Rhein-Pfalz Kreis „Jungs, was is?“

Fels in der Brandung des Schulalltags: Hausmeister Gerhard Lemster.
Fels in der Brandung des Schulalltags: Hausmeister Gerhard Lemster.

„Ha! ,Schlüssel bitte stecken lassen’, steht da. Das kann’s ja wohl nicht sein! Normal ist das nicht“, sagt Gerhard Lemster, als er eine Tür zum Schulhof aufschließen will. Er ist der Hausmeister der Rheinschule in Roxheim und verwundert über den steckenden Schlüssel. „Der ist bestimmt von einer Lehrerin.“ Dann versteht er, der Schlüssel hakt und könnte abbrechen. „Da ist es mir doch lieber, er wird stecken gelassen“, sagt er. Er ist morgens um 7 Uhr der einzige in dem weitläufigen Gebäude. Noch herrscht die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm, bevor das Lachen und Lärmen von 260 Grundschülern einsetzt. Draußen stehen zwei leere Fressnäpfe. „Die gehören Pepper, der Schulkatze“, erzählt Lemster. Er selbst sei ja eher kein Katzenfreund, er habe eine Allergie gegen die Haare. Aber das Tier sei vor Jahren regelmäßig mit einem Kind aus der Nachbarschaft in die Schule gelaufen. Das Kind ist der Grundschule längst entwachsen, aber die Katze treibe sich hier noch herum. „Sobald der Erste die Tür aufmacht, ist die Katze drin“, sagt Lemster verärgert. Sie verziehe sich in den nächstbesten Klassensaal und schlafe dort während des Unterrichts. „Es ist schwer, sie wieder raus zu kriegen. Sie schlägt um sich, faucht und pocht auf ihren Platz, wenn ein Lehrer sie vertreiben will“, berichtet der Hausmeister. Dann ist seine Hilfe gefragt. „Ich klapper’ dann mit dem Schlüssel, dann weiß die Katze, dass sie jetzt abhauen muss.“ Lemster kam vor 15 Jahren eher durch Zufall an die Hausmeisterstelle in der Rheinschule, wo er heute montags bis donnerstags von sieben bis 16 Uhr, freitags etwas kürzer arbeitet. Eigentlich sei er Industriekaufmann und habe 18 Jahre beim Autoclub Europa in Mannheim gearbeitet. „Ich habe zwar keine handwerkliche Ausbildung, aber ich kann einiges, zum Beispiel Steckdosen installieren oder Waschbecken montieren“, sagt Lemster, der zu einem dreiköpfigen Hausmeisterteam der Gemeinde gehört. „Wir haben neun bis zehn Objekte zu betreuen, dazu gehören die Kindergärten, das Rathaus und die Pestalozzischule in Bobenheim.“ Der morgendliche Standardrundlauf in der Schule führt weiter übers Außengelände. Am Freitag habe er mit dem Gebläse alles sauber gemacht. „Awwer die Kinner schläfen alles durch die Gegend“, moniert Lemster, während er Stöcke einsammelt und auf einen Holzhaufen wirft. Er schließt das Tor auf, dann geht er weiter in die Turnhalle. „Die wird normalerweise zwischen sechs und Viertel nach sieben geputzt, weil abends oft Vereine in der Halle sind.“ Die kleinen Steinchen vom Fallschutz an den Spielgeräten im Hof bleiben gerne an den Schuhen hängen. „Ich muss gewährleisten, dass die Kinder in eine saubere Halle gehen“, sagt Lemster, auch wenn das an diesem Tag wegen Krankheit der Putzfrauen kaum möglich ist. Lemster geht über den Schulhof zum Briefkasten. Den Parkplatz vor der Schule inspiziert er auf Hundehaufen, die an Erstklässlerschuhen ins Schulhaus getragen werden können. Zwei Kinder schließen ihre Roller ab. „Die ersten kommen schon“, sagt Lemster und grüßt eine Lehrerin. Besonders im Kopierraum gehe schon sehr früh „die Post ab“. Zurück im Schulhaus steuert Lemster einen kleinen Raum mit unter anderem zwei Kühlschränken und einem Computer an. Das hier war meine erste Küche, sagt er und zeigt auf die braunen Schränke. Hier habe er Laugenstangen zum Verkauf aufgebacken. „Für die Kinder war das super“, erinnert er sich. „Ein Wurstbrötchen und ein Getränk haben zusammen einen Euro gekostet.