Rhein-Pfalz Kreis Mutterstadter SPD feiert Doppeljubiläum

Das Wirtshaus „Zum Ochsen“: Hier fand 1946 die Versammlung zur Wieder-Gründung der SPD Mutterstadt statt.
Das Wirtshaus »Zum Ochsen«: Hier fand 1946 die Versammlung zur Wieder-Gründung der SPD Mutterstadt statt.

Zwei Jubiläen der SPD werden am Sonntag, 24. Juli, 17 Uhr, im Mutterstadter Palatinum gefeiert – mit einem Jahr Verspätung: 150 Jahre Ortsverein, 75 Jahre Wiedergründung.

Im Winter 1871 wurde in Mutterstadt, als Vorläufer der heutigen SPD, eine örtliche Organisation des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV) gegründet, als einer von drei Ortsvereinen in der Pfalz. Der Auslöser war der Streik Wochen zuvor in der Samtfabrik in Oggersheim, an dem auch Mutterstadter Arbeiter beteiligt waren. Mutterstadt gehört also zur „Keimzelle“ der pfälzischen Sozialdemokratie. Deshalb findet diese überregionale Jubiläumsveranstaltung jetzt mit dem SPD-Bezirk Pfalz in Mutterstadt statt. Erster Vorsitzender war der Schuhmacher Johann Adam Schmalbach.

Vor 75 Jahren erfolgte die (Wieder-)Gründung des SPD-Ortsvereins, der 1933 vom NS-Regime verboten und aufgelöst worden war. Schon vor der offiziellen Existenz eines Ortsvereins hatten sich im Ort die „ihrer Gesinnung treu gebliebenen Genossen“ zu internen Gesprächen über die Gestaltung der politischen Zukunft getroffen, und zwar meistens im Gasthaus „Zur Linde“, das von Heinrich Hartmann geführt wurde, der bei der Wiedergründung zum Vorsitzenden gewählt wurde. Der frühere SPD-Bezirksvorsitzende Friedrich Profit, der nach dem Krieg in Mutterstadt wohnte, war „Taufpate“ bei dieser Veranstaltung und gehörte dem neuen Vorstand an.

Endlich wieder frei sprechen

Nach Schilderungen von Zeitzeugen waren es damals bewegende Momente, als man sich nach zwölf Jahren Furcht und Verfolgung wieder öffentlich treffen, diskutieren, seine Meinung sagen konnte. Es waren Genossen dabei, die aufgrund ihrer politischen Aktivitäten 1933 vom NS-Regime verhaftet worden und im Gefängnis oder im KZ Neustadt gelandet waren. Trotzdem agierten diese Genossen unter ständiger Lebensgefahr weiter illegal im Untergrund für die Sache der Sozialdemokratie.

In den 1920er-Jahren gab es in Mutterstadt eine ganze Reihe von sogenannten Arbeitersport- und Arbeiterkulturvereinen. Ende des 19. Jahrhunderts hatten Sozialdemokratie und Gewerkschaften begonnen, sich in vielfältigen Freizeit- und Kulturaktivitäten zu organisieren. Diese Vereine für Sport, aber auch für Kulturpflege wie Gesang, Bildung, Theater und Musik, standen auf dem Boden der sozialistischen Arbeiterbewegung. Zeitweise gab es im Ort zwölf verschiedene Vereine dieser Art, die auf dem heutigen Messplatz eine Veranstaltungshalle stehen hatten. Im Frühjahr 1933 wurden die Vereine allesamt verboten und aufgelöst.

Auch bei Festen aktiv

Führende Genossen waren in der Gründungszeit Johann Adam Schmalbach und Johannes Müller (im Ort auch Soze-Müller genannt), in den 1920er-Jahren Jakob Weber, in der Nachkriegszeit Heinrich Hartmann, Otto Reimer und Harry Ledig. Aktuell ist Thorsten Leva Ortsvereinsvorsitzender für die aktuell 136 Mitglieder.

Aktiv ist der SPD-Ortsverein auch gesellschaftlich. Weit über Mutterstadt hinaus bekannt ist das alljährliche zweitägige Maifest, mit dem die SPD seit fast 140 Jahren traditionell die Mutterstadter Waldfestsaison eröffnet. Insbesondere nutzte der damals neu gegründete, aber noch verbotene Arbeiterwahlverein solche Veranstaltungen. 1884 verwies deshalb das Bezirksamt darauf, dass „(...) von Seiten der Anhänger der Sozialdemokraten unter dem Vorwand der Ausführung von geselligen Zusammenkünften, sogenannten Waldfesten, die Abhaltung sozialistischer Versammlungen versucht wird und eine ganz harmlose Zusammenkunft dazu dienen soll, die politische Veranstaltung zu verheimlichen“. Eine Polizeistreife kontrollierte deshalb den Wald.

Für die Veranstaltung am Sonntag präsentiert der SPD-Ortsverein im Palatinum für Gäste aus der ganzen Pfalz eine acht Meter breite Stellwand mit Dokumenten aus 150 Jahren SPD in Mutterstadt.

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