Rhein-Pfalz Kreis „Keine Angst vor etwas, das man nicht kennt“

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Fussgönheim / Birkenheide / Maxdorf. Sie geben Sprachunterricht, verteilen Kleidung oder helfen bei Behördengängen: Rund 1000 ehrenamtliche Helfer, schätzt die Kreisverwaltung, setzen sich im Rhein-Pfalz-Kreis für Flüchtlinge ein. So wie das Fußgönheimer Ehepaar Heigel und der Birkenheider Manfred Keller, die eine syrische Familie unter ihre Fittiche genommen haben.

„Die Leute sagen immer, sie haben Angst. Aber wovor?“ Marie-Luise Heigel schüttelt den Kopf. Die 80-jährige Fußgönheimerin und ihr Mann Richard (83) engagieren sich seit 60 Jahren sozial. „Wer bei uns in Not ist, kriegt geholfen“, lautet ihre Devise. Deshalb hat sie auch kein Verständnis für die negative Stimmung im Lande wegen des Flüchtlingsstroms. Marie-Luise Heigel sagt: „Man braucht keine Angst zu haben vor etwas, das man nicht kennt.“ Seit Anfang des Jahres ist sie Mentorin beim Maxdorfer Netzwerk Hilfe, das sich für Flüchtlinge einsetzt. Seit April kümmert sie sich zudem um eine syrische Familie in Fußgönheim: Zufällig hatte sie im Frühjahr erfahren, dass in ihrem ehemaligen Elternhaus Asylbewerber untergebracht sind – und ist kurz entschlossen mit ihrer Tochter hingeradelt. „Um zu gucken, ob sie was brauchen“, erzählt sie. Flugs sind sie nach dem Besuch wieder heim geradelt, „haben das Auto voll gepackt“ mit Wäsche, Schuhen, Kleidung und Geschirr und sind wieder zu den Syrern hingefahren. „Ich habe mittlerweile nichts mehr doppelt“, sagt Heigel mit einem Schmunzeln. Sie habe auch keine Skrupel, Bekannte nach Dingen für die Asylbewerber zu fragen: „Die können nicht mehr als Nein sagen.“ Seit September hat die fünfköpfige syrische Familie –zwei Brüder, deren Onkel und dessen Sohn sowie ein Cousin der Brüder – eine eigene Wohnung in Fußgönheim. Die Heigels unterstützen sie nach wie vor, ebenso Manfred Keller aus Birkenheide. Das soziale Netzwerk Facebook hat den 49-Jährigen vor etwa zwei Monaten zum Engagement in der Flüchtlingsarbeit gebracht – besser gesagt die Hassbotschaften, die dort zuhauf veröffentlicht werden. 40 bis 50 Bekannte habe er bereits aus seiner Freundesliste gelöscht wegen deren Kommentare. Neben seiner Arbeit kümmert er sich nun als Mentor bis zu 20 Stunden pro Woche um die Asylbewerber. Gestresst fühlt er sich deshalb aber nicht: „Es ist eine schöne Tätigkeit.“ Zu der syrischen Familie, um die sich Heigels und Keller kümmern, sei inzwischen ein freundschaftliches Verhältnis entstanden, berichten die drei Helfer. „Es macht unheimlich viel Spaß und man bekommt auch viel zurück“, sagt Keller. Jeder der Flüchtlinge habe Schlimmes erlebt, sie seien nun umso bestrebter, sich zu integrieren. Und dankbar für jede Tätigkeit, durch die sie unter Leute kommen. Deshalb hätten sie zum Beispiel bei der Kerwe beim Zelt-Aufbau geholfen. Ahmad Hamdan hat den Krieg in Syrien hautnah miterlebt – als in unmittelbarer Nähe von ihm eine Bombe explodierte, durch die sich ein Splitter in seinen Kopf bohrte. Freiwillig hätte er sein Land nie verlassen, sagt der Syrer auf Englisch: „Vor dem Krieg haben wir alle gut in Syrien gelebt.