Rhein-Pfalz Kreis RHEINPFALZ Plus Artikel Kläranlage Lambsheim: Hungrige Bakterien und schöne Suppe

Am Belebungs-Klärbecken erläutert Betriebsleiter Frank Sentpali (links) den RHEINPFALZ-Lesern einen weiteren Schritt bei der Abw
Am Belebungs-Klärbecken erläutert Betriebsleiter Frank Sentpali (links) den RHEINPFALZ-Lesern einen weiteren Schritt bei der Abwasserreinigung. Auch Bürgermeister Paul Poje; (ganz hinten) hört zu.

RHEINPFALZ-Sommertour (5 und Schluss): Was in der Lambsheimer Kläranlage ankommt, ist eine eher ekelhafte Dreckbrühe. Abwasser eben, auch aus der Verbandsgemeinde Maxdorf. Wie daraus sauberes Wasser wird, das guten Gewissens in den Bach geleitet werden kann und die Umwelt nicht belastet, haben sich RHEINPFALZ-Leser am Samstag erläutern lassen.

Was haben gebrauchte Windeln, benutzte Damenbinden, abgetragene Turnschuhe und Essensreste gemeinsam? Richtig: Sie gehören in den Restmüll. Trotzdem entsorgen manche Zeitgenossen sie lieber in der Toilette, wo sie Leitungen verstopfen und Ratten anlocken können oder in den 190 Litern Abwasser angespült werden, die jede Sekunde in die Kläranlage am Eppsteiner Weg strömen. „Bei uns kommt alles an, was durch ein Hunderter Rohr passt“, kommentiert der technische Betriebsleiter Frank Sentpali die Unvernunft etlicher Mitmenschen, die in Birkenheide stark verbreitet zu sein scheint: „Von dort erreichen uns viele Pampers und Turnschuhe“, berichtet er. Auch die anderen Dörfer im Bezirk der Lambsheimer Kläranlage – sie ist für die Verbandsgemeinde Maxdorf und die Ortsgemeinde Lambsheim zuständig – haben ihre Abwasser-Eigenheiten: „Aus Fußgönheim bekommen wir sehr viel Sand, aus Maxdorf allerlei Balken.“

Sand wird wieder verwendet

Die Tour-Teilnehmer lauschen Sentpalis Ausführungen mit großem Interesse, schütteln angesichts der Müllfunde im Abwasser empört die Köpfe. Doch der große Rechen – ein eigenes Betriebsgebäude – fischt das Gröbste aus dem Abwasser heraus. „Alles, was größer als sechs Millimeter ist“, informiert der Experte. Bei 6500 Kubikmetern Schmutzwasser am Tag – bei Regen bis zu 18.000 Kubikmeter – kommt schnell einiges zusammen. Wenige Schritte weiter plätschert das Wasser im Sandfang etwas gemütlicher vor sich hin. Damit bekommt das namensgebende Material ausreichend Zeit, auf den Boden zu sinken. Von dort wird der Sand herausgepumpt oder -gesaugt. Unter Umständen kann er sogar wieder verwendet werden, etwa zum Einsanden von Rohrleitungen.

Vom Sandfang fließt das Wasser in die zwei Belebungsbecken, wo es nach der mechanischen Reinigung biologisch gesäubert wird. Sie sind das Herzstück der Kläranlage. Die Arbeit hier erledigen vor allem Bakterien, die sich just von den zu klärenden Stoffen ernähren und diese aus dem Wasser fressen. Die Aufgabe des Personals besteht unter anderem darin, diesen nützlichen Bakterien ideale Voraussetzungen zu schaffen, damit sie stets Hunger und genug Nahrung haben, um diesen zu stillen. Oder wie es Sentpali volksnah ausdrückt: „Wir machen hier eine schöne Suppe.“ Zu der gehört nicht zuletzt das richtige Maß an Sauerstoff, der über Belüfter beigemischt wird.

