Bobenheim-Roxheim RHEINPFALZ Plus Artikel Mit Schlaganfall kurz vor der Obdachlosigkeit

Maurice Willms im Juli in seiner neuen Wohnung. Noch ohne Türen und Bett.
Maurice Willms im Juli in seiner neuen Wohnung. Noch ohne Türen und Bett.

Ein Schlaganfallpatient sucht monatelang nach einer Wohnung in Bobenheim-Roxheim. Von der Gemeinde fühlt er sich alleingelassen. Dem stark eingeschränkten Mann drohte die Obdachlosigkeit. Kurz kommt er in einem Hotel unter. Die Rettung für ihn: eine Baustelle.

Die Kaffeetasse fegt von links nach rechts und wieder zurück, locker im Griff der linken Hand, die den ausschweifenden Bewegungen des dazugehörigen Arms gehorcht. Jede Sekunde könnte der Kaffee überschwappen, doch Maurice Willms hat alles im Griff, während er redet. Und er hat viel zu erzählen. Er hat sich seit ein paar Tagen nicht rasiert, die Haare sind etwas zerzaust. „Das geht gar nicht, in meinem Badezimmer ist noch kein Spiegel“, sagt der Bobenheim-Roxheimer, der einen auffälligen roten Schnauzer trägt, welcher sich bei Bedarf in einen gezwirbelten Schnurrbart verwandeln lässt.

In der Wohnung, in der er seit Mitte Juli lebt, gibt es weder eine Küche noch ein Bett oder Zimmertüren. Willms schläft auf dem Sofa. Die Luft ist feucht und riecht nach frischem Putz. Öffnet er die Fenster zum Lüften, hört er den Lärm der Autos auf der Bobenheim-Roxheimer Durchgangsstraße. Willms ist überglücklich, hier wohnen zu dürfen.

Für ihn endet im Juli eine einjährige Odyssee auf der Suche nach einer neuen Wohnung. Angesichts des angespannten Wohnungsmarkts mag seine Situation keine Überraschung sein. Doch sein Fall ist besonders.

Streit mit dem Vermieter

Im Sommer 2019 erlitt Maurice Willms einen Schlaganfall, wenig später einen zweiten im Krankenhaus. Er lag im Koma, aber er überlebte. Dann verschlechterte sich sein Verhältnis zu seinem Vermieter, so erzählt er. Es sei zum Streit gekommen. Gegen die Kündigung klagte Willms und erwirkte eine neunmonatige Verlängerung, mehr nicht. „Es griff eine Sonderkündigungsregel“, sagt er. Willms suchte daraufhin Wohnungen in Worms, Frankenthal, Bobenheim-Roxheim und zeitweise auch in seiner Heimatstadt Köln. „Ich habe sicher 150 Bewerbungen verschickt.“ Dass er nur Absagen kassiert hat, könne an seiner Behinderung liegen. „Aber das lässt sich nicht nachweisen.“ Ende Juni musste er endgültig raus aus der Wohnung und schlief zunächst eine Woche lang im Hotel.

Ein Freund vermittelte ihm die halb renovierte Wohnung einer kurdischen Familie, die demnächst fertig werden soll. „Die Familie ist sehr nett“, schwärmt Willms von seinen neuen Vermietern. Er ist froh, auch wenn er hier mehr Miete zahlt als in seiner vorherigen Wohnung. Die Frau habe ihm regelmäßig gekochtes Essen gebracht, weil er ja noch keine Küche hat.

Aus dem Rollstuhl gekämpft

Mit seiner rechten Hand kann er die Kaffeetasse, die er mit links durch den Raum schwingt, nicht einmal greifen, das rechte Bein zieht er nach. Dass er überhaupt laufen kann, ist wohl seinem Ehrgeiz zu verdanken, nicht an einem Rollstuhl gefesselt sein zu müssen. „Ich habe mich in meiner alten Wohnung die Treppen hochgezogen“, beschreibt Willms seinen Weg aus dem Rollstuhl. Die alte Wohnung war nicht barrierefrei, Willms hat so lange gekämpft, bis er wieder alle Treppen – immerhin zwei Obergeschosse – schaffte.

Der 51-Jährige kann heute wieder so reden, dass Mitmenschen ihn verstehen. Und er arbeitet, ist selbstständig. Als Schlaganfallpatient mit Pflegegrad drei und einer 100-prozentigen Behinderung mag das überraschen. Er tippt sich an die Stirn: „Geistig bin ich topfit“, sagt der gebürtige Kölner, der seine Heimatstadt aus beruflichen Gründen verlassen hat.

Von Köln in die Pfalz

Er war Vertreter von Angelzubehör, hat in Youtube-Videos Produkte erklärt und in Fachzeitschriften publiziert. Als er sich selbstständig machte, zog es ihn nach Bobenheim-Roxheim, denn „ich hatte in Frankenthal viele Freunde, man ist schnell am Flughafen Frankfurt und in knapp zwei Stunden in Köln“. Willms ist als leidenschaftlicher Angler in der Frankenthaler Szene vernetzt, in Worms hat er zwei Lager, ein Angestellter wickelt seine Geschäfte für den Großhandel ab. Außerdem betreibt er für Privatkunden einen Online-Shop für Anglerbedarf. Er räumt ein, dass er sein Geschäft ohne die Unterstützung von Freunden nicht hätte aufrecht erhalten können. „Ich bin nicht reich, aber es ist genug, um einen Angestellten und meinen Lebensunterhalt zu bezahlen“, meint Willms, der früher regelmäßig Angel-Messen in China besuchte. Er sitzt auf einem Bürostuhl in der halb fertigen Wohnung, auf seinem schwarzen T-Shirt prangt ein roter Karpfen, darüber der Schriftzug „Pelzer Baits“. Angeln kann er heute nicht mehr, dafür braucht es zwei gesunde Hände.

