Waldsee / Neuhofen
In die Pampa geworfen
Wer dieser Tage von der Schlicht zum Campinggebiet „Auf der Au“ spaziert, kann den Müllhaufen schon von Weitem sehen. Es ist nämlich kein kleiner Müllhaufen, der da liegt – auf Neuhofener Gemarkung. Und leider ist er nicht der einzige in der Verbandsgemeinde Rheinauen. Südlich vom Wasserwerk Waldsee direkt am Waldrand liegt ebenfalls eine ganze Menge Müll herum. Luftlinie zwischen beiden Ablageplätzen: vielleicht ein Kilometer. Auf dem Boden sind die beiden Stellen über einen Feldweg verbunden. Aber das ist wohl nicht die einzige Verbindung.
All die Kartons, Koffer, Holzteile, Eimer, Lattenroste und Matratzen könnten aus einem Haushalt stammen und in einer Nachtaktion an den beschriebenen Stellen abgeladen worden sein. So vermuten es Simon Schneider und seine Kollegen vom Fachbereich Sicherheit und Ordnung in der Verbandsgemeinde Rheinauen. Es hat nicht lange gedauert, bis sie über die „Schweinerei da draußen“ informiert gewesen waren. Die Müllberge sind zu markant, um übersehen zu werden. Am heutigen Dienstag sollen sie abgetragen werden.
Es lagen Adressen beim Müll dabei
Nicht lange gedauert hat es und Schneider und seine Kollegen hatten auch einen ersten Ermittlungserfolg. „Es lagen Adressen bei dem Abfall dabei“, berichtet der stellvertretende Fachbereichsleiter. Diese haben zu den Leuten geführt, die ein Haus haben entrümpeln lassen – über eine Firma, die dafür bezahlt wurde. „Wir vermuten nun, dass Mitarbeiter dieser Firma den Müll, anstatt ordnungsgemäß zu entsorgen, illegal abgeladen haben.“ Schneider zufolge könnten nun Hinweise von Bürgern helfen, die Firma ausfindig zu machen und damit auch zu den Tätern führen. Ihr Vergehen könnte für diese richtig teuer werden. Es drohen Schneider zufolge bis zu 10.000 Euro Bußgeld.
Illegal abgeladener Müll ist zunächst einmal eine Ordnungswidrigkeit nach dem Kreislaufwirtschaftsgesetz, und eine solche fällt in die Zuständigkeiten der Gemeinden. „Wir dokumentieren den Fall und geben ihn an die Untere Abfallbehörde bei der Kreisverwaltung weiter“, erklärt Schneider. Diese schalte gegebenenfalls die Polizei ein. Über den aktuellen Fall seien die Zuständigen bei der Kreisverwaltung bereits informiert.
Im Extremfall werden 50.000 Euro fällig
Die Untere Abfallbehörde will allerdings noch nichts von den Umweltsünden in den Rheinauen gehört haben. Keine konkreten Angaben also. Stattdessen allgemeine Informationen in Amtsdeutsch. „Soweit bei einer illegalen Abfallablagerung konkrete Hinweise auf einen mutmaßlichen Verursacher vorliegen, kann gegen diese Person im Wege der Anhörung ein Ordnungswidrigkeitsverfahren eingeleitet werden“, heißt es unter anderem. Die Bußgelder, die verhängt werden, können laut Kreisverwaltung unterschiedlich hoch sein. Werden „Gegenstände des Sperrmülls“ illegal entsorgt, kann das bis zu 2500 Euro kosten. Bauschuttablagerungen werden mit bis zu 10.000 Euro geahndet. „Selbstverständlich können die Regel- und Rahmensätze nach den Umständen des Einzelfalles auch erhöht oder ermäßigt werden“, schreibt die Kreisverwaltung. Im Extremfall müssen Umweltsünder sogar bis zu 50.000 Euro zahlen.
