Rhein-Pfalz Kreis
„Meister Butsch gut gut zu mir“
Kriegsgeschichten: Eine Geschichte von pickenden Hühnern – einem russischen Spielzeugklassiker – kann Verena Hüther aus Mutterstadt erzählen. Es war ein Geschenk russischer Zwangsarbeiter als Dank für die Nächstenliebe und Hilfe, die sie von Verena Hüthers Großeltern entgegengebracht bekommen haben. Und das dies nicht ohne Gefahr.
„Es wird so viel Schlimmes aus den Kriegszeiten erzählt“, sagt Verena Hüther aus Mutterstadt. Doch trotz aller schrecklichen Ereignisse habe es auch immer wieder Mitgefühl und Menschlichkeit gegeben, Zeitgenossen hätten Hass und Staatsraison überwunden und Elend und Leid gemindert.
„Die alten Leute erzählten viel von früher“, sagt Verena Hüther, manche Geschichten immer wieder. So auch in ihrem Elternhaus, wenn die Familie beisammen saß. Die Geschichte um ihren Großvater Georg Butsch (Jahrgang 1901) hat die Religionslehrerin besonders beeindruckt und unter dem Titel „Ein ganz besonderer Dank“ aufgeschrieben, er hat sie in den letzten Kriegsjahren 1944/45 erlebt. „Opa musste nicht in den Krieg, er wurde im Betrieb gebraucht“, erzählt Verena Hüther. Er war Meister in einem für den Krieg wichtigen Metallbetrieb, der im Ludwigshafener Hemshof angesiedelt war. Dort wurden russische Kriegsgefangene als Zwangsarbeiter eingesetzt. „Oma und Opa haben geholfen, den Russen Essen und Kleidung zukommen lassen“, erinnert sich ihre Enkelin.
Kontaktverbot zu den Gefangenen
Das musste selbstverständlich heimlich geschehen, jeder private Kontakt mit den Zwangsarbeitern war streng verboten. Die Gefahr, des Verrates bezichtigt zu werden, war nicht zu unterschätzen. Und das wäre hart bestraft worden. „Der Chef des Betriebes war natürlich Parteigenosse“, erinnert sich Verena Hüthers Mutter Magda Magin, die Tochter von Georg Butsch. „Bei den Arbeitern, die ihm – Butsch – unterstellt waren, handelte es sich fast ausschließlich um russische Kriegsgefangene“, erzählt Verena Hüther weiter. Die Gefangenen nannten ihn „Meister Butsch“.
Meister Butsch war kein Nationalsozialist, und ihn schmerzte das Leid der Zwangsarbeiter. So überlegte er sich mit seiner Frau Lina, wie man diesen leidgeprüften Menschen helfen könnte. Obwohl das verboten war und man selbst wenig zu essen hatte, richtete Lina Butsch jeden Morgen ein weiteres Frühstück. Das legte Meister Butsch so in der Werkstatt ab, dass es seinen dankbaren Abnehmer fand. „Als im eiskalten Winter ein Gefangener ohne Strümpfe zur Arbeit kam, brachte er am nächsten Tag ein paar alte Socken mit“, erzählt Verena Hüther die Geschichte weiter. Selbst eine Kiste Bier für die bei sengender Hitze schuftenden Kohleschaufler konnte Georg Butsch den Männern zukommen lassen.
Die Gefangenen wussten diese menschlichen Gesten zu würdigen. „Irgendwie hatten sie mitbekommen, dass Butsch eine kleine Tochter hatte“, erzählt Magda Magin. Zu Weihnachten schenkten sie ihm für sie ein selbst geschnitztes Handspiel: Es wurde „Die drei pickenden Hühner“ genannt und war ein russischer Spielzeugklassiker. „Wie die das fertigbrachten, bei der Materialnot und trotz fehlender Werkzeuge“, wundert sich die damals Beschenkte noch heute. Selbst die Enkelin war von dem Spielzeug angetan und fand bei einem Konzert eines russischen Chors später an einem Verkaufstand ebensolche „Pickenden Hühner“ (siehe Foto). Sie kaufte diese sogleich.
Ein weiteres kleines Wunder
Als am Ende des Kriegs die Amerikaner schon über den Rhein vorgedrungen waren, war Georg Butsch zuhause in Mutterstadt. „Plötzlich kam ein amerikanischer Jeep auf unser Haus zugefahren“, erinnert sich Magda Magin. Sie stand mit ihrem Vater im Hof und beobachtete, wie ein gut gekleideter Mann aus dem Wagen stieg und gemeinsam mit dem Amerikaner auf sie zukam. „Eigentlich hatten wir ja nichts zu befürchten“, berichtet Magda Magin, aber man habe doch ein mulmiges Gefühl gehabt. Georg Butsch eilte zum Tor und wunderte sich, dass er mit Meister Butsch angesprochen wurde. Da erkannte er einen seiner russischen Arbeiter wieder. Der legte ihm die Hand auf seine Schulter, zog eine große Zigarre aus seiner Jacke und sagte in gebrochenem Deutsch: „Meister Butsch gut gut zu mir, ich gut zu dir.“
Wie das gelungene Weihnachtsgeschenk war das abermals ein kleines Wunder. Es war unglaublich, wie in den Wirren der letzten Kriegstage der ehemalige russische Gefangene sich die Adresse seines Meisters beschaffen und ein amerikanisches Fahrzeug samt Fahrer organisieren konnte, das ihn nach Mutterstadt brachte, um seinem ehemaligen Meister zu danken.
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