Mutterstadt RHEINPFALZ Plus Artikel Neustart im Jugendtreff: „Es hat wohl der Antrieb gefehlt“

Keinen guten Ruf hatte der Jugendtreff in den vergangenen Jahren, nun ist ein Neustart geplant.
Keinen guten Ruf hatte der Jugendtreff in den vergangenen Jahren, nun ist ein Neustart geplant.

Seit gut zwei Jahren liegt die Jugendarbeit in Mutterstadt brach. Doch noch in diesem Jahr soll der Jugendtreff nach einem Umbau wieder eröffnet werden. Das Konzept hat die Mutterstadterin Julia Hammer mit ausgearbeitet. Ob offene Jugendarbeit überhaupt noch Zukunft hat, darüber sprach sie mit Redakteurin Doreen Reber.

Frau Hammer, die Kinder und Jugendlichen haben heutzutage viele Angebote: Es gibt Internet, Computerspiele, soziale Medien, Shopping-Malls, Clubs; viele sind bis nachmittags in der Schule. Sind da Jugendtreffs noch notwendig?
Ja, auf jeden Fall. Diese Art der offenen Jugendarbeit wird immer noch benötigt. Klar, die gesellschaftlichen Strukturen haben sich verändert, bildungspolitisch hat sich viel getan, wie zum Beispiel die Ganztagesangebote. Und auch die Freizeitmöglichkeiten sind vielfältig. Aber all diese Aktivitäten sind mehr oder weniger mit Regeln verbunden. Der Jugendtreff bietet mehr Freiraum, mehr Selbstbestimmung. Er ist im besten Fall Lebensraum für Jugendliche und auch Kinder; ein Raum, wo sie gern hingehen, sich mit Freunden treffen – und in dem es Ansprechpartner gibt, mit denen sie über das sprechen können, über das sie zu Hause vielleicht nicht sprechen können oder möchten. Für manche ist es auch ein Schutzraum, eine Anlaufstelle, wo ausgebildete Pädagogen ihnen – wenn nötig – weiterhelfen können.

Sie sind Jahrgang 1997, verbrachten viele Jahre Ihrer Jugend in Mutterstadt. Haben Sie den Jugendtreff je selbst besucht?
Ich gebe zu, sehr wenig. Der Treff hatte schon damals keinen guten Ruf. Hinzu kam, dass ich im Sportverein TSG und im Chor aktiv war, ich habe dort meine Zeit mit Freunden verbracht. Mein Bezugspunkt zum Jugendtreff war die Ortsrand-Erholung in den Ferien, die das Jugendzentrum mit betreute. Ich war später dann auch selbst Betreuer.

Der Jugendtreff wurde schon vor Corona kaum noch angenommen. Die, die noch kamen, waren ältere Jugendliche, in der Mehrzahl mit Migrationshintergrund. Jüngere trauten sich nicht mehr in den Treff. Was wurde falsch gemacht?
Es ist schwer, das jetzt noch nachzuvollziehen, der Treff ist ja schon seit über zweieinhalb Jahren geschlossen. Doch schon zuvor sind die Angebote wie Kurse oder Ausflüge immer weniger geworden. Es hat wohl am Antrieb gefehlt, das Angebot weiterzuentwickeln, was extrem wichtig ist in der offenen Jugendarbeit. Es waren viele Umstände: Möglicherweise kamen keine neuen Impulse mehr rein, dann noch der Umbau und krankheitsbedingter Mitarbeiterausfall. Aber es war bestimmt kein Fehler einzelner Personen.

Nachdem eine Neuausrichtung von der Kommune geplant war, die aber krankheitsbedingt von den Jugendtreff-Mitarbeitern nicht erstellt werden konnten, hatten Sie und ihre Kommilitonin Marta Ossig-Szymczyszyn beschlossen, ein Konzept als Studienprojekt zu erarbeiten. Was waren die Herausforderungen?
Da der Jugendtreff geschlossen war, konnten wir gar nicht mit der Zielgruppe, den Kindern und Jugendlichen, sprechen. Aber wir haben versucht, alle mit einzubinden, die irgendetwas mit dem Treff zu tun hatten: die Treff-Mitarbeiter, die Gemeinde, der Freundeskreis. Und wir hatten die Jahresberichte. So konnten wir einen Rückblick erarbeiten – und daraus dann das Konzept.

