Römerberg
Jungtiere angegriffen: Drama im Storchenhorst
Der Grund für das Blutbad im Nest am vergangenen Dienstag: Ein Storch hatte versucht, die Jungstörche darin zu töten. „Sie waren trotz des sehr schnellen Eingreifens der Helfer blutüberströmt und teils schwer verletzt“, sagt der für Mechtersheim zuständige Storchen- und Beringungsbeauftragte, der nicht namentlich in der Zeitung genannt werden möchte. Der Feuerwehr sei es mithilfe einer Drehleiter und einem Tiertransportanhänger gelungen, die Jungstörche zu retten, berichtet der Römerberger Wehrführer Werner Huber. Erst vor drei Wochen waren die Jungstörche – ebenfalls mithilfe der Feuerwehr – beringt worden.
Einer von ihnen konnte nach kurzer Behandlung in die Pflegestation „Storchenscheune“ nach Bornheim zu Pflegeeltern gebracht werden. Die anderen beiden hatte es schlimmer erwischt: Sie mussten zu einem auf Vögel spezialisierten Tierarzt nach Karlsruhe gebracht werden. Bei einem der Störche war sogar eine Not-OP nötig. Die gute Nachricht: Den jungen Störchen geht es mittlerweile allen besser. „Sie sind soweit fit und im ,Kindergarten’ mit anderen Jungstörchen“, sagt Christian Reis, Leiter der Storchenscheune. Sie sollen in den kommenden Wochen, wenn sie vollständig genesen sind und fliegen können, ausgewildert werden.
Stellt sich die Frage, wie es überhaupt soweit kam, dass ein fremder Storch die Brut im Mechtersheimer Nest töten wollte. Der Storchenbeauftragte ging zunächst davon aus, dass der Vater einen Giftköder gefressen hat. „Der Storch war kerngesund“, begründet er dies. Doch Christian Reis, der den Kadaver untersuchte, hat mittlerweile einen anderen Verdacht: „Ich vermute stark, dass er durch eine Stromleitung gestorben ist. Entweder hat er die Leitung beim Flug nicht gesehen oder er hat einen Schlag abbekommen.“ Anzeichen für eine Vergiftung habe er keine entdeckt.
Seit 2019 in Mechtersheim
Durch Stromleitungen sterben laut Reis jedes Jahr rund 15 Störche alleine in der Südpfalz, die Dunkelziffer sei weit höher. Die Otterstadter Störchin Thilo war 2020 in Spanien durch einen Stromschlag gestorben, was auf die veralteten Masten und Leitungen dort zurückgeführt wurde. Doch auch in Deutschland gibt es laut Reis noch viele Stromleitungen, die Störchen gefährlich werden können.
Der verunglückte Storch hatte in Mechtersheim seit 2019 mit einem Weibchen gebrütet. Laut Storchenbeauftragtem haben die beiden im ersten Jahr ein Junges aufgezogen, dann zwei und in diesem Jahr drei. Da sich Elternstörche bei der Futtersuche abwechseln und einer dabei immer den Horst bewacht, habe nach dem Tod ihres Partners die verwitwete Storchenmutter das Nest zwangsläufig unbeaufsichtigt lassen müssen, um auf Futtersuche zu gehen.
Zunächst sei nicht hundertprozentig sicher gewesen, ob es sich bei dem toten Tier tatsächlich um den Brutstorch aus dem Mechtersheimer Nest handelt. Doch als der fremde Storch begann, auf die Jungen einzuhacken, sei dies klar geworden. Der Besitzer des Grundstücks, auf dem sich das Nest befindet, bemerkte dies, informierte umgehend den Storchenbeauftragten und hielt den Angreifer in Schach, bis dieser und die Feuerwehr eingetroffen waren.
Wenn die Mutter statt der Vater der Jungstörche verunglückt wäre, hätte der Witwer den Horst vielleicht verteidigen können und ein Eingreifen wäre nicht nötig gewesen, sagt Reis. „Aber ein Weibchen hat keine Chance gegen ein fremdes Männchen“, weiß der Experte. Nachtragend dürfte die Störchinnen gegenüber dem Fast-Mörder ihrer Kinder nicht sein: „Sie wird nun vermutlich eine Partnerschaft mit dem neuen Storch eingehen“, erklärt Reis. So ist eben der Lauf der Dinge in der Natur.