Rhein-Pfalz Kreis Kontrollierte Eskalation

Auf der Straße wird ein Angriff schnell gefährlich. Die Schüler der Peter-Gärtner Realschule plus lernen bei Frank Herrmann wie
Auf der Straße wird ein Angriff schnell gefährlich. Die Schüler der Peter-Gärtner Realschule plus lernen bei Frank Herrmann wie sie sich aus Krisensituationen befreien können. Er nutzt dafür Elemente des vietnamesischen Kampfsports Viet Vo Dao.

«Böhl-Iggelheim.» Frank Herrmann kennt die Härte im sportlichen Wettkampf. Er hat früher Handball gespielt – ein Sport, bei dem kräftiges Zupacken, Schubsen und Gerangel dazu gehören. Herrmann, mit schwarzer Hose und schwarzer Anzugjacke, trägt den roten Gürtel. Er symbolisiert: Der Trainer im dritten Dang kennt sich aus im Viet Vo Dao oder Vovinam, wie der Sport auch genannt wird – der Harmonie zwischen hart und weich. Yin und Yang. Doch heute geht es nicht darum, den Gegner auf die Matte zu schicken. Heute hat er acht Schüler der sechsten und siebten Klassen der Peter-Gärtner Realschule plus um sich versammelt. Schüler, die im Schulalltag aufgefallen sind – „weil es Konflikte gab“, sagt Schulsozialarbeiterin Britta Gronbach. Dabei habe es sich nicht unbedingt um Gewalt gehandelt, denn auch Schüler, die im Klassenverbund ruhiger, zurückhaltender, schüchterner sind als andere, können seit einem halben Jahr dienstagsnachmittags an dem Verhaltenstraining teilnehmen. „Es wird immer ein bisschen verwechselt mit Viet Vo Dao als Sport. Mit der Gewaltprävention haben wir vor 15 Jahren begonnen“, sagt Herrmann. Damals ging es in Altleiningen los. „Es hat etwas mit der generellen Haltung zu tun. Wir geben uns auch draußen anders, es rotzt niemand auf den Boden, es gibt kein Schimpfwort oder eine respektlose Geste.“ Mittlerweile arbeiten die Trainer der Viet-Vo-Dao-Schulen Nussloch, Forst, Leimen, Wiesloch und Walldorf in vier Kinder- und Jugendheimen, Mannheimer Kindergärten, im Strafvollzug und an drei Schulen. So wie Herrmann. Ruhig, aber bestimmt ist seine Ansprache. „Wir stellen uns bitte auf und begrüßen uns“, ruft er seinen Schülern zu. Die nehmen in einer Reihe Aufstellung und verbeugen sich. Herrmann tut es ihnen gleich. „Franz, komm bitte mal her und greif mir an den Hals.“ Die Übungssituation ist nicht neu für die Schüler. Franz packt mit der linken Hand zu. Auf der Straße oder auf dem Pausenhof könnte es jetzt bedrohlich werden, eine Prügelei folgen. Doch Herrmann erklärt seinen Schülern einmal mehr, wie sie der Situation entgehen und sich in unangenehmen Momenten befreien können. „Die meisten Menschen gehen nach vorne, aber was passiert? Da würde ich mich ja selbst würgen.“ Stattdessen streckt Herrmann seinen linken Arm aus, die rechte Hand legt er seinem Trainingspartner auf den Arm. Mit einem Schubs gegen die Brust des Schülers und einem langsamen Schlag auf dessen linken Unterarm weicht Herrmann einen Schritt zurück. Die Gefahr ist damit erstmal gebannt. „Ich muss niemanden gleich vernichtend schlagen“, macht er den Schülern klar. Die Viet Vo Dao Gewaltprävention umfasst zwar sportliche Elemente, fordert von den Teilnehmern aber auch genaue Beobachtung, die Auseinandersetzung mit den eigenen und fremden Gefühlen, die Wahrnehmung der eigenen Wirkung auf andere Menschen. „Es geht auch darum, was für eine Körpersprache habe ich: bin ich provokant, extrovertiert oder eher schüchtern? Und was kann ich tun, um das zu verändern.“ Das alles spiegelt der Trainer den Schülern in Rollenspielen. Er ist dabei mal der Langweiler, mal der Aggressive und geht in diesen Rollen häufig gerade auf denjenigen Schüler zu, der im Alltag ein ähnliches Verhalten gezeigt hat. Die Schulsozialarbeiterin gibt ihm dafür Rückmeldung, was in den Klassen passiert. „Ich frage dann: ,Warum zuckst du?’ ,Was hat das in dir ausgelöst?’“ So erzählten ihm die Kinder dann von Ängsten, von Unsicherheiten oder warum sie selbst manches Mal „eskalieren“. Darüber hinaus dürfen sich die Schüler Übungen wünschen, die sie stärker machen oder mit deren Hilfe sie bestimmte Probleme zu bekämpfen lernen. So wie Franz, „der gerne mal ein Brett durchschlagen wollte. In vielen Kampfsportarten gibt es den sogenannten Bruchtest“, erzählt Herrmann. Doch es ist nicht das reine Dampfablassen, das die Schüler dadurch dann erfahren. Denn Herrmann versucht gerade auch bei den körperlichen Trainingselementen diejenigen Schüler zusammenzubringen, die eventuell schon in ihrer Klasse aneinander geraten sind. „Dann müssen sie Vertrauen haben, genau arbeiten, sonst kann man die Aufgabe nicht erfüllen und den anderen vielleicht sogar verletzen.“ Das erfordert Mut, Kraft, Konzentration, aber auch Respekt und Toleranz, Selbstkontrolle und Disziplin. Die Übungen werden häufig mit einem Symbol verbunden, das jeder für sich wählt. Die Aufgabe und das Bestehen demonstrieren: „Ich schaffe das“ – zum Beispiel eine größere Willensstärke zu entwickeln. Und am Ende bleibe dann hoffentlich hängen, „wie man in Krisensituationen angemessen reagiert“. Ohne Gewalt, aber mit dem Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und das Vertrauen in andere Menschen.

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