Interview RHEINPFALZ Plus Artikel „Man kann für Menschen da sein“

in Pflegender ist Betreuer und Zuhörer, er tröstet und lacht mit den Bewohnern.
in Pflegender ist Betreuer und Zuhörer, er tröstet und lacht mit den Bewohnern. Foto: dpa

Der Pflegeberuf braucht mehr Wertschätzung. Das ist das Ziel von „proud to care“, einer Initiative, die deutschlandweit läuft. Auch die Pro Seniore Residenz in Mutterstadt ist dabei. Leiterin Alexandra Ries erzählt, mit welchen Vorurteilen und Schwierigkeiten die Branche zu kämpfen hat. Aber auch wie wertvoll dieser Beruf ist.

Der Satz „Ich arbeite in der Pflege“ –  was löst das bei Außenstehenden Ihrer Erfahrung nach aus?
Leider hat der Pflegeberuf bei vielen ein schlechtes Image, obwohl wir eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe erfüllen. Da ist auch viel Unwissenheit dabei und dann fallen auch despektierliche Begriffe. Es wird als Hilfsjob abgetan, den jeder machen könnte. Aber genau das ist ja nicht der Fall. 

Was glauben Sie, könnte die Ursache für das schlechte Image sein?
Schwer zu sagen. Vielleicht weil Pflege an sich so vielschichtig ist. Pflegebedürftigkeit heißt ja, dass man selbst nicht mehr in der Lage ist, sich selbst angemessen zu versorgen und auf andere Menschen angewiesen ist. Da kommt es zu privaten und intimen Situationen, über die man nicht gerne spricht, die aber trotzdem bewältigt werden müssen. Zudem ist es überwiegend ein Frauenberuf, die ja gemeinhin als minderwertig angesehen werden. Und schließlich gibt es in der Regel fachliche und organisatorische Überforderungen der Angehörigen, sodass die emotionale Komponente stets eine Rolle spielt. All das wird dann in einen Pott geworfen.

Glauben Sie, dass eventuell auch die Negativbeispiele aus der Pflege, die durch die Medien gingen, dazu beigetragen haben?
Ja, das mag sein. Negative Fälle gibt es in jeder Branche. Passieren sie in der Pflege, in der es um  Menschen geht, dann wiegt das schwer und stößt auf großes mediales Interesse. Aber das sind immer Einzelfälle. Und stellt man diesen die Anzahl der Menschen gegenüber, die in Deutschland gepflegt werden beziehungsweise in der Pflege arbeiten, dann relativiert sich das wieder.

Was ebenfalls mit Pflege und Pflegeeinrichtungen in Verbindung gebracht wird, ist ein den Arbeitsalltag bestimmender Kostendruck. Wie sieht es da in Ihrer Einrichtung aus?
Wir sind gemeinnützig, das heißt, eventuelle Überschüsse verbleiben in der Einrichtung und werden hier reinvestiert. Was viele nicht wissen: Die Rahmenbedingungen, etwa die  Anzahl der refinanzierbaren Pflegearbeitsplätze, werden von der Pflegekasse vorgegeben. Der Kostenträger bestimmt also, wie viel Personal pro zu pflegende Personen eines bestimmten Pflegegrads bezahlt wird. Diese Zahlen sind knapp bemessen. Wir in Mutterstadt haben aber tatsächlich immer mindestens drei bis vier Vollleitstellen mehr besetzt als vorgegeben. Die Kosten dafür werden an anderer Stelle kompensiert.

Ist es tatsächlich so, dass jede Tätigkeit minutengenau durchgetaktet beziehungsweise durchgerechnet ist? Und bleibt da noch Raum für Zwischenmenschliches?
In der stationären Pflege ist das nicht so, das gab es früher bei der ambulanten Pflege, dass nach Minuten berechnet wird. Das ist mittlerweile überholt. Bei uns wird jeder Bewohner so versorgt, wie er es benötigt. Wir achten aber schon darauf, dass der Pflegeaufwand auch dem eingestuften Pflegegrad entspricht. Das ist vom Gesetzgeber schon sehr knapp bemessen, darum ist der Job manchmal hart, besonders in Urlaubszeiten oder bei Krankenausfällen. Es ist eben keine Eins-zu-Eins-Betreuung, aber dafür bieten wir täglich gemeinschaftliche Aktivitäten, die das Lebensgefühl der Bewohner stärken.

