Bobenheim-Roxheim RHEINPFALZ Plus Artikel Nachtschutzbeauftragte: Wechsel zu knallweißem Licht ist ein Fehler

Licht ins Dunkel: Für die Tierwelt kann zu viel und zu helles Licht im Garten schädlich sein, sagt Sabine Frank.
Licht ins Dunkel: Für die Tierwelt kann zu viel und zu helles Licht im Garten schädlich sein, sagt Sabine Frank.

Im November wird Sabine Frank vom Sternenpark Rhön nach Bobenheim-Roxheim kommen, um über die Beleuchtung in der Gemeinde zu reden. Allein an Überflugbildern erkennt sie bereits, wo es beim Licht, das von Straßenlampen ausgeht, Probleme gibt. Davon erzählt sie im Gespräch mit Stefan Heimerl.

Frau Frank, Sie informieren im November bei einer Veranstaltung im Kurpfalztreff über Lichtverschmutzung und umweltverträgliche Beleuchtung. Inwiefern ist Licht umweltschädlich?
Auch wenn wir es als selbstverständlich ansehen, zählt Kunstlicht schon immer zu den umweltschädlichen Einflüssen. Nicht nur wegen des Energie- und Ressourcenverbrauchs, das Licht selbst zählt zu den schädlichen Immissionen. Das steht auch schon immer so im Bundesimmissionsschutzgesetz. Diese künstliche Aufhellung der Schwachlichtumgebung Nacht ist für die Natur mit teils fatalen Folgen verbunden, denn sie beeinträchtigt den Tag-Nacht-Rhythmus. Dass Insekten zum Licht fliegen, weiß ja jeder. Was wir aber nicht sehen, sind die massiven Populationsausfälle, die dadurch entstehen, dass Tiere ihre Signale verpassen. Gerade jetzt in der kalten Jahreszeit wird wieder mehr beleuchtet. Dieses ganze Licht trifft auf Wolken und erzeugt dadurch eine Art Dauervollmond, der auch weit entfernt vom Entstehungsort die Landschaft aufhellt. Dadurch können sich Insekten und Vögel schwieriger an den echten Mondphasen orientieren und verpassen bestimmte Punkte in der Fortpflanzung. Auch der menschliche Tag-Nacht-Rhythmus ist hormonell durch Melatonin gesteuert. Wir Menschen haben aber Mechanismen, uns dem Licht zu entziehen, das haben Tiere und Pflanzen nicht. Über diese Auswirkungen werde ich in dem Vortrag sprechen.

Lichtverschmutzung ist etwas, das die Menschen vor allem mit Großstädten verbinden. Welche Relevanz hat das in kleineren Gemeinden wie Bobenheim-Roxheim?
Ich habe im Vorfeld des Vortrags Überflugbilder von Bobenheim-Roxheim bekommen, die mich nachdenklich gestimmt haben. Man hat da offenbar den Fehler gemacht und die Straßenbeleuchtung von orangem Licht auf knallweißes Licht mit dem schädlichen hohen Blauanteil gewechselt. Das könnte die Gemeinde nun angesichts der geplanten Änderung des Bundesnaturschutzgesetzes eventuell zu einer Umrüstpflicht zwingen. Deswegen hätte ich der Gemeinde empfohlen, bei orangem Licht zu bleiben. Das wäre geringfügig weniger energieeffizient als die weißen LEDs, aber wenn dann dreimal mehr Lampen aufgestellt werden als nötig oder auch viel zu hohe Lichtströme eingesetzt werden, wird dadurch nichts gespart. Das Straßengesetz in Rheinland-Pfalz schreibt nicht einmal eine Beleuchtung vor, eine derartige Vorgabe gibt es sowieso nur in ganz wenigen Bundesländern. Gerade das weiße Licht mit hohem Blauanteil ist für die Natur und auch Menschen am schädlichsten. Es streut und blendet stärker und führt zur stärkeren Aufhellung. Manchmal werden auch sozusagen 500 PS starke Lampen aufgestellt, obwohl 100 PS ausreichen würden. Das nennt man überbelichtet. Die meisten Insekten und Zugvögel bewegen sich aber vor allem nachts, weil da die Luft ruhiger ist. Sie werden dadurch abgelenkt. Knapp 80 Prozent der Schmetterlinge sind Nachtfalter und die leisten eine unglaubliche Bestäubungsarbeit. Ich werde deshalb ein paar Vorschläge machen, wie man die bestehende Beleuchtung nach ökologischen Kriterien verbessern könnte und erkläre, welche weiteren Steuerungsmöglichkeiten die Kommune hat. Etwa bei Bebauungsplänen. Da können Vorgaben bezüglich der Beleuchtung gemacht werden, auch bei Privatleuten. In Frankreich gibt es außerdem bereits 12.000 Kommunen, in denen nachts das Licht abgeschaltet wird.

