Rhein-Pfalz Kreis „Kinder dürfen nicht zum Objekt werden“

Ludwigshafen. Familie ändert sich. Familienleben ändert sich. Das merken nicht nur Paare, Eltern und Kinder. Das spüren alle, die mit Familien zusammenarbeiten, Erziehungsaufgaben übernehmen – vor allem Erzieher, Hortbetreuer, Lehrer. Deshalb beschäftigt sich die heutige Konferenz des Netzwerks Kindeswohl im Rhein-Pfalz-Kreis mit der „Familie im gesellschaftlichen Wandel“. Über dessen Folgen referiert Heinz Müller vom Institut für sozialpädagogische Forschung Mainz. Mit uns hat er vorab über den Philosophen Watzlawick und Chancen gesprochen. Und über Erziehungsratgeber in Buchhandlungen.
Nein. Wenn man nicht von eigenen Kindern infrage gestellt werden kann, ist es ja nicht schwer, den Philosophen Paul Watzlawick zu zitieren: „Bei der Wahl seiner Eltern kann man nicht vorsichtig genug sein.“ Sie haben es an den Anfang einer Powerpoint-Präsentation zum Thema gesellschaftlicher Wandel und Familie gestellt. Warum? Oh, Watzlawick passt da einfach. Als Impuls und als Denkanstoß. Denn Kinder habe eben keine Wahl. Der Ort, an dem Kinder aufwachsen, die Familie, in die sie geboren werden und der Bildungshintergrund, vor dem sie aufwachsen, kann höchst unterschiedlich sein. Und es liegt in der öffentlichen Verantwortung, dass Kinder trotzdem gleiche Chancen auf ein gutes Leben bekommen – ob sie nun in Pirmasens oder im Landkreis Mainz-Bingen aufwachsen. In einer der ärmsten oder in einer der reichsten Regionen Deutschlands. Im Wandel der Gesellschaft hat sich auch die Patchwork-Familie herausgebildet. Auf deren Zusammensetzung haben Kinder meist wenig Einfluss. Sie müssen aber mit neuen Familienmitgliedern zurecht kommen. Die Zahl ihrer Ansprechpartner erhöht sich. Welche Auswirkungen hat das? Neue Konstellationen bieten Kindern grundsätzlich neue Chancen. Weil Konflikte sich lösen. Oder sie bieten neue Wahlmöglichkeiten für neue Beziehungen – zu einem „neuen“ Elternteil. Oder zu Geschwistern. Gleichwohl muss das Einleben in neue Familienverhältnisse erst mal gemeistert werden. Es ist auch eine Herausforderung. Sie trifft, das zeigen Zahlen, zunehmend mehr Kinder. Und im Kindergarten kommen mit den Erziehern noch mal neue Bezugspersonen dazu ... Wird es dann stressig? Das kann man so nicht sagen. Für Kinder ist es in erster Linie wichtig, verlässliche Bezugspersonen und vertrauensvolle Beziehungen aufzubauen. Die Anzahl an Ansprechpartnern ist nicht entscheidend. Im Gegenteil: Ist das Feld breiter, sind die Möglichkeiten größer, dass Kinder die passende Vertrauensperson für sich finden. Was für Kinder nicht gut ist, ist Fluktuation, dauernd wechselnde Ansprechpartner. Studien besagen, dass zwar die Familie – in welcher Form auch immer – zu den wichtigsten Lebensbereichen zählt, Kinder aber immer mehr Zeit in Tageseinrichtungen verbringen. Was bedeutet das für sie? Kindern eröffnen sich dadurch neue Möglichkeiten: Teilhabe, Bildung, Freizeit. Aber es muss aufgepasst werden, dass Kinder Kinder sein können. Sie dürfen nicht zum Bildungsobjekt, nicht zum Betreuungsobjekt und nicht zum Objekt pädagogischer Arbeit werden. Kinder brauchen auch in Kindergarten oder Schule Freiräume. Raum sich zu entfalten. Wenn Umfeld und Bezugspersonen passen, dann ist es nicht so entscheidend, wie lange Kinder in einer Einrichtung sind. Gehen Familien kaputt, wenn Kinder so lange von zu Hause weg sind? Nein. Familienforscher