Bobenheim-Roxheim RHEINPFALZ Plus Artikel Naturschützer kritisieren Gemeindeverwaltung für Schilfzerstörung am Altrhein

Auf einer Länge von 270 Metern soll ein Gemeindearbeiter Lehm und Erde auf das Schilf gekippt, und so auch Habitate von Tieren z
Auf einer Länge von 270 Metern soll ein Gemeindearbeiter Lehm und Erde auf das Schilf gekippt, und so auch Habitate von Tieren zerstört haben.

Für Naturschützer ist es eine Katastrophe: Mitte Mai wird bei Arbeiten am Altrheinpfad im Natur- und Vogelschutzgebiet am Silbersee Schilf zerstört. Dort sollen unter anderem Nester von Teichrohrsängern sein, Stock- und Schnatterenten gründeln. Jetzt arbeitet die Untere Naturschutzbehörde den Vorfall auf. Die Gemeindeverwaltung wehrt sich gegen die Kritik der Naturschützer.

Iris Schneider musste erst einmal Luft holen. Lehm, Pflanzen und teilweise kleiner Schotter hätten auf dem Schilf im Picknickbereich im Westen des Altrheinpfads zwischen Isenach und Grumbeeräcker gelegen und das Rückzugsgebiet vieler Tiere zerstört, berichtet sie im Gespräch mit der RHEINPFALZ. Am 14. Mai sei die 52-Jährige, die Mitglied im Bobenheim-Roxheimer Verein für Naturschutz und Heimatpflege ist, mit dem Rad am Silbersee gewesen. „Das mache ich oft“, erklärt die ehrenamtliche Naturschützerin, die sich gerne im Naturschutzgebiet, das gleichzeitig eines der bedeutendsten Beobachtungsgebiete für Wasservögel ist, aufhält. „Aber was ich da gesehen habe, hat mich schockiert und aufgeregt.“ Da habe sie erstmal Luft holen und das Areal verlassen müssen.

„Radikale Eingriffe“

Ihr Vorwurf: Mitarbeiter des Gemeindebetriebshofs hätten auf einer Länge von 270 Metern Erd- und Pflanzenmaterial mit einem Bagger abgetragen und auf dem trockenen Schilf entlang der Isenach entsorgt. Das Problem dabei: „In diesem Bereich befinden sich mindestens zwei, eventuell mehr, gesicherte Nester von Teichrohrsängern.“ Zudem seien dort am Ufer regelmäßig Stock- und Schnatterenten sowie Höckerschwäne, Teichhühner und Wasserrallen auf Nahrungssuche unterwegs. Solche „radikalen Eingriffe “ und „punktuelle Störungen“ könnten für die Tiere gravierend sein. „Das Habitat ist durch die Schilfzerstörung nun stark beeinträchtigt, teilweise nicht mehr vorhanden“, meint Schneider. „Für mich ist das eine unwiederherstellbare Zerstörung.“

Nach dem ersten Schock habe Schneider dann den örtlichen Naturschutzbeauftragten hinzugezogen und den Vorfall der Oberen Naturschutzbehörde bei der SGD Süd sowie der Unteren Naturschutzbehörde bei der Verwaltung des Rhein-Pfalz-Kreises in Ludwigshafen gemeldet. Auch an die RHEINPFALZ hat sich Schneider gewandt. „Ich wollte Druck aufbauen, damit die Sache möglichst aufgeklärt wird“, sagt sie.

Schneider befürchtet, dass das Naturschutzgebiet durch viele kleine Aktionen nachhaltig zerstört werden könnte. „Erst wurde der Weg geschottert, jahrzehntealte Mirabellen gefällt und jetzt das“, sagt sie. Enten habe sie am Ufer seit dem Vorfall nicht mehr gesehen, dafür nun aber Nutria-Jungtiere, die möglicherweise noch mehr Fußgänger anlocken könnten. Laut Schneider habe der Naturschutzverein im Nachgang auch zwei leere Nester in dem betroffenen Bereich gefunden. Ob die Eier vorher bereits von Feinden gefressen wurden oder bei den Arbeiten am Weg ins Wasser gefallen sind, könne sie nicht sagen. „Da will ich nicht spekulieren.“ Fest stehe für sie nur: „Das ist eine Verbreiterung des Wegs auf Kosten einer radikalen Schilfzerstörung.“

Gemeinde hat Pflichten

Dem widerspricht der Bobenheim-Roxheimer Bürgermeister Michael Müller (SPD). „Von einer Wegverbreiterung ist mir nichts bekannt. Meines Wissens war der Mitarbeiter des Betriebshofs mit der notwendigen Sorgfalt unterwegs.“ Laut Müller hätte das Zurückschneiden der Brennnesseln und Brombeerranken bereits im März und April an dieser Stelle stattfinden sollen. Doch dann kam das Coronavirus und die Arbeiten hätten sich verzögert. Mitte Mai habe der Mitarbeiter dann „die Grasnabe abgekratzt“. Grund für die Arbeiten seien vorangegangene Beschwerden von Spaziergängern gewesen. „Während des Lockdowns konnten die Leute fast nirgendwo mehr hin“, merkt Müller an. Sie seien also zum Spazierengehen vermehrt an den Silbersee gekommen. Die Mitarbeiter des Bauamts und des Betriebshofs hätten dann abgewogen zwischen der Verkehrssicherheit der Wege und dem Eingriff in die Natur. „Schließlich hat die Gemeinde eine Verkehrssicherungspflicht“, erinnert Müller.

Für die Forderung der Spaziergänger hat Schneider kein Verständnis: „Es ist absurd. Das ist keine Fußgängerzone, sondern ein Weg in einem Naturschutzgebiet. Da muss man Steine und Brennnesseln in Kauf nehmen.“

Die Untere Naturschutzbehörde wollte sich zum Stand der Aufarbeitung nicht äußern. Müller geht davon aus, dass die Gemeindeverwaltung um eine offizielle Stellungnahme gebeten wird, stellt jedoch schon jetzt einen Lösungsvorschlag in den Raum: „Wenn sich das alles bewahrheitet, finden sich vielleicht Eh-da-Flächen, mit denen man einen Ausgleich schaffen kann.“

Teichrohrsänger (rechts, hier mit einem Kuckucksküken), hüpfen geschickt durch Schilf – auch am Altrhein.
Teichrohrsänger (rechts, hier mit einem Kuckucksküken), hüpfen geschickt durch Schilf – auch am Altrhein.
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