Was wird die größere Veränderung konzeptionell sein?
Dass ständig die Arbeit im Team reflektiert und an die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen angepasst wird. Dazu sollten konsequent regelmäßige Teamsitzungen stattfinden und es sollte sich mit Schulen, Vereinen, dem Freundeskreis und anderen Aktiven in der Jugendarbeit ausgetauscht werden. Aus unseren Erfahrungen in der offenen Jugendarbeit wissen wir, dass es wichtig ist, sich bewusst an einem Tisch zu setzen. In anderen Punkten ist das Konzept offen gestaltet. Was angeboten wird, das sollen die Jugendlichen bestimmen können – ebenso die Gestaltung und Nutzung der etwa 200 Quadratmeter großen Fläche. Die Räume sollen nach der Renovierung multifunktional sein, denn vieles ist denkbar: eine Art Werkstatt, eine Bühne, Computer. Konkret sind ein Café, ein Rückzugsraum und ein Lern- und Arbeitsraum für die Hausaufgabenbetreuung vorgesehen. Und natürlich wird es die Klassiker wie Tischkicker und Billardtisch geben.

Zielgruppe sollen die Sechs- bis 16-Jährigen sein, das sind über 1240 Kinder und Jugendliche im Ort, die theoretisch kommen können. Nach einer so langen Schließzeit wissen wohl die meisten nicht, dass es einen Jugendtreff gibt. Keine guten Startbedingungen. Wie wollen Sie sie in den Treff locken?
Es geht weniger darum, dass der Treff mit besonderen Dingen ausgestattet ist, sondern darum, dass sie einen Raum haben, in dem sie sie selbst sein können, in dem sie sich angenommen fühlen. Es wird aber für das neue Team tatsächlich eine große Herausforderung werden, und am Anfang wird es wahrscheinlich träge anlaufen. Es ist ja ein Start von Null – das ist ein Risiko, kann aber auch eine riesige Chance sein. Auch um den nicht so guten Ruf hinter sich zu lassen und wieder die jüngeren Kinder anzusprechen.

Wie würden Sie das angehen?
Intensiv auf sich aufmerksam machen, zum Beispiel aktiv in die Schulen gehen, Hausaufgabenbetreuung anbieten, mit Vereinen Kooperationen eingehen. Die Lage mitten im Ort ist eigentlich sehr günstig. Und mit einer Leitung, die sich mit dem Ort und dem Treff identifiziert, die sensibel auf die Bedürfnisse reagiert und das Konzept entsprechend anpasst, wird das gelingen.

Zur Person

Julia Hammer ist 24 Jahre alt und hat ihr Abitur an der IGS Mutterstadt abgelegt. Die meiste Zeit ihrer Jugend verbrachte sie in Mutterstadt, kam über den katholischen Jugendverband zur Jugendarbeit und hat dort zum Beispiel Zeltlager mit organisiert. Ihr Freiwilliges Soziales Jahr legte Julia Hammer an der Mutterstadter Mandelgraben-Grundschule ab. Danach studierte sie Kindheitspädagogik an der Evangelischen Hochschule in Darmstadt und schloss mit einem Bachelor-Titel ab. Derzeit strebt sie den Master-Abschluss in Bildungswissenschaften an der TU Darmstadt an. Viele Jahre war sie aktiv in der TSG Mutterstadt. Während ihres Studiums arbeitete Julia Hammer bei der evangelischen Heimstiftung in der Jugendhilfe, unter anderem als Schulsozialarbeiterin. Derzeit ist sie für den Bund deutscher katholischer Jugend Darmstadt in der „intensiven Schulkind-Betreuung“ an einer Gesamtschule tätig. Sie möchte in Zukunft beruflich gern weiter in der offenen Kinder- und Jugendarbeit oder in der Jugendhilfe aktiv sein.

Julia Hammer
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