sagen, dass es nicht auf die Quantität sondern die Qualität ankommt. Also: Wenn Kinder und Eltern viel Zeit miteinander verbringen, muss das nicht automatisch gut sein. Viel wichtiger sind die Fragen: Wie wird die Zeit gestaltet? Sind es gute Stunden, die da miteinander zugebracht werden? Und was bedeutet es für die Erzieher, Betreuer, Lehrer an Ganztagsschulen, dass sie immer länger Ansprechpartner und Bezugspersonen sind? Für die ist es eine große Herausforderung. Denn die Bedingungen vor Ort sind oft nicht optimal. Es klafft eine große Lücke zwischen dem, was in Sonntagsreden erzählt wird, und wie die Realität aussieht. Nehmen Sie die Kitas: Vielerorts wird das wenige Geld, das da ist, in den Ausbau der Einrichtungen gesteckt. Um Ein- und Zweijährige aufnehmen zu können. Für Inhalte ist nichts mehr da. Bei den begrenzten Mitteln geht alles nur schrittweise. Erzieher und Erzieherinnen müssen das aushalten. Noch dazu, dass ihr Beruf immer noch nicht ausreichend anerkannt ist. Er gilt als Frauenjob, für den es wenig Geld gibt und – das stimmt ja leider – für den man keine Qualifikation braucht. „Erziehung kann jeder“ lauten Parolen. Dagegen sprechen aber zum Beispiel die vielen Erziehungsratgeber und -hefte, die ganze Regale in Buchhandlungen bevölkern. Sie sprechen auf der Netzwerkkonferenz vor pädagogischen Fachkräften. Was sagen Sie zum Beispiel Kita-Mitarbeitern, die fertig mit den Nerven sind – weil sie inzwischen auch Einjährige auf dem Arm haben und Zweijährige wickeln und füttern müssen? Und die Dreijährigen, die basteln wollen, gibt es ja auch noch. ... Sie dürfen sich nicht unterkriegen lassen. Sie dürfen sich nicht entsolidieren lassen. Alle, die mit Kindern zusammenarbeiten, sollten gemeinsam dafür kämpfen, dass ihre anspruchsvolle und gesamtgesellschaftliche Aufgabe als solche auch anerkannt wird. Institutionen, die pädagogische Aufgaben gut gestalten wollen, brauchen nun mal qualifiziertes Personal. Das muss in die Köpfe von Politikern, Eltern – aber auch in das der Pädagogen und Erzieher selbst. Es geht da um Selbstwert. Ja Selbstverständnis: Was leisten wir für die Gesellschaft? Wo sehen Sie Lösungen? Kinder werden sich auch weiterhin ihre Mütter und Väter nicht aussuchen können. Ob Erzieher jemals mehr Geld verdienen, ist offen. Und die Mittel, die in pädagogische Institutionen gesteckt werden können, bleiben wohl immer knapp. Leider ist der Druck überall größer geworden. Beispiel Kita: die Altersspannbreite von null bis sechs. Beispiel Schule: die PISA-Studien, das Leistungsdenken. Beispiel Eltern: wandelnde Familienbilder. Oder: Aus meinem Kind muss mal was werden. Eigentlich sitzen alle in einem Boot. Da darf es nicht darum gehen, wer kriegt was vom Kuchen ab. Nicht um Kindergeld versus Kita-Zuwendungen. Wir müssen uns alle überlegen, in welcher Gesellschaft wollen wir leben. Und was sind wir bereit zu tun, damit Kinder bestmögliche Zukunftschancen bekommen? Und dabei hat noch keiner an den demografischen Wandel gedacht. Wie meinen Sie jetzt das? Naja, immer mehr alte Leute, immer weniger Kinder. Es wird irgendwann schwierig werden, unsere Einrichtungsmodelle – Kindergarten, Schule – aufrecht zu erhalten, wenn es in einem Dorf nur noch eine Handvoll Kinder gibt. Ja, dann wird sich die Frage stellen: Wie kommen Kinder überhaupt zu Gleichaltrigen? Ein Wandel, der allerdings mehr ländliche Regionen trifft als Städte.