Rhein-Pfalz Kreis „Künstler aus Notwehr“
«Ludwigshafen.»Clueso (37) ist am Samstag, 24. Juni, der Stargast beim Ludwigshafener Stadtfest „Spektakulum“ (23. bis 25. Juni). Ab 22 Uhr ist er bei freiem Eintritt auf der Bühne am Berliner Platz zu hören. Als wir den Erfurter telefonisch erreichen, sitzt er im Zug von Hannover nach Köln. Er ist in Plauderlaune und bietet sofort das Du an.
Ein komplettes Programm. Ich komme mit einer neuen Band. Wir sind ganz gut warmgespielt. Diese Energie wird man auf der Bühne spüren. Da ist eine große Euphorie am Start. Natürlich wird es Stücke des neuen Albums „Neuanfang“ geben. Und wenn’s nach mir geht: Ich spiele immer gerne sehr, sehr lange. Sieben Alben, fünfmal Gold, zweimal Platin, anderthalb Jahrzehnte im Geschäft – was treibt dich weiter an? Ich bin niemand, der sich ausruht oder zurückschaut. Ich habe immer noch diese kindliche Naivität, wenn ich im Studio bin. Ich schreibe alle Songs selbst, produziere und bastle Beats – das lässt mich nicht los. Die Musik hat mich irgendwann einmal erwischt, und ich bin immer noch auf der Suche nach dem einen Song. Vom gelernten Friseur zum gefeierten Musikstar – das klingt wie vom Tellerwäscher zum Millionär. (lacht). Der Vergleich hinkt, da es bei mir nie darum ging, Millionär zu werden, was ich auch nicht bin, sondern darum, Musik zu machen. Ich wollte immer etwas Kreatives tun. Ich bin vielleicht Künstler aus Notwehr geworden. Das war das, was ich am besten konnte. Singer/Songwriter – fühlst du dich damit gut getroffen? Das ist okay. Ich wüsste auch nicht, wie ich mich sonst beschreiben würde. Ich mache alles. Ich habe auch ein Jazztrio. Singer/Songwriter trifft es am besten, weil ich eben Songs schreibe. Und wenn mir nichts einfällt, dann muss ich einfach warten – auf eine gute Connection zu irgendwas. Mich inspiriert Lesen, Herumreisen. Liedermacher klingt eher bardenmäßig. Das bin ich nicht. Klingt zu sehr nach Reinhard Mey. Genau. Aber es geht bei Clueso schon um Geschichten. Googelt man Clueso, erscheinen als „ähnliche Künstler“ Max Herre, Bosse oder Jan Delay – passt das? Das sind alles Freunde von mir, das passt ganz gut. Vor allem sind das alles Musikarbeiter. „Wir sind lebendige Strophen, berühren uns wie Chopin“, heißt es in deinem Song „Wenn du liebst“ – sehr poetisch. Fällt dir so was um Mitternacht bei einem Glas Rotwein ein? Das fällt mir manchmal einfach so ein, etwa wenn ich nebenbei Musik höre. Da merkt man, was einen berührt. Man fragt sich: Wann hatte ich das letzte Mal Gänsehaut? Ich finde den Vergleich zur Musik ganz schön. Bei „Wenn du liebst“ wollte ich eine Ballade schreiben, bei der sich zwei Menschen auf Augenhöhe begegnen. Nicht dieses klassische „Du bist weg und komm bitte wieder“. Denn im normalen Leben sind Beziehungen ja niemals nur einseitig. Welche Musik hörst du privat? Das ändert sich quasi monatlich. Jetzt ist es gerade die Elektromusik der Berliner Band Moderat. Aber ich mag auch die alten Kollegen wie Neil Young, Bob Dylan oder Bruce Springsteen. Oder Anderson Paak, ein Rapper und Schlagzeuger aus den USA. Als die Mauer fiel, warst du neun Jahre alt. Erinnerst du dich an die Zeit? Absolut. Auch noch an die Zeit, bevor