“ Seine Frau, eine Ärztin in Damaskus, und den einjährigen Sohn hat er bei der Flucht zurücklassen müssen. Oft schickt sie ihm per Handy Bilder von zerstörten Gebäuden, von Rauchschwaden, die hinter den Häusern der Nachbarn in den Himmel steigen. „Wir haben unsere Familien in Syrien zurückgelassen“, sagt Ahmad Hamdan. „Wir brauchen hier eine neue Familie. Und die haben wir gefunden.“ Er zeigt auf die Heigels und Keller. Behördengänge, Unterstützung beim Deutschlernen, aber auch Ausflüge in die Region: Die drei Helfer stecken viel Energie in die Arbeit mit den Syrern. Etwa, um den Nachzug von Frauen und Kindern zu organisieren, was ein ziemlicher bürokratischer Akt sei, sagt Keller. Oft sind es auch Kleinigkeiten, die den Flüchtlingen aber viel bedeuten: eine Runde Fußball oder „Mensch ärgere Dich nicht“ mit ihnen spielen, beim Einrichten der Internetverbindung in der Wohnung helfen. Klar, dass es da auch so manche Anekdote zu erzählen gibt. So hat Keller beispielsweise mit den Syrern ausgemacht, dass jeder seiner Frau in wenigen Wochen einen zwei Din-A4-Seiten langen Brief auf Deutsch schicken muss. Marie-Luise Heigel ist enttäuscht, dass sich nicht mehr Menschen, speziell in Fußgönheim, für Asylbewerber einsetzen. „Wenn sich jeder in der Woche eine Stunde Zeit nehmen würde, müsste es laufen“, ist sie überzeugt. „Wenn jeder aber den Kopf in den Sand steckt, braucht sich niemand zu wundern, wenn es kippt.“ Mehrmals sei sie auf Pfarrer und Bürgermeisterin zugegangen, um auch in Fußgönheim so etwas wie das Maxdorfer Netzwerk Hilfe zu etablieren – ohne Erfolg, wie sie berichtet: „Es kam keine Rückmeldung. Ich bin selbst sprachlos.“ Ideal wäre es, wenn sich Fußgönheim den Maxdorfern anschließen würde, da sind sich Keller und Heigel einig. Dann könne man von den vorhandenen Strukturen profitieren. Außerdem wünscht sich die Seniorin einen Ort der Begegnung in Fußgönheim: „Einen Raum, wo sie sich treffen können, um Bürger kennenzulernen. In Fußgönheim herrscht tote Hose.“ Die Flüchtlinge müssten alle nach Maxdorf ins Haus der Begegnung fahren, um Kontakt mit Bürgern und anderen Flüchtlingen zu bekommen, ergänzt ihr Mann Richard Heigel. 1000 Euro pro Person hat die syrische Familie auf der Flucht an Schlepper bezahlt. Ahmad Hamdan zeigt auf seinem Handy stolz Bilder von seinem „früheren“ Leben: etwa von seinem Büro, in dem er im schicken schwarzen Anzug posiert. Er war als Maschinenbauingenieur in der Ölindustrie beschäftigt. In Deutschland will er weiter studieren, „kreativ sein, etwas Neues erfinden“, erzählt er. Vor allem aber will er eines: „Das Leben wieder leben.“ Die Proteste, die es in Deutschland gegen den Flüchtlingsstrom gibt, die Pegidademonstrationen bekommen er und seine Familie natürlich mit. Er denkt viel darüber nach, und betont: „Wir sind weder hier wegen des Geldes noch um unsere Religion hierher zu bringen. Ich weiß nicht, wie diese Leute in Dresden darauf kommen. Wir sind einfach hier, um ohne Krieg zu leben.“ Sobald sich Familie Hamdan eingelebt hat, die Männer Arbeit haben, alle Formalitäten erledigt und die Anträge auf Familiennachzug gestellt sind, werden sich ihre Helfer als Mentoren um andere Flüchtlinge kümmern. Das freundschaftliche Band zwischen ihnen aber wird bestehen bleiben. Da sind sich alle sicher.

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