Bobenheim-Roxheim
Klein Paris am Altrhein
Vor 150 Jahren war der blutige deutsch-französische Krieg faktisch vorüber. Schweren Schlachten folgte die Bildung des deutschen Nationalstaats. Der nach dem Fall von Paris geschlossene Vorfriede am 26. Februar 1871 hatte dies bereits besiegelt. Von den 80 Kämpfern aus den damals bayerischen Dörfern Roxheim und Bobenheim kehrten alle bis auf einen lebend zurück.
Die Menschen freuen sich nicht nur wegen der Reichsgründung, sie sind ebenso erleichtert angesichts der eindeutigen Niederlage des gefürchteten Nachbarn. Seit dem zerstörerischen Pfälzischen Erbfolgekrieg (1688-1697) wird dieser als sogenannter Erbfeind angesehen. Während allerorten im Rhein-Neckar-Raum Dankgottesdienste gefeiert oder Friedensbäume gepflanzt werden, haben die Roxheimer die Idee, dem bleibenden Gedächtnis der Ereignisse einen Ortsteil zu widmen.
Fischerdorf befindet sich im Umbruch
Das historische Fischer- und Korbmacherdorf befindet sich im Umbruch. Zunehmend suchen Menschen Lohn und Brot in Industriebetrieben außerhalb des Orts. Deren schlechte Arbeitsbedingungen machen jedoch für die rasch wachsenden Familien landwirtschaftlichen Nebenerwerb überlebensnotwendig. Zudem ist Wohnraum knapp.
Grundstücke östlich des Innenbereichs werden ausgewiesen und zum Erwerb angeboten. Das Gebiet erhält den Namen Klein-Paris. Bauwillige können dort Lehmziegelhäuser errichten, zu denen großzügige Gartenflächen gehören. Familien von Kriegsteilnehmern sollen dabei nach dem Willen von Bürgermeister Elias Vetter bevorzugt werden.
Einer langwierigen Bebauungsplanung wie heute bedarf es damals nicht. Schon vor Abschluss des Friedens von Frankfurt am 10. Mai 1871 beginnen die Arbeiten. Ein Zwetschgenbaum, den der Kriegsheimkehrer Johann Graber III. damals vor sein Haus pflanzt, trägt mehr als 120 Jahre lang Früchte. 1873 erscheint die aufblühende Siedlung Klein-Paris bereits im offiziellen Roxheimer Ortsplan. In ihrem nördlichen Teil sind nicht alle Parzellen bebaut, manche werden ausschließlich gärtnerisch genutzt.
Rheinhochwasser 1882/83 trifft Ortsteil schwer
Zur Jahreswende 1882/83, als die nördliche Vorderpfalz von einem verheerenden Rheinhochwasser heimgesucht wird, trifft es den tief gelegenen neuen Dorfteil am schlimmsten. Keines der dort stehenden Gebäude bleibt verschont. Die Bewohner können nur ihr nacktes Leben retten. Da ein Wiederaufbau viel zu gefährlich erscheint, dienen die Flurstücke von nun an alle ausschließlich dem Anbau von Obst und Gemüse. Man nennt sie Pariser Gärten und erfreut sich ihrer schmackhaften Gewächse. Sogar Spargel gedeiht stellenweise.
Als der technische Fortschritt der Gemeinde viele Jahrzehnte später die Ausweisung eines abermaligen Baugebiets erlaubt, entstehen ab Ende der 1960er-Jahre erneut Häuser im Klein-Paris-Areal. Unbebaut sind heute nur noch die einstigen Parzellen 3, wo die erwähnte Zwetschge wuchs, und 4. Sie gehören dem 97-jährigen Herbert Fernekes, der stolz darauf ist, diesen letzten echten Pariser Garten zu besitzen.
Für Gäste aus Partnerstadt eine „schicke Adresse“
Klein-Paris hat weit über Bobenheim-Roxheim hinaus Bleibendes bewirkt: Nach der Überschwemmungskatastrophe von 1882/83 wurde für ganz Bayern, zu dem die Pfalz damals gehörte, der Hausbau mit Lehmziegeln untersagt. Dieses Verbot gilt im Freistaat Bayern – mit Ausnahme denkmalpflegerischer Vorhaben – nach wie vor.
Als 1980 eine Delegation aus Chevigny Saint-Sauveur, der burgundischen Partnerstadt Bobenheim-Roxheims, hier erstmals vom Straßennamen Pariser Gärten erfuhr, fühlten sich die Franzosen geehrt: Das sei doch eine „edle Adresse“.