die Mauer fiel. Etwa als es die ersten Lecks an der ungarischen Grenze gab und das nicht mehr zu stoppen war. Überlegungen, ob man die Chance hat, einfach abzuhauen, beschäftigten die ganze Familie. Da gab es große Diskussionen, die einem als Kind nicht entgangen sind – auch darüber, was man im Fernsehen gucken darf oder was man draußen sagt, damit man keine aufs Maul kriegt. Und natürlich die ganz Ostmusik, die ist quasi in mich hineingeflossen. Wie natürlich auch Udos „Sonderzug nach Pankow“. Das waren spannende Zeiten. Und am Tag des Mauerfalls? Die, die nicht in Berlin waren oder vorher schon nach Ungarn abgehauen sind, saßen vor der Glotze. Wie wir auch. Das weiß ich noch genau. Da habe ich sogar den einen oder anderen erkannt, wie er in die Kamera gewunken hat. Wir haben auch einen Onkel von mir gesehen mit seinem Trabi, wie er da vorgefahren ist. Fühlst du dich als Ossi? Eigentlich ist das ein überholter Begriff. Ich lerne so viele Menschen durch die Musik kennen, da herrscht so eine Art Esperanto, eine gemeinsame Sprache, unabhängig von der Herkunft. Egal, wo man hinkommt, hat man sofort die Möglichkeit, miteinander zu kommunizieren. Wenn ich allerdings Leute aus dem Osten treffe, spürt man sie noch, diese Gemeinsamkeit, weil man eine ähnliche Geschichte, die gleiche Brotbüchse, den gleichen Ranzen und die gleichen Federmäppchen hatte. Zurück in die Gegenwart: Wie hältst du es mit den sozialen Netzwerken? Ich mache das, wenn absolute Ruhe ist. Diesen Terror muss man sich nicht direkt nach dem Konzert geben. Wenn man aber sehr euphorisch ist und Bock oder was Neues mit der Band ausprobiert hat, dann finde ich die Möglichkeit des direkten Drahts zu den Fans irgendwie schon cool. Dich verbindet eine enge Freundschaft mit Udo Lindenberg. Das kann man auf jeden Fall sagen. Es ist jetzt nicht so, dass wir uns zum Kegeln treffen und gemeinsam ins Kino gehen. Wobei ich mit Udo sogar ein paar Mal schwimmen war. Er hat sich erst neulich gemeldet, weil er wusste, dass ich in L. A. bin. Er ist ja auch oft in Amerika. Er freut sich auf seine Tour. Er spielt bald in Erfurt und hat mich gefragt, ob ich vorbeikomme. Das mache ich natürlich. Ist ja klar. Am 17. Mai wird Udo 71 – was ist das für ’ne Type abseits der Bühne? Wenn ich zum Beispiel in Hamburg den Zug verpasse, fahre ich schnell rüber ins Hotel Atlantic und esse was. Dann kommt Udo runter. Und wenn er mir erzählt, was so aktuell bei ihm passiert im Leben oder vom Sport, kann es schon mal sein, dass er im voll besetzten Saal einfach ein paar Liegestütze macht. Er haut ständig einen geilen Spruch raus. Aber er ist sehr sensibel und feinsinnig, was Leute angeht. Das denkt man manchmal nicht, aber er ist ein unglaublicher Checker. Das macht total Spaß mit ihm, wenn er so befreit drauf ist in seinem Alter. Immer noch so kindlich zu sein und so lustig – von Udo können sich viele eine Scheibe abschneiden. Zur Person Clueso, als Thomas Hübner am 9. April 1980 in Erfurt geboren, ist einer der erfolgreichsten deutschen Singer/Songwriter und hat schon mehrere Preise abgeräumt. Legendär ist sein Duett mit Udo Lindenberg, dessen Klassiker „Cello“ beide 2011 gemeinsam neu arrangiert haben.