Mutterstadt RHEINPFALZ Plus Artikel Kriegsgeschichten: Wilhelm Gahr erlebte als Kind den deutschen Überfall auf Polen hautnah mit

Wilhelm Gahr mit etwa 21 Jahren mit einer Tanzpartnerin.
Wilhelm Gahr mit etwa 21 Jahren mit einer Tanzpartnerin.

Eigentlich sollte Wilhelm Gahr aus Mutterstadt einmal die Landwirtschaft seines Vaters erben, aber er wollte viel lieber einen anderen Beruf ausüben. Doch nicht dieser Wunsch, sondern der Zweite Weltkrieg bestimmte ab 1939 sein noch junges Leben. Er war mittendrin, als Hitler-Deutschland Polen überfiel.

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs war Wilhelm Gahr gerade einmal elf Jahre alt. Geboren und aufgewachsen ist er im damals westpreußischen Siegfriedsdorf-Schönsee im Kreis Briesen. Dort hatte seine Familie einen Bauernhof mit 30 Hektar Land. Sie musste flüchten und alles zurücklassen, erzählt der heute 93-jährige Mutterstadter. Neben seiner jüngeren Schwester Olga hatte er drei Stiefbrüder und zwei Stiefschwestern aus der ersten Ehe seines Vaters, Landwirt Samuel Gahr. Dieser starb bereits 1937. Als jüngster Sohn hatte Wilhelm Gahr den Status des Erbhofbauern und sollte die Landwirtschaft übernehmen. Aber er wollte einen anderen Beruf erlernen.

Dass Krieg war, wurde ihm erst bewusst, als plötzlich zwei junge Polen auf den Hof kamen und einfach einen Wagen samt Pferd mitnahmen. Seine Mutter Emma bat einen ihrer zwei deutschen Knechte, mitzufahren und Pferd und Wagen zurückzubringen. Kurz darauf sei der Knecht blass und verstört zurückgekommen. „Die Polen haben ihn mit einer Waffe bedroht und fortgejagt. Ein paar Tage später habe eine Familie Pferd und Wagen zurückgebracht. „Und die grüßten schon mit: ,Heil Hitler!’“, sagt der Senior. Dann seien bereits die deutschen Truppen mit Panzern und anderen Militärfahrzeugen durch den Ort gezogen. Vom Stallboden aus haben er und sein Freund Helmut die aufgewirbelten Staubwolken gesehen. „Die Straßen waren damals ja noch nicht so gut wie heute“, erzählt Wilhelm Gahr.

Die Knechte mussten nach und nach zur Wehrmacht

Ein Erlebnis vom Einmarsch der Wehrmacht in Polen blieb ihm besonders in Erinnerung: Einer der Polen, der das Pferd mit Wagen genommen hatten, sahen Wilhelm Gahr und sein Freund im Dorf vor einer Gastwirtschaft, vor ihm zwei deutsche Soldaten, ein Gefreiter mit Karabiner und ein Leutnant mit Pistole. „Wir standen vielleicht 20 Meter entfernt. Dann fielen Schüsse, und der Pole hetzte über die Straße in ein Tabakfeld. Wir hörten noch einen Schuss, dann Stille. Nur ein Rauschen, wie er durch das Feld flüchtete. Sie haben ihn nicht erschossen. Es waren nicht alle Soldaten unmenschlich. Viele haben sich auch nur gewehrt, wenn sie selbst in Gefahr waren“, sagt der Zeitzeuge.

Als Junge hat Wilhelm Gahr vier Jahre eine polnische und vier Jahre eine deutsche Schule besuchen müssen. Sprachprobleme habe es nie gegeben. „Zu Hause haben wir Deutsch gesprochen, und draußen Polnisch. Aber heute weiß ich manchmal nicht mehr, wie zum Beispiel Hose oder Schuhe auf Polnisch heißt“, sagt er und lacht. Das Leben in der Landwirtschaft zu Kriegszeiten sei beschwerlich gewesen. Knechte wurden nach und nach zur Wehrmacht eingezogen. Der Senior erinnert sich noch: „Wir hatten vier Hektar Zuckerrüben angebaut, und die mussten unser Knecht und ich mit je einem Gespann nach Schönsee fahren und auf Waggons laden. Nicht wie heute mit automatischen Geräten, sondern mit Schaufeln. Das war schon hart, ich war mit 16 Jahren auch nur ein leichter Spund.“ Und vorher habe man die Ladung mit einer Gans „spicken“ müssen, damit man eine Genehmigung zum Laden bekam.

