Frankenthaler Umland RHEINPFALZ Plus Artikel Missbrauchsgutachten: Gläubige treten vermehrt aus Kirche aus

Die Plastik „Der Hängemattenbischof“ auf dem Münchener Marienplatz. Die Untätigkeit bei der Ahndung von Kindesmissbrauch in den
Die Plastik »Der Hängemattenbischof« auf dem Münchener Marienplatz. Die Untätigkeit bei der Ahndung von Kindesmissbrauch in den eigenen Reihen zieht Kirchenaustritte nach sich.

Viele Kommunalverwaltungen erleben derzeit wieder gehäuft, dass Christen ihre Kirche verlassen wollen. Das jüngste Missbrauchsgutachten von München hat den Trend verstärkt. Ein Pfarrer berichtet, wie hilflos er sich fühlt.

Wenn die Kirchen Fehler machen, schlägt sich das auf die Arbeit der Standesämter nieder. Denn dort muss man hin, wenn man nicht mehr Mitglied der Römisch-Katholischen Kirche oder der Evangelischen Kirche Deutschlands sein will. Andrea Boßmann vom Standesamt Grünstadt veranschaulicht das so: „Immer, wenn am Wochenende in der Presse was hochkocht, ist für uns klar, dass es in der Woche darauf wieder viele Austritte geben wird.“ Derzeit zeigen die Nachrichten zum Münchener Missbrauchsgutachten ihre Wirkung.

Aus dem am 20. Januar veröffentlichten Gutachten geht hervor, dass Verantwortlichen im Erzbistum München und Freising das Ansehen der Kirche wichtiger war als die Opfer von sexueller Gewalt, die von Priestern ausging. Die Untersuchung belastet zudem den emeritierten Papst Benedikt XVI. und früheren Kardinal Joseph Ratzinger wegen seines Umgangs mit den Missbrauchsfällen.

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Christen unter Leidensdruck

Sprunghafter Anstieg bei Austritten

21 Grünstadter haben allein im Januar ihren Kirchenaustritt erklärt, darunter auch Protestanten. „Das ist beachtlich“, findet Standesbeamtin Boßmann. Zum Vergleich: Im gesamten Jahr 2020 hat es „nur“ 63 Austritte gegeben. In der Verbandsgemeinde Leiningerland sind im Januar schon 34 Menschen beider Konfessionen aus der Kirche ausgetreten. 2021 waren es 301, und 2020 228 Menschen.

Die Gemeindeverwaltung Bobenheim-Roxheim berichtet auf Anfrage von 65 beziehungsweise 86 Austritten in den letzten beiden Jahren und von zwölf allein im Januar. Fünf davon betreffen die Evangelische Kirche der Pfalz. „Sofern die Personen eine Begründung abgegeben haben, war es die aktuelle Berichterstattung in den Medien“, informiert das Standesamt. Die Zahlen aus der Verbandsgemeinde (VG) Lambsheim-Heßheim: 28 Austritte im Januar (elf protestantisch, 17 katholisch) sowie 140 im Jahr 2021 und 108 im Jahr 2020.

„Fassungslos, ratlos, gelähmt“

Wer aus der Kirche austreten und keine Kirchensteuer mehr zahlen will, muss im Standesamt seine Unterschrift leisten, die öffentlich beglaubigt wird. Das ist mit Kosten in Höhe von 30 Euro verbunden. Das Amt meldet den Austritt von Katholiken dem Bischöflichen Ordinariat in Speyer und den von Protestanten an die jeweilige Kirchengemeinde.

Pfarrer Markus Hary antwortet gequält auf die Frage, was das jüngste Missbrauchsgutachten und die Kirchenaustritte für ihn und die Gläubigen bedeuten. Er ist Leiter der großen Pfarrei Hl. Petrus, der Katholiken aus Bobenheim-Roxheim, der VG Lambsheim-Heßheim (außer Lambsheim) und aus Gerolsheim angehören. „Fassungslos, ratlos, gelähmt, bedrückt und ohnmächtig.“ So beschreibt Hary den Zustand derer, die trotz Corona und der anhaltenden Diskussion um den Reformbedarf der Kirche immer noch treu die Gottesdienste besuchen und sich in der Gemeinde engagieren.

Zu lange geschwiegen

Den 58-Jährigen schmerzt es, wenn pauschal von „der Kirche“ geredet wird, wenn damit die Institution und ihre Amtsträger gemeint sein sollen. Denn: „Kirche ist die Gemeinschaft aller Glaubenden, und dazu gehören auch die Opfer und alle, die in ihren begrenzten Möglichkeiten versucht haben, andere zu schützen.“ Hary bevorzugt in der Missbrauchs- und Reformdebatte den Begriff Verantwortungsträger. Selbstkritisch fragt sich der Pfarrer aber auch, ob er und seine Kollegen in den Gemeinden nicht viel zu lange viel zu still gegenüber diesen „Verantwortungsträgern“ gewesen sind. Hary hat keine Lust mehr auf „Betroffenheitsrhetorik“, wie er es nennt. Es scheint, als drohe ihm die Hoffnung auf Besserung in seiner Kirche abhanden zu kommen.

Ralf Hettmannsperger mag sich in der Regel nicht öffentlich äußern zu Vorgängen innerhalb der katholischen Kirche, aber jetzt tut er es, „weil es mich nun doch etwas angeht“, wie der Protestant sagt. „Mir tun all die Katholiken leid, die ich kenne und die sich in ihren Gemeinden sehr engagieren“, sagt der Bobenheim-Roxheimer Pfarrer. „Dass Benedikt XVI., der Pontifex Maximus, der Lüge überführt wurde, ist so schlimm für sie.“

Bedeutungsverlust der Kirchen

Meint er, dass der jüngste Skandal auf die protestantische Kirche abfärbt und zu mehr Austritten führt als sonst? Eher nicht. „Wenn ein Protestant die Kirche verlässt und das jetzt mit dem Papst begründet, dann war das wohl nur der berühmte letzte Tropfen“, sagt Hettmannsperger. Er befürchtet vielmehr, dass der generelle Bedeutungsverlust der Kirchen nicht mehr aufzuhalten ist.

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