Rhein-Pfalz Kreis
Interview: Was wir aus der Pandemie lernen könnten
Frau Wiemann, der Titel Ihres Vortrags während der Mutterstadter Gesundheitsmesse ist die Frage „Was haben wir aus der Pandemie gelernt?“. Das dürfte bei den Zuhörern große Erwartungen wecken.
Sie werden es nicht glauben, aber ich habe mich entschlossen, diese Frage nicht zu beantworten.
Oh, weil …?
Ich hatte vor der Recherche für den Vortrag tatsächlich eine feststehende Meinung dazu. Ich habe dann aber festgestellt, dass EINE Antwort gar nicht möglich ist, denn jeder Mensch – ob Wissenschaftler, Mediziner, Politiker, Pflegekraft, Computerfachmann, Pädagoge, Elternteil, Senior, Kind und so weiter – hat seinen Blickwinkel auf die Pandemie, jeder hat sie anders erlebt und somit auch für sich etwas anderes daraus gelernt. Darum werde ich mich hüten, zu versuchen, diese Frage pauschal zu beantworten. Ich werde am Anfang meines Vortrags die Frage zu der Gegenfrage „Haben wir etwas aus der Pandemie gelernt?“ umformulieren.
Das heißt, Sie drehen den Spieß um, und das Publikum kann sich mit der Frage auseinandersetzen?
Ja, denn zukünftig muss das jeder für sich selbst beantworten. Aber das allein soll natürlich nicht die Erkenntnis des Vortrags sein. Ich werde den Zuhörern ein paar ganz objektive Grundfakten liefern – etwa der Verlauf der Inzidenz-Werte und die Schutzmaßnahmen, die zu diesem Zeitpunkt ergriffen wurden. Im Resümee darüber werde ich Fragen aufwerfen und zur Diskussion stellen.
Sie sagen „zukünftig“. Warum nicht schon jetzt? Die Pandemie ist doch seit 1. März vorbei – zumindest in Rheinland-Pfalz.
(lacht) Auch wenn die Politik das mit den von Ihnen angedeuteten Entscheidungen zu den Schutzmaßnahmen gern unterstreichen möchte – nein, die Pandemie ist noch lange nicht durchgestanden. Das hat uns zum Beispiel die Geschichte gelehrt. Für die letzte Pandemie, die Spanische Grippe, gibt es ja leider keine Zeitzeugen mehr. Aber für ein anderes einschneidendes Ereignis: den Zweiten Weltkrieg. Die psychologische Wirkung ist vergleichbar. Mit dem unterschriebenen Friedensvertrag herrschte ja nicht schlagartig überall Frieden. Die Menschen haben letztlich Jahrzehnte gebraucht, um Frieden zu finden.
Also so wie die Pandemie noch nicht durchgestanden ist, so sind wir auch mitten im Lernprozess, sagen Sie. Aber nach drei Jahren müssen doch schon Erkenntnisse gewonnen sein?
Das hoffe ich, zum Beispiel für politische Entscheidungen. Ich finde, – und das ist meine ganz persönliche Meinung – dass man sich dabei besonders zu Beginn der Pandemie ungeschickt angestellt hat. Führende Epidemiologen forderten schon im Februar 2020, Schutzmaßnahmen zu treffen. Man reagierte erst sechs Wochen später. Das ist zum Beispiel eine Erkenntnis, die vielleicht bei dem einen oder anderen schon nicht mehr präsent ist.
Nicht nur die Schnelligkeit, auch manche Maßnahme muss hinterfragt werden. Doch bei Themen wie Schulschließungen, Impfprioritäten oder Isolation von Kranken und Alten kann es keine Masterpläne geben, oder?
Nein, aber man muss im Nachgang ernsthaft kritisch hinterfragen: Waren manche Entscheidungen wirklich richtig? Vor allem mit den heutigen Erkenntnissen darüber, was für Folgen und was für Leid diese mitunter bei den Menschen verursacht haben. Wie zum Beispiel bei den von Ihnen erwähnten alten und kranken Menschen, die wir ja eigentlich schützen wollten. Wie viele demente Senioren waren unglücklich, weil sie nicht verstanden haben, warum ihre Angehörigen sie nicht mehr besuchen? Wie viele kranke Menschen sind einsam im Krankenhaus gestorben? Um nur einige Beispiele zu nennen.
Solche Beispiele gibt es ja viele, man denke nur an die isolierten Kinder. Doch das wurde in der Diskussion oft als Einzelschicksal gesehen, das man fürs große Ganze hinnehmen muss.
Ja, leider. Zum Beispiel auch die Angst der Menschen, sich impfen zu lassen. Viele trauten sich noch nicht einmal, ihre Angst zu äußern. Ich habe als Medizinerin unzählige, auch sehr intensive Aufklärungsgespräche geführt, weil ich überzeugt bin, impfen ist der beste Schutz. Aber ich habe es auch akzeptiert, wenn sich ein Patient nicht impfen lassen möchte. Und das sollte so in der gesamten Gesellschaft sein. Wir sind nicht alle gleich – und das ist auch gut so.
Auch wenn die Antwort auf die Frage Ihres Vortrags nicht eindeutig zu beantworten ist – was haben Sie ganz persönlich aus der Pandemie gelernt?
Dass wir Menschen glauben, jede Situation beherrschen zu können, doch die Natur hat uns mal wieder gelehrt, dass es so nicht ist. Wir sind als Spezies Mensch zwar sehr anpassungsfähig, aber dennoch werden wir das System nicht beherrschen, auch wenn wir uns das oft einbilden. Und sollte sich bewahrheiten, was erst jüngst laut Medienberichten vermutet wird, dass das Virus auf einen Laborunfall in China zurückgeht, dann sollten wir endlich lernen, unsere Grenzen einzuhalten. Denn wir überschreiten sie allzu oft.
Zur Person
Barbara Wiemann ist Fachärztin für Allgemeinmedizin und praktiziert seit fünf Jahren in der Ludwigshafener Praxis von Dr. Peter Uebel. Die 59-Jährige hat der Universität Göttingen und Bonn Medizin studiert. Barbara Wiemann stammt aus dem Landkreis Uelzen in Niedersachsen, ist verheiratet, hat vier erwachsene Kinder, lebt und arbeitet seit 30 Jahren in der Vorderpfalz.
Termin
Gesundheitsmesse der Selbsthilfegruppe Schlafapnoe Mutterstadt und Umgebung am Samstag, 4. März, ab 10 Uhr im Palatinum Mutterstadt.