Die Polizei kommt ins Spiel, wenn die Abfälle sehr gefährlich sind und damit eine Umweltstraftat vorliegt. Geregelt ist der „unerlaubte Umgang mit gefährlichen Abfällen“ im Paragrafen 326 des Strafgesetzbuchs. Als gefährlich gelten demnach unter anderem Asbest, Autowracks, Giftfässer, Altöl und Batterien. Wer so etwas illegal ablädt, dem kann eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren und/oder eine Geldstrafe drohen. Wie der Richter entscheidet, hängt immer vom Einzelfall und der Schwere der Tat ab.
Im Wasserschutzgebiet den Schrott abgeladen
Kein Öl, keine Lacke. „Bei dem abgeladenen Abfall handelt es sich um sogenannten Trockenmüll, von dem keine Gefahr für die Umwelt ausgeht. Zum Glück“, sagt Simon Schneider. Denn die eine Fuhre Müll wurde in ein Wasserschutzgebiet gekippt. Direkt hinter das blaue Schild, das auf den besonderen Schutz des Areals hinweist. Eine besondere Dreistigkeit. Oder war es einfach Dummheit?
Als Frechheit dürften alle Kreisbürger, die brav ihre Müllgebühren zahlen, solche illegalen Abladeaktionen empfinden. Denn damit werden auch die Kosten beglichen, die anfallen, um die Müllberge wieder aus der Natur zu entfernen. Dafür müssen die Bauhofmitarbeiter der Gemeinden ran. Der Eigenbetrieb Abfallwirtschaft (Eba) des Kreises stellt den Container.
Volker Knörr (CDU) ist der für die Abfallwirtschaft zuständige Kreisbeigeordnete. Und ihn ärgern solche wilden Müllablagerungen ganz generell. Nicht immer stecke ja eine Firma dahinter. Ganz oft packten auch Privatleute ihren Schrott zusammen, um ihn in den Wald zu kippen. „Und ich verstehe einfach nicht, warum sie das tun. Wir haben hier im Kreis wirklich gute und durchdachte Entsorgungswege“, sagt er. Beispielsweise würden pro Kalenderjahr bis zu sechs Kubikmeter Sperrmüll kostenlos abgeholt. Direkt vor der Haustür. „Was soll also der Aufwand, den ganzen Kram ins Auto zu packen und irgendwo hinzuwerfen – immer verbunden mit der Gefahr, dabei erwischt zu und zur Verantwortung gezogen zu werden?“
Größte illegale Abfallmenge seit über zehn Jahren
Doch so richtig abschreckend scheinen Bußgelder und mögliche strafrechtliche Konsequenzen nicht zu sein – sonst würden auch die vielen ehrenamtlichen Helfer bei den Dreck-Weg-Tagen in den Kreisgemeinden nicht so viel Müll hinter Sträuchern und Hecken herausziehen. Der Kreis führt darüber übrigens Statistik, was an rechtswidrig entsorgten Abfällen übers Jahr eingesammelt wird. 2018 waren es rund 300 Tonnen. Nachdem die angefallenen Mengen im Jahr 2019 dann rückläufig waren und auf rund 260 Tonnen beziehungsweise 1,7 Kilo pro erwachsener Kreisbürger gesunken sind, wurde laut Eigenbetrieb Abfallwirtschaft im Jahr 2020 die größte illegale Abfallmenge seit über zehn Jahren erfasst. Rund 310 Tonnen waren gesammelt worden – rund 20 Prozent mehr als im Vorjahr. Und das, obwohl pandemiebedingt keine Dreck-Weg-Tage mit Bürgerbeteiligung stattfinden konnten. Die zwischenzeitliche Schließung der Wertstoffhöfe im ersten Lockdown 2020 habe dabei sicherlich einen nicht unerheblichen Beitrag zu dieser Entwicklung geleistet, meinen die Eba-Fachleute. Mal sehen, was dieses Jahr zusammenkommt. Die beiden Müllhaufen in den Rheinauen fließen mit in die Statistik ein. Allerdings haben die Wertstoffhöfe heuer auf. Und es gibt immer noch die Mülltonnen zu Hause und die kostenlosen Sperrmüllsammlungen.
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