Die Nase als „Kontrolleur“

Der technische Betriebsleiter verrät, dass er den typischen Geruch der Kläranlage gar nicht mehr wahrnimmt. „Aber wenn sie mal nicht so riecht, wie sie sollte, merke ich das sofort“, sagt er. Neben den topmodernen Messgeräten, mit denen alles überwacht wird, hat das gute alte menschliche Riechorgan also noch nicht ganz ausgedient.

Neben Schadstoffen enthält das Wasser eigentlich nützliche Dinge wie den Pflanzennährstoff Stickstoff. Gelangt von diesem jedoch zu viel in Flüsse und Meere, werden diese überdüngt. Das wiederum fördert das Wachstum von Algen, die den Fischen den Sauerstoff zum Atmen nehmen. Die normalen Bakterien in den Belebungsbecken können den Stickstoff nicht aus dem Abwasser filtern. Doch sie haben Verwandte, die sich genau darauf spezialisiert haben. Phosphat ist ebenfalls ein wertvoller Dünger für Landwirte und findet sich wie Stickstoff im Abwasser. Einen Teil davon nehmen die Bakterien im Belebungsbecken auf, erzählt Sentpali. Der Rest wird mit Hilfe sogenannter Fällmittel in der Nachklärung im Klärschlamm gebunden. Dieser Schlamm wird anschließend entwässert, getrocknet und zur Entsorgung abtransportiert. Noch.

Denn im Schlamm steckt reichlich Energie. Die möchte der Abwasserverband Lambsheim, der die Kläranlage betreibt, künftig verwerten. Dazu soll in den nächsten Jahren die komplette Anlage auf ein anderes Verfahren umgerüstet werden: die anaerobe Stabilisierung. Dabei wird der Klärschlamm in einen Faulbehälter geleitet. „In dem wandeln Bakterien die organischen Bestandteile des Schlamms in Methan und Kohlendioxid um“, erläutert Sentpali. Diese besonderen Helferlein fühlten sich ohne Licht und Sauerstoff, in trockener Umgebung und bei etwa 37 Grad Celsius am wohlsten. Diese optimalen Voraussetzungen soll ihnen der neue Faulbehälter bieten.

Reinigung soll noch effektiver werden

Das Umrüstprojekt leitet Stefan Zintel von der Pöyry Deutschland GmbH. Er hebt einen positiven Nebeneffekt des Faulprozesses hervor: „Dabei entsteht Gas, mit dem wir den Behälter heizen und Strom erzeugen können.“ In Zahlen: Mit dem Methan können jährlich 450.000 Kilowattstunden elektrische Energie erzeugt werden, das ist die Hälfte des Strombedarfs der gesamten Kläranlage. Mit der thermischen Energie wiederum können mehrere Blockheizkraftwerke befeuert werden. Außerdem wird Zintel zufolge nach dem Sandfang ein Vorklärbecken errichtet, wodurch die Reinigung des Abwassers noch effektiver wird.

RHEINPFALZ-Leserin Evi Muy aus Mutterstadt ist nicht zum ersten Mal bei einer Sommertour dabei. „Und es war wieder sehr interessant.“ Denn zu Hause lasse einfach jeder das Wasser laufen. „Aber man weiß nicht, was da alles hintendran hängt.“ Jetzt hingegen schon. Auch Teilnehmer Thomas Müller hat die Informationen begierig aufgenommen, auf seine verschiedenen Fragen ausführliche Antworten bekommen. „Von all dem hatte ich vorher nur eine grobe Ahnung, jetzt bin ich viel tiefer mit der Materie vertraut“, freut er sich. Einer andere Teilnehmerin ist klar geworden, dass der Einsatz alltäglicher chemischer Mittel wie WC-Reiniger vielleicht nicht die allerbeste Idee ist, da sie den kleinen Lebewesen zu schaffen machen können, die eigentlich das Abwasser reinigen sollen.

Gelernt haben am Ende Sentpali, Zintel und Maxdorfs Bürgermeister Paul Poje (CDU), der Kraft seines Amts Werkleiter ist, ebenfalls etwas: Der Weg zur Kläranlage ist nicht ideal beschildert und selbst mit Navi schwer zu finden. Sie geloben den anfangs deshalb etwas verspäteten RHEINPFALZ-Lesern Besserung.

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