Rhein-Pfalz Kreis Kein Zurück nach Syrien
«Lambsheim.»Ich stehe wieder an dem Punkt, eine Entscheidung darüber treffen zu müssen, wie es weitergeht. Das ist das Schwerste im Leben. Es ist wie damals, als ich nach dem Abitur in Syrien überlegen musste, was ich studieren soll, Lehrer oder Jura? Als ich nach Deutschland kam, musste ich neu anfangen. Nach dem Praktikum bei der Flüchtlingsarbeit in der Verbandsgemeinde Lambsheim-Heßheim wollte ich Sozialarbeiter werden. Aber durch mein Freiwilliges Soziales Jahr habe ich viele Menschen in dem Beruf getroffen, und viele bereuen ihre Entscheidung. Sie beschweren sich, dass es viel Arbeit sei, für die zu wenig bezahlt werde. Dadurch bekomme ich Zweifel und Angst vor der Zukunft. Mein Ansprechpartner im Jobcenter empfiehlt mir, jetzt meine Deutschkenntnisse zu verbessern und mich im Februar oder März um eine Ausbildung zu bewerben. Am Anfang hatte ich noch im Hinterkopf, irgendwann nach Syrien zurückzukehren. Meine Eltern, mein großer Bruder und meine große Schwester wollen mit ihren Familien unbedingt in Homs bleiben. „Lieber sterben wir in unserem Land“, sagen sie. Mein kleiner Bruder Rawan, der 20 Jahre alt ist, musste inzwischen vor dem Militärdienst nach Libanon fliehen, wo er in einem Imbiss arbeitet. Dort war ich auch zuerst, aber es wurden Gesetze eingeführt, die es Syrern verbieten, sich nach 20 Uhr auf der Straße aufzuhalten – das war rassistisch. Von den Kämpfen im Süden habe ich nur über das Radio erfahren, ich kenne dort niemanden. Anfangs verfolgte ich noch die Nachrichten über Syrien, habe mir dadurch aber immer Sorgen gemacht und Kopfschmerzen bekommen. Hauptsache, meine Familie lebt noch. Die Politik interessiert mich nicht – ich wollte weder für das Assad-Regime kämpfen noch dagegen. Dieses Regime kann man nicht mit Gewalt ändern, man hätte einen anderen Weg nehmen müssen, als auf die Straße zu gehen und Verkehrsschilder und Geschäfte zu zerstören. Der „Arabische Frühling“ ist für mich ein Winter, weil er so viele Länder durcheinander gebracht hat. Auch in Libyen gibt es keine Gesetze mehr, kein richtiges Leben. Als mein Bruder und ich kürzlich mit meinen Eltern telefonierten, fragten sie, ob wir zurückkehren wollen. „Nein, auf keinen Fall“, sagten wir. „Es ist hart für euch, das zu hören. Aber wir haben angefangen, ein sicheres Leben aufzubauen. Wir haben neue Gesetze erlebt, unter denen man als Mensch ohne Angst vor den anderen leben kann.“ Je länger man hier lebt, desto mehr will man bleiben, wir vertiefen uns hier. Noch sind wir nicht ganz frei, aber irgendwann werden wir selbstständig sein. Natürlich ist es für Syrer nicht gut, wenn es negative Schlagzeilen mit Flüchtlingen gibt wie den Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt oder den Angriff auf das Mädchen in Kandel. Darauf spricht uns zwar niemand an, aber die Blicke verändern sich, und wir werden nicht gegrüßt. Das kann ich verstehen, als Deutscher würde ich auch in Ruhe in meinem Heimatland leben wollen. Aber man darf nicht alle Flüchtlinge gleich sehen. Wir sind als Menschen ganz unterschiedlich. Zur Serie Rovan Aldarwish ist aus Syrien geflüchtet und lebt seit 2015 in Lambsheim. In unserer Serie hat er von seinen Erfahrungen in Deutschland und dem Leben, das er wegen des Kriegs aufgegeben hat, erzählt.