„Deutschland war ein Trümmerhaufen. Überall hat es gebrannt.“

Am 21. Januar seien seine Mutter und Geschwister mit Dienstmädchen, Knecht, Pferd und Wagen bis nach Plön in Holstein geflohen. Ein paar Tage zuvor erhielt er, der Erbhofbauer, die Einberufung, es ging nach Nakel bei Bromberg zum Arbeitsdienst. Dort bekam er die Order, auf Kettengeräusche von Panzern zu hören. „Wir hatten ja keine militärische Ausbildung und auch sonst keine Ahnung“, sagt Wilhelm Gahr. Dann sollten die Männer zu zehnt mit dem Fahrrad vorausfahren und Quartier machen. Das jeweilige Ziel wurde auf einer Landkarte erklärt.

„Zwei Tage war noch gutes Wetter, dann begann der Winter. Mit minus 30 Grad Frost und viel Schnee. Die Straßen waren verstopft, wir sind über Waldwege ausgewichen bis Neustettin“, erinnert er sich an die Odyssee. Von dort sind sie nach einer kurzen Ausbildung in einen Zug nach Marburg/Lahn verladen worden. „In Marburg habe ich erst mal gesehen, was in Deutschland los war. Ein Trümmerhaufen! Überall hat es gebrannt. Menschen waren mit Handkarren auf der Flucht. Und wir sind in Duckstellung von Haus zu Haus und den steilen Berg hoch zur Tannenberg-Kaserne gelaufen.“

Drei Tage nichts zu essen

Dort bekam er in der Kleiderkammer eine Militäruniform. „Da stand ich dann in Unterhosen, und es gab Fliegeralarm. So bin ich dann mit den anderen, die Klamotten überm Arm, in einen nahen Wald gelaufen und hinter einer Buche in Deckung gegangen. Es ging eine Bombe runter, genau zwischen Kaserne und Wäldchen. Der Bombentrichter war etwa fünf bis sechs Meter tief mit gleichem Durchmesser“, erzählt er. Die Gruppe ist dann zu einem Bauernhof im nahe gelegenen Elnhausen marschiert, wo sie in einer Scheune Quartier bezog. Es gab eine Ausbildung am Maschinengewehr. Am 26. März 1945 kam der Befehl, mit Panzerfaust, Gewehr und Munition ausgestattet, zu einem Forsthaus in einem Wald zu laufen. Sie sollten gegen die Amerikaner kämpfen, die zu der Zeit schon in der Gegend waren. „Unser Einsatz wurde dann aber abgeblasen, und wir marschierten wieder nach Elnhausen in die Scheune zurück. Dann waren die Amis da.“ Die Soldaten mussten nach Marburg marschieren und kamen im großen Park bei der Universität an. „Zwei, drei Tage haben wir nichts zu essen und zu trinken bekommen“, berichtet er.

Schließlich wurden sie auf große Ami-Autos mit je 20 bis 30 Mann verladen. „Die sind gefahren wie die Teufel, das war unbequem und gefährlich.“ Ziel war ein Gefangenenlager im französischen Rennes. Aufgrund der schlechten Ernährung hatten die Gefangenen Durchfall – und das bei provisorischen und teils morschen Latrinen. „Ein Soldat schaffte es nicht mehr und verrichtete in der Baracke sein Geschäft. Da hat ihm ein Franzose in den Hintern geschossen“, erinnert sich Wilhelm Gahr.

Nach etwa sieben Monaten wurde er entlassen und gelangte mit einem Transport nach Lüneburg. Über Mundpropaganda hatte er erfahren, dass seine Angehörigen in Dernek bei Plön waren. Schließlich holte ihn seine Halbschwester Emma nach Hause. Von da an ging es aufwärts. Wilhelm Gahr arbeitete zunächst bei Bauern, absolvierte eine Lehre als Schmied und Landmaschinenbauer und baute in einer Fahrradfabrik in Bremen Fahrräder. Er lernte seine Elfriede kennen und heiratete sie 1953. „Sie fand gute Arbeit in Mannheim, so bin ich mit ihr nach Neuostheim gezogen.“ Er wurde Vorarbeiter im Mähdrescherwerk der damaligen Traktorenfirma Lanz in Mannheim. 1959 zog das Paar nach Mutterstadt.

Geschichten gesucht

Der Zweite Weltkrieg hat ein Bild der Verwüstung hinterlassen. Über 60 Millionen Menschen starben weltweit. So etwas darf sich nicht wiederholen. Darum wollen wir in unserer Serie Ihre ganz persönlichen „Kriegsgeschichten“ erzählen. Möchten auch Sie uns Ihre Erlebnisse rund um die Kriegsjahre schildern, dann schreiben Sie uns eine E-Mail an redrpk@rheinpfalz.de oder postalisch an Die RHEINPFALZ, Lokalredaktion Ludwigshafen, Amtsstraße 5-11, 67059 Ludwigshafen.
Der 93-Jährige heute.
Der 93-Jährige heute.
Wilhelm Gahr als etwa Zwölfjähriger mit seiner Mutter und seinem Neffen Helmut im Arm.
Wilhelm Gahr als etwa Zwölfjähriger mit seiner Mutter und seinem Neffen Helmut im Arm.
Mehr zum Thema
x