“ Mittlerweile gibt es zu Lemsters Bedauern keinen Brötchenverkauf mehr. Von den 260 Kindern nutzen 160 das Ganztagsangebot mit Mittagessen in vier nach Jahrgangsstufen getrennten Schichten. Als Hausmeister sieht Gerhard Lemster sich als Einzelkämpfer: Er habe wenig Kontakt und führe nur kurzen Smalltalk mit den Lehrern. Manchmal steht aber doch jemand vor seiner Tür, wie jetzt gerade drei Schüler. „Jungs, was is?“ „Hast du zwei Bälle vom Dach geholt?“, fragt einer. „Ja, hab ich. Wer die dann genommen hat, weiß ich nicht, da müsst ihr euch durchfragen“, antwortet Lemster. Die Jungs ziehen ab. „Es gibt nichts, was es nicht gibt“, meint der 57-Jährige, der fast täglich irgendwas von irgendwo herunterholen muss. „Lustig ist es auch, wenn die Kinder kicken, sich dabei der Schuh löst und auf dem Dach landet. Dann kommen sie zu mir und sagen, ihr Schuh sei aufs Dach gefallen. Ich erkläre ihnen dann erst mal, dass ein Schuh nicht von unten nach oben fallen kann“, erzählt Lemster und lacht. Um kleine Reparaturen muss sich ein Hausmeister natürlich ebenfalls kümmern. „Es gibt nichts, was ein Kind nicht in einen Siphon reinstopfen kann“, nennt Lemster schmunzelnd ein Beispiel. „Man hat eine gewisse Akzeptanz bei den Schülern“, sagt der hauptsächlich von weiblichen Pädagogen umgebene Hausmeister. „Ich muss auch mal schimpfen. Zehn Minuten später machen die Kinder es dann wieder, aber man hat wenigstens drüber geredet. Es ist wichtig, sich mit den Kindern auch mal auf eine Stufe zu stellen.“ Schulleiter Andreas Mock kommt vorbei und holt die Post ab. „Haben wir noch von denen?“ Hausmeister Lemster zeigt den krummen Schlüssel, den er vor einer halben Stunde aus der Tür gezogen hat. „Tret’ mal drauf, dann kriegst du ihn grad“, sagt Mock und lacht. Eine kurze Neckerei geht immer. Und so löst sich das Rätsel um den steckengelassenen Schlüssel auf: Die Betreuerin am Freitag habe ihn verbogen, als sie abschließen wollte, weiß der Schulchef. Lemster: „Hier im kleinen Kreis kriegt man schnell mit, wer was verbockt hat.“ Es klingelt. „Jetzt ist Countdown! Die Kinder stellen sich an Aufstellpunkten auf und werden von ihren Lehrern abgeholt.“ Ein Junge kommt vorbei und winkt, Lemster winkt zurück. So einen Hausmeister hätte man sich als Kind doch gewünscht. Er wirkt wie ein Fels in der Brandung des Schulalltags. „Für mich ist das ein super Job, denn ich habe eine eingeschränkte Herzleistung. Hier kann ich mir alles selbst einteilen.“ Die Turmuhr schlägt acht, und plötzlich herrscht Stille. Nur noch eins kann Lemster jetzt aus der Ruhe bringen: Katze Pepper, die irgendwo durch die Gänge streift auf der Suche nach einem gemütlichen Schlafplatz. Serie In der Reportagen-Serie „Aufgewacht“ sind Mitarbeiter der Lokalredaktion in der Früh mit Menschen unterwegs, die viel zum Gelingen eines Tages in Frankenthal und Umgebung beitragen.

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