Beindersheim
Mobiler Stall: Wenn ein Hühnerhof aufrüstet
Um zehn Uhr morgens herrscht am Bobenheimer Weg in Beindersheim plötzlich Trubel. An einem bauwagenähnlichen Häuschen gehen Klappen auf, und 250 braune Lohmann-Hühner stürmen gleichzeitig gackernd auf das umzäunte Feld. Sofort wird gescharrt und gepickt, die Tiere freuen sich flügelschlagend über den Auslauf. Vorgeschrieben sind bei Freilandhaltung mindestens vier Quadratmeter pro Huhn, hier sind es zehn. Das macht 2500 Quadratmeter, auf denen die Hühnerschar bei Tageslicht machen kann, was ihrer Natur entspricht.
Im Gehege sorgt die Anwesenheit von vier Kamerunschafen dafür, dass der Habicht Angst bekommt und nicht Jagd aufs Federvieh macht. Und im Wagen gibt’s sauberes Wasser sowie Futter in Form von Getreide und Mais. Als Gegenleistung für diesen Luxus erwarten die Besitzer, das Ehepaar Ohlinger vom Beindersheimer Oberfeldhof, dass die Lohmann-Hennen ihrem Ruf gerecht werden und möglichst viele Eier legen.
Bauernhof von Eltern übernommen
Gerid Ohlinger (43) hat 1998 den elterlichen Betrieb übernommen und führt ihn ohne feste Mitarbeiter, nur mit seiner Frau Frauke. 60 Hektar Ackerland bewirtschaften die beiden, in der Hauptsache werden Frühkartoffeln angebaut, dazu etwas Getreide. Hühner haben die Ohlingers schon immer gehalten, „aber seit 2020 bin ich schwanger gegangen mit der Idee, mir ein Hühnermobil anzuschaffen“, sagt der Landwirt. Die Frage, die ihn lange umtrieb war: Rechnet sich die Investition von circa 70.000 Euro?
Gerid Ohlinger hat es vor einem Jahr gewagt und besitzt inzwischen sogar zwei dieser Wagen, die die artgemäße und umweltschonende Haltung von Hühnern und gleichzeitig die rentable Direktvermarktung von Eiern ermöglichen soll. „In unserer Region sind die Hühnermobile noch nicht so verbreitet, in Bayern dagegen schon“, weiß Frauke Ohlinger. Die 46-Jährige und ihre sechs Kinder im Alter von acht bis 20 Jahren freuen sich jedes Mal, wenn sie im Bobenheimer Weg nach dem Rechten sehen, über den Anblick offenbar glücklicher Legehennen und Kamerunschafe. Und die Spaziergänger in diesem nördlichen Gebiet von Beindersheim ebenfalls, denn es ist immer schön, Tiere zu beobachten.
Zwei Stockwerke mit Solaranlage
Doch wie funktioniert denn nun ein Hühnermobil? Auf zwei Stockwerken sei alles Notwendige untergebracht und laufe automatisch, ja sogar energieautark, weil an dem Stall eine Fotovoltaikanlage angebracht sei, erläutert Frauke Ohlinger. Auf der oberen Ebene befinden sich Wassertank, Nippeltränken, Futtersilos, Sitzstangen und Legenester. Ein Gitterlaufboden und ein Kotband trennen dieses Stockwerk von der unteren Ebene, dem mit Sägespänen ausgestatteten Kaltscharrraum, an dem die Auslaufklappen angebracht sind. Die Eier rollen vom Nest über ein Förderband in den Sammelraum, wo die Ohlingers sie einsammeln und zum Verkauf auf ihren Hof bringen. 400 bis 450 Stück von Größe S bis XL können in den beiden mobilen Ställen täglich erzeugt werden.
Wenn die munteren Hennen ihre Wiese abgegrast haben, so etwa alle vier bis sechs Wochen, wird der Elektrozaun auf einem anderen grünen Areal aufgebaut und der mobile Stall dort hingebracht. „Das ist gut für die Tiere und schützt die Weide vor Überdüngung“, sagt Gerid Ohlinger. Allerdings: Jeder Umzug irritiere die Hühner und wirke sich auf die Legeleistung aus. Noch schlimmer sei aber ein Habichtangriff. „Dann herrscht eine Woche lang Chaos“, sagt Frauke Ohlinger. Seit die Schafe da sind, lässt der Greifvogel das Geflügel in Ruhe.
Nach zwei Jahren ist Schluss
Mit zunehmendem Alter sinkt die Eierproduktion, und nach 20 bis 24 Monaten ist so eine Lohmann-Dame für den Beindersheimer Betrieb leider nicht mehr zu gebrauchen. „Dann verkaufen wir sie lebend als Suppenhuhn oder lassen sie im Schlachthof für den Weiterverkauf schlachten“, sagt die Landwirtsfrau. So idyllisch also die Szenerie am Ortsrand wirkt, so beklemmend ist es, dass ihre Protagonisten kein allzu langes Leben haben.
Die Kunden der Ohlingers wohnen im Umkreis von etwa 20 Kilometern und haben vermutlich durch Mundpropaganda oder soziale Medien davon erfahren, dass man auf dem Oberfeldhof frische Eier und Sachen wie Mehl, Milch, Nudeln, Honig oder Dosenwurst kaufen kann. Zuweilen fährt Frauke Ohlinger auf Wunsch auch mal in die Dörfer, um die braunen Eier zu vermarkten.
Flaute nach Ostern
Ist die Zeit um Ostern, wenn des Brauchtums und der Feiertage wegen viele Eier verbraucht werden, ein Problem für den Beindersheimer Bauernhof? Nein, sagt Gerid Ohlinger, mit der etwas größeren Nachfrage komme man gut zurecht. Danach setze erfahrungsgemäß eine Flaute ein. Wenn dann nicht mehr so viel Verkaufsbetrieb ist, kümmert sich das Paar verstärkt um die Instandhaltung der Ställe.
Bereut haben die beiden die Umstellung auf Hühnermobile nicht. „Damit macht die Arbeit mehr Spaß“, sagt die Beindersheimerin, „weil sie für uns eine Erleichterung und besser fürs Tierwohl sind. Das gibt einfach ein besseres Gefühl“.