Bobenheim-Roxheim Kolumne aus dem Corona-Homeoffice: Ist der Job des Osterhasen systemrelevant?
Tag zweiundirgendwas in Isolation. Ich habe den Überblick verloren. Das Einhorn neben mir am Frühstückstisch ist auch keine Hilfe. Es nuschelt nur: „Ich dachte, wir haben Mittwoch.“ Und das Skelett gegenüber? Zuckt mit den Schultern und schlürft geräuschvoll die Milch aus der Schale mit Schokomüsli.
Meine Töchter haben vor ein paar Tagen die Faschings- und Halloweenkostüme ausgegraben. Mir ist bis jetzt kein triftiger Grund eingefallen, warum sie nicht kostümiert durch den Tag laufen dürfen. Die übrige Kleidung der Mädchen befindet sich im Zweifel ohnehin im niemals kleiner werdenden Dreckwäscheberg.
Um uns endlich wieder orientieren zu können in der dauerschleifenartigen Wiederholung der Tage, haben wir gebannt auf den Fixpunkt der Woche gestarrt: Ostern. Alters- und wissensabhängig haben sich die Töchter im Vorfeld viel mit dem Fest beschäftigt. Kind 2 war sich nicht sicher, ob der Job des Osterhasen systemrelevant ist oder ob er eventuell gar keine Süßigkeiten verstecken darf.
Einkommensquelle Straßenmusik
Kind 1, das den alljährlichen Schwindel der Eltern längst durchschaut hat, malte sich ein anderes Schreckensszenario aus: Mein zurückgeschraubtes Arbeitspensum könnte weniger Geschenke zur Folge haben. Darum sorgte das Kind kurzerhand selbst für eine neue Einnahmequelle. Es schnappte sich Gitarre, kleine Schwester sowie Blockflöte und positionierte sich in unserer Garageneinfahrt. Dass Straßenmusik in Zeiten der Kontaktsperre eine eher mittelprächtige Geschäftsidee sein könnte, behielt ich in dem Moment für mich.
Meine Gedanken wurden aber auch direkt Lügen gestraft. Ein älteres Ehepaar hatte sich tatsächlich erbarmt, durchbrach die akustische Bannmeile und legte den Mädchen Geld in die aufgestellte Holzkiste. Des einen Freud, des anderen Leid: Zwei Stunden lang wartete ich daraufhin auf den Anruf des Ordnungsamts.
Ostern mit Süßigkeiten, aber ohne Cousins
Ostern fand natürlich trotzdem statt. Mit der zu erwartenden Menge an Süßigkeiten und ausreichend Geschenken. Aber auch ohne viele Dinge, die die Jahre davor selbstverständlich gewesen waren: Ostereier schießen, einen Ausflug zum Eiscafé unternehmen oder die Füße in den Silbersee halten.
Was jedoch vor allem am Ostersonntag am meisten fehlte, waren die Großeltern, Tanten, Onkel und Cousins. Eier titschen, Schokohasen klauen oder sich einfach nur in den Arm nehmen, das geht eben per Videotelefonie nicht. Der Osterhase mag systemrelevant sein, Familienfeiern sind es erst einmal nicht. Darunter leiden vor allem die Einhörner und Skelette in unserem Haus.