Fussgönheim
Kriegsgeschichten: „Sie hätten sich nur ergeben müssen“
Dreh- und Angelpunkt ihrer Erlebnisse ist ihr Elternhaus in der Speyerer Straße am Ortsausgang von Fußgönheim. Ihr Vater wurde gleich 1939 eingezogen, aber schnell wieder freigestellt, weil die Familie einen landwirtschaftlichen Betrieb und Kohlehandel geführt hat. „Er konnte also zu Hause bleiben, wurde allerdings beim Horchgerät eingesetzt. Das hieß, er musste bei Fliegeralarm antreten und die Flugzeuge orten“, erzählt Gisela Vollmer.
An die britischen und US-amerikanischen Luftangriffe zwischen 1940 und 1945 kann sie sich auch noch gut erinnern. „Das erste Mal haben wir nicht gewusst, was wir machen sollen.“ Eine Nachbarin kam vorbei und sagte zu ihrer Mutter, dass sie mit den Kindern in den Keller gehen sollte. Wenn das Signal zur Entwarnung kam, konnten sie wieder nach oben, dann sahen sie, wie die Flieger Richtung BASF flogen. „Zuerst wurden Leuchtkugeln abgeworfen, die den ganzen Himmel beleuchtet haben; wir hätten nachts auf der Straße Zeitung lesen können, so hell war es. Dann sind die Bomber gekommen. In Fußgönheim haben sie nie etwas abgeworfen, aber außerhalb hat alles gebrannt, alles in Flammen und der Boden voller Bombenlöcher.“
Unschuldige Opfer miterlebt
Auch wenn Fußgönheim nicht von den Angriffen betroffen war, musste Gisela Vollmer dennoch miterleben, wie unschuldige Menschen ums Leben kamen. Zum Beispiel jene 25-jährige Frau, die an Gisela Vollmers Elternhaus vorbeikam. „Wir haben zu ihr gesagt: Bleib’ im Haus, bis die Tiefflieger weg sind! Sie wollte aber ihre Schwester im Nachbardorf besuchen und meinte, es wäre ja nicht weit“, erinnert sich die Zeitzeugin. Sie sei noch etwa 300 Meter gelaufen, „dann sind die Tiefflieger gekommen – Gott, hatten wir eine Angst“. Sie mussten mit ansehen, wie die junge Frau erschossen wurde und tot in den Straßengraben fiel. Ihr Vater holte sie später, als die Tiefflieger weg waren, dort heraus. „Sie wurde in Fußgönheim beerdigt – furchtbar“, sagt die Seniorin.
Weiße Fahne vor dem Haus
Ihre Mutter hörte heimlich „schwarz“ Radio. 1945 erfuhr sie so, dass der Krieg bald vorbei sei und die Amerikaner kommen würden. Die Familie befestigte ein weißes Betttuch an einem Besenstiel und stellte die „Fahne“ vors Haus. Und tatsächlich machten die Amerikaner – insgesamt 60 Soldaten – halt am Haus der Familie. „Die waren aber so freundlich zu uns, haben uns gut behandelt“, erinnert sich Gisela Vollmer. Schlimm erging es dagegen zwei jungen deutschen Soldaten, die mit ihren Motorrädern auf das Haus der Familie zugefahren kamen, weil sie schauen sollten, wie weit die Amerikaner gekommen waren. Die beiden kamen bis auf 100 Meter heran, als sie bemerkt haben, dass dort amerikanische Panzer stehen. „Sie sind umgedreht, die beiden haben so gezittert vor Angst, und die ganzen Amerikaner riefen: Kommt, kommt, kommt!“ Die deutschen Soldaten seien aber weggefahren, die Amerikaner fingen an zu schießen, trafen sie aber nicht. „Dann hat der Panzer geschossen und beide sind tot vom Motorrad gefallen.“ Später fragten die Leute die Amerikaner, warum sie die Männer erschossen haben. „Sie fragten zurück: ,Warum nicht ergeben?’ Die hätten den deutschen Meldefahrern nichts getan, wenn sie sich ergeben hätten“, schildert Gisela Vollmer: „Das mit anzusehen war furchtbar. Das Bild habe ich noch vor mir, als wäre es gestern gewesen.“
„Anschauliche Mahnung“
„Es muss schrecklich gewesen sein – das kann man sich heute gar nicht vorstellen“, sagt ihre Enkelin Nele. Sie hört ihrer Oma immer aufmerksam zu, wenn sie von früher berichtet: „Ich interessiere mich sehr dafür, was sie vom Krieg erzählt“, sagt sie. Es sei eben etwas anders, wenn es die Oma erzählt, als wenn man nur darüber in Geschichtsbüchern lese. Die Großeltern Gisela und Manfred Vollmer haben fünf Enkel und vier Urenkel: „Meine Oma hat schon immer gern uns Enkelkindern Geschichten aus der Vergangenheit erzählt, von ihren Kriegserlebnissen, aber auch wie sie Opa kennenlernte“, sagt sie. Die RHEINPFALZ-Serie „Kriegsgeschichten“ brachte Nele Kölsch auf die Idee, einige Erinnerungen ihrer Oma aufzuschreiben und an die Redaktion zu schicken. Die Serie trage dazu dabei, dass die Geschehnisse nicht in Vergessenheit geraten, ist die junge Frau überzeugt. Denn: „Bald wird es keine Menschen mehr geben, die wie meine Oma während des Zweiten Weltkriegs groß wurden und von den Schrecken berichten können, die Teil ihrer Kindheit waren. Diese persönlichen Kriegsgeschichten seien eine anschauliche Mahnung an uns heute“, ist sich Nele Kölsch sicher.
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