerraum brütet. Erstmals wurde er in Bobenheim-Roxheim gesichtet. Häufiger kommt in den Gärten ein Verwandter vor, im Volksmund „Schreihals“ genannt.
Wahrscheinlich hört man ihn, bevor man ihn sieht, glaubt aber kaum, dass diese abwechslungsreichen Töne von demselben Vogel stammen, ein Tschilpen, Flöten und Zwitschern, durchsetzt mit den Melodien anderer Arten wie Meisen oder Pirol. Am liebsten hockt der Orpheusspötter in trockenen Sandgruben oben auf einem Ginster, einer Brombeere oder einem Rosenbusch. „Er präsentiert sich gerne, um Weibchen anzulocken“, sagt Thomas Dolich aus Neuhofen von der Gesellschaft für Naturschutz und Ornithologie Rheinland-Pfalz. „Im Gegensatz zur Nachtigall, die auch laut singt, aber sich versteckt hält.“ Mit knapp 13 Zentimetern ist der Orpheusspötter kleiner als ein Spatz und mit einem grünbraunen Federkleid gut getarnt. Auch die Vogelkundler müssen genau hinschauen, denn er ähnelt stark seiner Schwesternart, dem hier heimischen Gelbspötter. Dieser kam hier so häufig vor, dass er „Gartenspötter“ oder schlicht „Schreihals“ genannt wurde. Allerdings bevorzugt der Gelbspötter höhere Büsche oder Bäume, wo er flink von Ast zu Ast hüpft. „Und man kann sie am Verhältnis der Handschwingen zu den Schirmfedern unterscheiden“, sagt Dolich. Obwohl beide Arten Langstreckenflieger sind und in den Savannen Afrikas überwintern, hat der Orpheusspötter deutlich kürzere Flügel. Nur zwischen Mai und Juli ist ihr Gesang zu vernehmen, und sie singen besonders intensiv von Mai bis Juni zur Revierverteidigung, bevor sie sich wieder auf den langen Flug gen Süden ins Winterquartier machen. Allerdings verlagert sich derzeit das Verbreitungsgebiet durch den Klimawandel, beobachten die Ornithologen. „Der Gelbspötter ist auf dem Abmarsch, weil er es kühler mag und wandert Richtung Nordosten aus.“ Der Orpheusspötter, dessen Name der griechischen Mythologie entlehnt ist, fühlt sich in wärmeren Gefilden wohl und wagt sich zunehmend in neue Räume vor. Falls er sich in Bobenheim-Roxheim tatsächlich niederlässt, befände er sich damit an der nordöstlichsten Verbreitungsgrenze seiner Art, meint Dolich. Er hat auch schon einen Orpheusspötter in Ludwigshafen-Gartenstadt erspäht. Wie kommt es zu der Verlagerung? „Es gibt genetische Mutationen und dadurch Vögel, die etwas forscher sind und sich weiter wagen“, erklärt der Ornithologe. „Wenn sie damit Erfolg haben und sich vermehren können, bekommen sie Junge mit ähnlichen Genen. Da die Vögel gerne an den Ort zurückkehren, wo sie geschlüpft sind, etablieren sie sich dort.“ Vermutlich haben schon früher Vögel andere Gebiete erkundet, überlebten dort aber nicht. „Früher meinte man, dass die Spezialisierung in Jahrmillionen entstanden ist. Aber inzwischen weiß man, dass Vögel viel anpassungsfähiger und flexibler in ihrem genetischen Pool sind.“ Der Orpheus aus dem Mythos führte seine Frau aus der Unterwelt, blickte sich dabei aber nach ihr um, obwohl er dies nicht durfte. Sie blieb im Hades zurück. Ob wohl der Namensvetter, der in Bobenheim-Roxheim gesehen wurde, wieder umkehren muss oder erst einmal hier bleibt? „Wenn der Orpheusspötter nach zehn Tagen hier immer noch singt, besetzt er sein Revier“, sagt Dolich. Serie Der Silbersee mit dem Roxheimer Altrhein ist das wichtigste Gewässer für rastende Wasservögel in Rheinland-Pfalz. Doch nicht nur auf dem See können allerlei exotische Gäste und bekannte Anwohner beobachtet werden. Auch im Gebüsch und in den Wipfeln trällert es eifrig. In unserer Serie „Hergezwitschert“ stellen wir interessante Vogelarten vor, die man mit Glück und Geduld in der Region antreffen kann.