Enttäuscht ist Willms von der Gemeinde Bobenheim-Roxheim. „Die wussten nicht, was sie mit mir machen sollen“, wirft er der Verwaltung vor, nachdem er dort mehrfach erfolglos vorstellig geworden war. „Wenn ich Bürgergeldempfänger wäre, dann wäre es etwas anderes“, meint Willms. Da er aber Geld verdient, sei er ein Sonderfall. Bei einem Termin im April sagte man ihm, er benötige einen Wohnberechtigungsschein, um auf eine Warteliste zu kommen, im Juni erhielt er ihn. Auf der Liste stehen 17 andere Namen vor Willms.

Großer Wohnraummangel

Rund 100 Wohnungen hat die Gemeinde zur Verfügung, um Menschen unterzubringen. Doch selbst, wenn sie frei wären: Barrierefrei sind die wenigsten. Sozialwohnungen hat die Gemeinde außerdem im Südring, darunter barrierefreie im Erdgeschoss. Vier der 24 Einheiten sind für Gemeindebeschäftigte reserviert. Alle Wohnungen aber haben eins gemeinsam: Sie sind belegt. Hinzu kommt, dass die Gemeinde selbst ständig auf der Suche nach Wohnraum ist, um Geflüchtete unterzubringen.

Die Verwaltung weist gegenüber der RHEINPFALZ darauf hin, dass es für Fälle wie den von Willms noch andere Anlaufstellen gibt, etwa den Kreiswohnungsverband oder die Kreisverwaltung. Doch Willms kriegt überall Absagen: „Der Kreis konnte mir nicht helfen, da ich zu dem Zeitpunkt noch keinen Wohnberechtigungsschein hatte und eine für Einzelpersonen zugewiesene Wohnung nicht frei war.“ Auch beim Kreiswohnungsverband und anderen Wohnungsbaugesellschaften kam er nicht weiter.

Selbst Holger Voll ist ratlos

Der frisch wiedergewählte Behindertenbeauftragte von Bobenheim-Roxheim, Holger Voll (SPD), kennt diesen Fall und andere. Er hat allein im ersten Halbjahr sieben bis acht Anfragen von behinderten Personen bekommen, die eine Wohnung suchten. Voll kann meist nur vertrösten und Kontaktdaten weitergeben. Gerade für Behinderte sei es schwer, eine geeignete Unterkunft zu finden. „Da haben wir ein massives Problem, es gibt kaum barrierefreie oder barrierearme bezahlbare Wohnungen“, sagt Voll über ein bundesweites Problem. In Bobenheim-Roxheim sei es besonders schlimm.

Eine Option ist laut Willms die Wohnungsbeschlagnahme: Die Gemeinde könnte in einem Härtefall mit dieser Maßnahme den Vermieter dazu zwingen, den Mieter in der Wohnung zu belassen, um Obdachlosigkeit zu verhindern. Ordnungsamtsleiter Frank Unvericht macht klar, dass diese Maßnahme durchaus eingesetzt wird, aber sehr selten. Derzeit etwa laufe eine solche Beschlagnahme, weil es um eine alleinerziehende Frau mit zwei Kindern gehe. „Doch das geht maximal drei Monate.“ Unvericht meint, dass Willms womöglich eine Chance gehabt hätte, per Wohnungsbeschlagnahme die Zeit zu überbrücken, bis seine neue Wohnung fertig ist. Er sei damit aber nicht an die Gemeinde herangetreten. Willms nahm Mitte Juni das letzte Mal Kontakt auf. Zuvor sei es schon schwierig gewesen, eine zuständige Mitarbeiterin zu erreichen, berichtet er.

Neubauten könnten helfen

Selbst wenn die Kommunikation besser gelaufen wäre: Kurzfristig hätte er von der Gemeinde nur einen Platz in der Obdachlosenunterkunft am Bahnhofsplatz bekommen. „Das wollte ich Willms nicht zumuten“, sagt Holger Voll mit Blick auf die Härtefälle, die dort normalerweise unterkommen. „Mich frustriert das auch, dass man als Behinderter, der Geld verdient, keinen Nachteilsausgleich kriegt“, sagt Voll. Was aus den Leuten wird, die bei ihm nach einer Wohnung fragen, erfährt er so gut wie nie.

Auch wenn der Fall Willms vorerst eine positive Wendung genommen hat: Perspektivisch würde wohl am ehesten ein neues Wohngebiet mit barrierefreien Wohnungen Erleichterung bringen. Die Pläne dafür wurden 2021 mit einem Bürgerentscheid ausgebremst, wie Bürgermeister Michael Müller (SPD) in Erinnerung ruft. „Beim Baugebiet nördlich des Littersheimer Wegs bremst uns noch der Personalmangel in der Bauabteilung aus.“ Der Bürgerentscheid ist drei Jahre gültig, die Bindung daran läuft im September aus. Der Gemeinderat könnte danach entscheiden, einen neuen Versuch zu starten. Zudem hofft der Bürgermeister, dass es im Herbst im Rathaus personell wieder besser aussieht und das ins Stocken geratene Projekt Littersheimer Weg vorangeht.

Aus Sicht des Behindertenbeauftragten haben Neubauwohnungen einen entscheidenden Vorteil: „Private Bauherren sind inzwischen gesetzlich dazu verpflichtet, bei einem Mehrparteienhaus barrierefreie Wohnungen zu bauen.“ Abseits dieser Zukunftsmusik ist eine kurzfristige Lösung der Wohnungsproblematik in Bobenheim-Roxheim nicht in Sicht.

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