Rhein-Pfalz Kreis
Mutterstadterin feiert 100. Geburtstag: Noch ein bissel gesund bleiben
Zu ihrem 100. Geburtstag hat Lydia Seibert aus Mutterstadt am Mittwoch eine Überraschung erwartet: Mit einem Rolls Royce wurde sie stilvoll zum Palatinum chauffiert. Dort freute sich die Seniorin über viele Glückwünsche. Am meisten bedeutete es ihr aber, den Ehrentag mit der Familie zu feiern.
Mehr als 99 Jahre liegen zwischen dem Geburtstagskind und dem jüngsten Gast. Denn mit dem gerade mal acht Monate alten Ururenkel Paul umfasst die Familie von Lydia Seibert mittlerweile stolze fünf Generationen. Neben den Verwandten sind aber auch zahlreiche weitere Gratulanten ins Palatinum gekommen. Allen voran Bürgermeister Hans-Dieter Schneider (SPD), für den der alljährliche Besuch bei Seibert schon zur Routine geworden ist. Seit ihrem 90. Geburtstag schaut er jedes Jahr vorbei – und er wünscht ihr auch diesmal von Herzen, dass sie „noch ein bissel gesund“ bleiben möge. „Ein bissel ist bei Ihnen ja immer ein bissel mehr“, fügt er hinzu.
Die Jubilarin kann wahrlich auf ein langes und bewegtes Leben zurückschauen. Der Erste Weltkrieg war noch nicht ganz ein Jahr vorbei, als sie am 9. Oktober 1919 im Haus ihrer Eltern Lina und Friedrich Rein an der Neustadter Straße 55 in Mutterstadt geboren wurde. Sie war die Zweitälteste von insgesamt vier Geschwistern. „Ich bin die einzige, die noch übrig geblieben ist“, sagt die 100-Jährige mit einem wehmütigen Lächeln. Wenn sie von ihren ersten Lebensjahren spricht, ist ihr deutlich anzumerken, dass es eine glückliche Zeit war.
Sie wollte schon immer eine Familie
„In meiner Kindheit war alles schön. Wir haben gute Eltern gehabt“, erinnert sich Seibert. Ihr Vater war Schneidermeister. Die Mutter habe den Haushalt geführt und sich um die Kinder gekümmert. Dabei hat sich die Tochter einiges abgeschaut. „Ich habe immer gern gekocht. Das habe ich von meiner Mutter gelernt“, berichtet sie. Die so früh erworbenen Fähigkeiten kamen ihr später zugute, als sie als Hauswirtschafterin in verschiedenen Haushalten ihren Lebensunterhalt verdiente.
Lydia Rein war schon immer ein Familienmensch und wollte später auch eine eigene Familie gründen. Ihren späteren Mann Heinrich Seibert lernte sie mitten im Zweiten Weltkrieg auf einer Tanzveranstaltung im Pfalzbau kennen. „Kurz nach dem Polenkrieg war er auf Urlaub da“, sagt die Mutterstadterin. Und auf die Frage, ob es Liebe auf den ersten Blick gewesen sei, antwortet sie mit einem klaren „Ja“. Eine Hochzeit mitten in Kriegszeiten gestaltete sich schwierig. Und so kam es, dass der gemeinsame Sohn Karl-Heinz 1942 geboren wurde, bevor das Paar im Februar 1943 endlich vor den Traualtar treten konnte.
Ihr Glück sollte nur von kurzer Dauer sein. „Er ist nochmal nach Russland gekommen. Im gleichen Jahr wurde er vermisst“, sagt Seibert. Sie habe ihm noch mehrere Briefe geschrieben, doch die seien zurückgekommen. „Das war schlimm“, sagt sie nur über diese schwere Zeit. „Man hat halt alles gemacht, so gut es ging“, beschreibt Lydia Seibert, wie sie das Leben als Witwe mit Kind in der Nachkriegszeit gemeistert hat. „Ich habe so gelebt wie früher. Und so habe ich auch mein Kind erzogen. Wir sind mit dem klargekommen, was da ist.“
Seilspringen klappt heute nicht mehr
Es habe für sie von Anfang an festgestanden, dass sie nie wieder heiratet, bekräftigt die Jubilarin. Allein sei sie trotzdem nicht gewesen. Mit guten Bekannten sei sie zum Beispiel gerne gewandert. „In der Theatergemeinde waren wir auch“, sagt sie. Und durch ihren Sohn, der lange Jahre Präsident der Geeßtreiwer war, kam sie unweigerlich auch mit dem Karneval in Berührung und besuchte die Sitzungen. Heute ist sie das älteste, wenn auch passive, Mitglied der Karnevalsgesellschaft.
Ihr Sohn Karl-Heinz ist vor knapp zwölf Jahren verstorben. Doch bis heute kümmert sich dessen Frau Ursel Seibert um die Schwiegermutter, die nach wie vor alleine in ihrem Haus in Mutterstadt lebt. Sie kommt dank Unterstützung gut zurecht, auch wenn sie altersbedingt einige Dinge nicht mehr tun kann, die ihr früher Freude bereitet haben. Seilspringen etwa. „Das habe ich bis vor ein paar Jahren noch gemacht“, verrät sie mit einem Lachen. Auch Rad gefahren sei sie immer gern, bis sie es aus gesundheitlichen Gründen habe aufgeben müssen. An ihrem Ehrentag ist es aber kein Fahrrad, sondern ein Oldtimer, mit dem sie zum Palatinum chauffiert wird – ein echter Rolls Royce.
Bis heute ist es für die Seniorin das Schönste, wenn die Familie zusammenkommt. Drei Enkel, sechs Urenkel und der Ururenkel sorgen dafür, dass es nicht langweilig wird. „Ich habe von jeher Kinder gern gehabt. Das ist der Grund, warum ich so alt geworden bin“, ist sie überzeugt. Und so ist es bei der Überraschungsfeier zum 100. wohl das schönste Geschenk, dass sie diese mit ihren Lieben erleben darf.