Gerade mal zehn Kilometer südlich von Bobenheim-Roxheim beginnt der größte zusammenhängende Chemiestandort der Welt – da ist es jede Nacht taghell. Bringt es da etwas, wenn ich als Eigenheimbesitzer weniger Licht im Garten und an der Hausfassade einsetze?
Kunstlicht aus, Sterne an – das halte ich für eine Steigerung der Lebensqualität. Bei unseren Großmüttern gab es auch keine LEDs. Den Leuten muss auch klar sein, dass diese Produkte aus Fernost kommen und nicht recyclingfähig sind, mit Akkus sogar Sondermüll. Die Menschen vergessen, dass in unseren Gärten und um unsere Häuser viele Tiere ihr Zuhause haben. Das viele Licht, auch gerade jetzt wieder zur Weihnachtszeit, stört sie massiv – ich wünschte mir hier sehr viel mehr Rücksicht. Viele Nachbarn stören sich auch an immer öfter beleuchteten Hausfassaden. Da ist in den letzten Jahren in einigen Regionen ein regelrechter Wahn entstanden. Die starke Beleuchtung bei der BASF, deren Licht über Wolken auch nach Bobenheim-Roxheim reflektiert wird, kann vermutlich ebenfalls optimiert werden. Wir haben hier eine Kooperation mit der Industrie- und Handelskammer und schauen uns die Lage vor Ort an – dabei wurde schon sehr viel abgeschaltet und verbessert, zum Beispiel bessere Lichtlenkung. In meinem Vortrag bringe ich aber vor allem Beispiele aus der Praxis und Ideen für die Kommune mit. Dabei geht es auch um rechtliche Aufklärung. Die Gemeinde hat etwa die Möglichkeit, über Bebauungspläne und per Lichtsatzungen einzuwirken¸ abgesehen von den naturschutz- und immissionschutzfachlichen Verpflichtungen. Letztlich geht es darum, das nächtliche Kunstlicht für Mensch und Natur so ökologisch wie möglich zu gestalten. Dann hat auch der Sternenhimmel wieder eine Chance auf Rückkehr – und daran erfreuen sich wirklich Jung und Alt.

Zur Person

Sabine Frank, Jahrgang 1971, ist Sozial- und Kulturwissenschaftlerin sowie Hobbyastronomin und arbeitet als Nachtschutzbeauftragte beim Landkreis Fulda. Sie berät nach eigenen Angaben Kommunen und unterstützt intern die Fachdienste bei der Beurteilung von Lichtberechnungen, beispielsweise bei Flutlichtanlagen. Sie ist Mitinitiatorin des Projekts Sternenpark und Koordinatorin von „Sternenpark im Biosphärenreservat Rhön“, betreut dort unter anderem das Monitoring der Himmelshelligkeit oder entwickelt Planungshilfen.

Termin

Der Ortsverband Bündnis 90/Die Grünen Bobenheim-Roxheim lädt für Mittwoch, 15. November, von 18.30 bis 20.30 Uhr, zum Vortrag mit Sabine Frank inklusive Stadtspaziergang über Lichtimmission in den Kurpfalztreff, Pfalzring 43, ein.

Sabine Frank
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