Bobenheim-Roxheim
Kolumne aus dem Corona-Homeoffice: Jeder hat das Recht zu jammern
Anders ist das neue Normal. Vorhersagen darüber, wann und wie Kindergärten oder die Grundschule für meine Zweitklässlerin wieder öffnen, sind so verlässlich wie das Lesen der Zukunft aus verstreuten Legosteinen. Damit der Ausnahmezustand dauerhaft für uns funktioniert, muss eine neue Taktik her. Deshalb setze ich jetzt auf agiles Projektmanagement.
Um es wichtiger klingen zu lassen, nenne ich unsere erste Besprechung dazu Daily Scrum Meeting. Den Bildungsauftrag gegenüber Kind 1 in Englisch und Business-Chinesisch erfülle ich damit direkt. 15 Minuten hat jeder von uns in dieser Morgenbesprechung Zeit vorzubringen, was er heute zu erledigen hat. Neidisch lausche ich den Ausführungen von Kind 2: Malen, Hörspiel hören, Wolken beim Vorbeiziehen beobachten.
Ein deutlich genervteren Ton schlägt Kind 1 an. Es spricht von Zahlenmauern, Füllerschreibübungen und Leseaufgaben. Sie findet meine neue Herangehensweise albern und moniert, dass auf dem Zettel, auf dem jeder notieren soll, was ihn von der Erfüllung seiner Ziele abhalten könnte, bei mir nur ein Wort steht: Kinder. „Das ist ganz schön gemein und unfair von dir.“
Das bisschen Haushalt ...
Recht hat das Kind. Das ist alles ganz schön unfair. Und dabei weiß die Tochter noch nicht einmal, dass man das nicht zu laut sagen darf. Weil die Situation nämlich für jeden anders unfair ist, reagieren viele Erwachsene momentan höchst allergisch auf Unmutsbekundungen. Wer jammert, könnte ja das Leid der anderen übersehen. Gerade Mütter spüren das. Das bisschen Teilzeitjob, das bisschen Homeschooling, das bisschen Haushalt kann man doch mal parallel erledigen.
Mein Mann hat mir kürzlich eine WhatsApp-Nachricht gezeigt, die aktuell gerne verschickt wird. Sie lautet sinngemäß: Männer leiden unter der Krise besonders. Sie könnten nicht mehr in die Kneipe, keine Kumpels treffen und kein Fußball schauen. Frauen könnten hingegen weiterhin das machen, was sie immer schon gemacht haben – putzen, kochen, aufräumen und meckern. Der Gatte hat sich zum Glück vorsorglich weggeduckt, während er mir das Handydisplay mit diesem Spruch entgegenhielt.
Videos von Alba Berlin ersetzen kein Training
Meine Grundschülerin darf so viel schimpfen, wie sie möchte. Sie darf sich darüber beklagen, dass YouTube-Videos von Alba Berlin kein ausreichender Ersatz für ihr Handballtraining sind. Sie darf es auch doof finden, wie schmerzhaft man seine Freunde nach fünf Wochen vermisst. Im Leben würde mir nicht einfallen, ihr zu erklären, dass sie auf ihre Wut und Traurigkeit kein Anrecht hat. Nur ändern kann ich es nicht. Deshalb muss sie jetzt um 9.15 Uhr ihre Mathesachen am heimischen Esstisch auspacken.
Und ich recherchiere währenddessen, wie weit diese Klonforschung eigentlich vorangeschritten ist. Schließlich hat das Scrum Meeting ganz deutlich gezeigt, was es braucht, um alle Ziele zu erreichen: mich. Nur mehrfach.