Da kann es leicht zur Überforderung der Pflegekräfte kommen.
Ja, darum machen wird da sehr viel. Zum Beispiel bei sogenannten herausfordernden Situationen mit Bewohnern, die krankheitsbedingt eher schwierig zu pflegen sind. Da betreuen wir im Nachhinein sehr eng, damit da keine Ängste entstehen. Wir unterstützen dann unser Personal mit unseren Kooperationspartnern und schaffen Möglichkeiten zur Entlastung.

Ein weiteres Manko, was dem Beruf anhaftet, ist der schlechte Verdienst.
Das hat sich in den vergangenen Jahren zugunsten der Pflegekräfte verschoben. Die Gehälter sind zwar deutlich gestiegen, aber der Kampf um gut ausgebildete Pflegekräfte hat sich verschärft. Wir haben noch das Glück, dass wir langjährige Mitarbeiter haben, die aus der Region kommen und gern bei uns arbeiten.

Was verdient man denn in der Pflege?
Das ist regional und von Träger zu Träger verschieden. Zudem kommt es darauf ab, ob ich im Altenheim oder Krankenhaus arbeite. In der Regel liegt das Einstiegsgehalt bei uns in der Region bei 2500 Euro brutto im Monat, hinzu kommen dann die jeweiligen Zulagen für Schichtdienst und Funktion. Die Vergütung für Auszubildende ist auch respektabel gestiegen und liegt bei zirka 1100 Euro.

Wie groß sind die Probleme, qualifizierte Pflegekräfte zu finden oder überhaupt in die Ausbildung zu bringen?
Das Problem ist, die Leute dazu zu bringen, sich überhaupt für den Job zu interessieren. Es wird daher viel Werbung in vielen Bereichen gemacht, und es hat sich schon was getan: Die Ausbildungszahlen in den vergangenen Jahren sind gestiegen.

Und nun noch die Kampagne „proud to care“. Welche Intention hat diese?
Sie soll die in der Pflege arbeitenden Menschen motivieren, stolz auf das zu sein, was sie machen. Und wir möchten damit zeigen, dass Pflege sehr viel mehr ist.

Wie viel mehr ist denn Pflege?
Man kann für Menschen da sein. Ein Pflegender ist Betreuer und Zuhörer, er tröstet und lacht mit den Bewohnern. Er versorgt medizinisch als Fachkraft, ist aufmerksamer Beobachter, geht sehr auf den Menschen ein und braucht ein hohes Verantwortungsgefühl. Zudem gehören viele Bereiche drumherum zur Pflege: Haustechnik, Hauswirtschaft, Verwaltung oder Reinigung – all diese Menschen geben den Bewohnern ja etwa Schönes auf den letzten Weg mit. Oberstes Ziel ist es, deren Selbstbestimmung der Menschen zu erhalten.

Was bietet der Bereich Pflege denn potenziellen Interessenten an Perspektiven?
Nach der Ausbildung sind die möglichen Weiterbildungen sehr vielfältig. Es gibt zusätzliche Ausbildungsbereiche, in denen man sich spezialisieren kann. Dazu gehören die Palliativversorgung, das Wund- oder Qualitätsmanagement und etliche Zusatzqualifikationen etwa in den Bereichen Diabetes, Demenz oder Gerontopsychiatrie. Mittlerweile gibt es auch Studiengänge zum Pflegemanagement.

Zur Sache: „proud to care“

Pflege ist ein Zukunftsberuf, aber dessen Image ist noch immer von alten Vorstellungen geprägt. Um mehr Wertschätzung für den Pflegeberuf zu erreichen, wurde in 120 Einrichtungen der Victors Unternehmensgruppe in Deutschland die Initiative „proud to care“ ins Leben gerufen. Im Rhein-Pfalz-Kreis gehören die beiden Pro Seniore Residenzen in Mutterstadt und Neuhofen dazu. Die Kampagne startete am 27. September. In Mutterstadt gab es eine Veranstaltung für Mitarbeiter, in der sie sich nach Auskunft von Leiterin Alexandra Ries mit verschiedenen Aktionen auf ihren Beruf besonnen haben. Unter anderem wurden auch Mitarbeiter geehrt.Der Grundstein der Initiative wurde bei einer Jugendfachtagung Ende 2018 mit rund 200 Auszubildenden aus der Region Berlin und Brandenburg gelegt. Dabei wurde mit dem Berliner Rapper Graf Fidi ein Tanz und der Song „proud to care“ mit einem Musikvideo eingespielt. Ziel ist es in Zukunft, dass sich verschiedene Träger der Gesundheitsbranche der Initiative anschließen – ob kirchlich, caritativ, staatlich oder privat organisiert.

Alexandra Ries
Alexandra Ries Foto: Ries/frei
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