Rhein-Pfalz Kreis „Mundart ist mehr als Pfälzer Gebabbel“

Dannstadt-Schauernheim. Eine faustdicke Überraschung haben die Gäste beim Mundartwettbewerb Dannstadter Höhe erlebt. Zum ersten Mal in der fast 30-jährigen Geschichte der Veranstaltung hat die Jury in der Kategorie Lyrik keinen Preis vergeben. Grund: der fehlende literarische Anspruch der eingesandten Beiträge. Den Preis für den besten Prosa-Text hat Wilfried Berger aus Lobsann erhalten.
Als Moderator Nikolaus Hofen am Freitagabend die Bühne betritt und ans Rednerpult geht, erwarten die rund 220 Besucher im Zentrum Alte Schule das seit Jahren liebgewonnene Ritual: die charmante Begrüßung, anschließend die Vorträge der besten Lyrik- und Prosa-Teilnehmer, gekrönt von der Siegerehrung. Doch bald steht fest: Der Abend wird anders ablaufen. Oder wie es Hofen ausdrückt: „Die Fußnote ,Änderungen vorbehalten’, hat für uns heute Abend eine besondere Bedeutung.“ Wenig später ist die Katze aus dem Sack: Gedichte im pfälzischen Dialekt bekommt das Publikum bei der 28. Auflage des Wettbewerbs nicht zu hören, da in der Kategorie Lyrik kein Preis vergeben wird. Erstaunte Blicke, mancher offene Mund. Damit hat nun wirklich niemand gerechnet. „Wir hatten schon Wettbewerbe mit mehr als 100 Einsendungen in der Kategorie Lyrik, aus denen wir zehn Arbeiten auswählen und Ihnen präsentieren konnten“, erinnert Hofen zu Beginn. Heuer sei jedoch der unerwartete Fall eingetreten, dass lediglich 59 Beiträge eingereicht wurden und keiner davon die Voraussetzungen erfüllte, die die Jury an den Wettbewerb stellt. „Woran das gelegen hat, wissen wir nicht. Wir suchen auch nicht nach Gründen“, sagt der Juror der ersten Stunde. Ursachen gebe es wohl viele. Jeder Wettbewerb hänge von den passenden Beiträgen ab. Sei bei einem Malwettbewerb zum Beispiel die Aquarelltechnik vorgeschrieben, müssten selbst meisterhafte Bleistiftzeichnungen ausscheiden. Beim Mundartwettbewerb Dannstadter Höhe seien die Kriterien neben der Grundvoraussetzung Mundart eben auch literarische: Reimschema bei gereimter Form, Versmaß, Metrum, Rhythmus, stilistische Mittel, Stimmigkeit von Inhalt und sprachlicher Ausgestaltung. „Insgesamt hohe Anforderungen, das wissen wir. Aber davon können und wollen wir nicht abgehen, sonst hätte unser Wettbewerb sein Profil verloren und wäre vielleicht nicht mehr als Pfälzer Gebabbel“, stellt er klar. Das könne zwar auch schön sein, aber die Mundart als literarische Sprachvarietät wäre die Verliererin. Die Situation versucht Hofen am Bild von vier Hexen zu verdeutlichen. Die gelte es zufriedenzustellen: Die anspruchsvolle Hexe pfälzische Mundart, die etwas gelangweilte Hexe Inhalt und Thema, die literarische Hexe dichterische Gestaltung und die kritische Hexe vorgegebene Kriterien bis hin zu einer vernünftigen Schreibweise. So dürfe zum Beispiel dasselbe Wort nicht fünfmal anders geschrieben werden. Das seien Nachlässigkeiten, die in einem Wettbewerb nicht passieren dürfen. „Ist auch nur eine der Hexen nicht zufrieden, muss die Arbeit zur Seite gelegt werden“, erläutert er. Einige Autoren seien einfach unter dem geblieben, was sie können und beim Wettbewerb auch schon gezeigt hätten. Andere hätten sich lieber in der Sparte Prosa beteiligt, kritisiert Hofen. Die fünf besten der 31 eingesandten Prosa-Texte haben die Jury beziehungsweise die strengen „Hexen“ immerhin vollends überzeugen können. Sie stammen allesamt aus der Feder bekannter und schon mehrfach ausgezeichneter Mundartdichter. Über den ersten Preis darf sich am Ende Wilfried Berger aus Lobsann (Elsass) freuen. Er begeistert mit „Rabbeldibix – e Wunner esch g’schänne!“ nicht nur die Juroren, sondern auch die Zuhörer. In seiner Geschichte nervt der Rasenmäher des Nachbarn den Erzähler, der sich deshalb höheren Beistand erbittet: „Liewer Herrgott im Himmel, mach, dass die Kischt verreckt!“ Als es daraufhin tatsächlich still wird, gerät er ins Grübeln. Bald stellt sich jedoch heraus, dass kein Wunder dahintersteckte. Trotzdem wäre der Protagonist einem zweiten Versuch nicht abgeneigt: „Mer wääß jo nie …“ Zumindest ein Gedicht bekommen die Gäste dann aber doch noch zu hören. Mit „Was Midde Merz schun bliehe konn“ hat Werner Süs aus Koblenz den Sonderpreis des Kultur- und Heimatkreises verdient. Sein Werk dreht sich um den Verlust eines geliebten Menschen, der in der Landwirtschaft tätig war und nicht nur den Acker zum Blühen brachte. „Do staun ich, / was gewachs iss in moim Lewe / aus demm, was er mer mitgeb hat“, stellt die Erzählerfigur, ein Hinterbliebener, passend fest und verdeutlicht den Tiefgang der sprachlich wohlgefeilten sowie bewegenden Verse. Der nicht verliehene Lyrik-Preis indes beschäftigt die Leute sowohl in der Pause als auch nach dem durchaus gelungenen Abend. Die einen finden die kompromisslose Entscheidung zugunsten des künstlerischen Niveaus gut, die anderen mögen sich damit nicht so recht abfinden.