Mutterstadt
Im Wohnzimmer mit 100 Schafen: Eine besondere Krippe in Mutterstadt
Weihnachtsatmosphäre pur im Hause Gaa. Die Lichterbögen in den Fenstern und die Lämpchen an den Pflanzen im Hof lassen schon von draußen ahnen, wie festlich und gemütlich es drinnen ist. Im Wohnzimmer erhält der Besucher dann die Gewissheit. Ein Ölofen verströmt dort beim Eintreten behagliche Wärme, auf der Kommode erstrahlt ein Lichterdorf und inmitten der Schrankwand leuchtet eine verschneite Winterlandschaft.
Einen separaten Platz und eigenen Unterbau beansprucht jedoch der ganze Stolz des Hausherrn Alfons Gaa, nämlich seine Krippe. Eher gesagt ist es eine ganze Krippenlandschaft. Eine zwei Quadratmeter große Holzplatte, von drei Holzböcken getragen, dient als Basis für das, was plastisch das Geschehen in Bethlehem um Christi Geburt herum darstellt. Und dies nicht nur auf einer Ebene. Der 82-jährige Ur-Mutterstädter, wie er es gerne betont, hat eigens Holzgestelle angefertigt, durch die die Anlage dreidimensional und damit natürlicher erscheint. Es gibt sogar eine erhöhte Alm mit Holzfällern, die an zahlreiche Urlaube im österreichischen Unken erinnern soll. „Alles meine eigene Komposition“, verrät er.
Abgedeckt wird das Trägermaterial durch eine Schicht sattgrünes Moos. Das hat der Hobbyjäger aus einem Wald bei Frankenstein in Säcken nach Mutterstadt mitgebracht. Geschickt darin eingebettet sind auch die Leitungen für die unzähligen Lichtlein, die die Figuren glänzend in Szene setzen. „Die hab’ ich gerade so hingestellt, wie ich gedacht habe“, erzählt er schmunzelnd, womit er sich einen gewissen Variationsspielraum von Jahr zu Jahr offen lässt.
Bis das ganze Arrangement aus 130 Figuren fertig war, hat der Senior diesmal sechs Stunden investiert. Dies tut er gerne und genießt sichtbar das Ergebnis. Seine Augen strahlen beim Betrachten mit den Lichtern um die Wette. „Wenn es fertig ist, freut man sich sehr“, resümiert er. Froh ist er auch darüber, dass er trotz zwei erlittener Schlaganfälle nach wie vor fit genug ist, diese Arbeit zu leisten.
Schon als Zwölfjähriger war er fasziniert von der elterlichen Krippe und hat zu deren Illuminierung beigetragen. Weil er buntes Licht liebte, bemalte er die batteriebetriebenen Birnchen mit Wasserfarben. „Mein Vater hat mich gehen lassen“, weiß er noch über das ein oder andere Mal zu berichten, als zugunsten der Kreativität des Sohnes ein Auge zugedrückt wurde. Einige Figuren aus dieser Zeit gehören bis heute zu seinem Ensemble, nämlich Josef, das Jesuskind und der von der Familie damals so genannte „Mohr“. Mit diesen begann er später seine eigene Sammlung.
Vor 44 Jahren gönnte er sich einen Stall und nach und nach wuchs drumherum die Anzahl der farbenfrohen Krippendarsteller. „Jedes Jahr kamen drei bis vier Schäfelscher dazu“ erinnert er sich. Bis zu einer stolzen Zahl von 100. Ehefrau Renate brachte ihrem Mann die Sammlerstücke aus der Stadt mit. Sie arbeitete, nachdem ihre zwei Kinder Sabine und Peter groß waren, in einem Ludwigshafener Bettengeschäft gegenüber dem Kaufhaus Woolworth. Dort kaufte sie Jahr für Jahr die zur Vervollständigung der Krippengemeinschaft nötigen Kunststofffigürchen. Beim Aufstellen der Krippe jedoch hält sie sich raus. „Da hab ich nix zu sagen“, stellt sie lächelnd klar. „Ich darf die Sachen nur ein- und wegräumen“, ergänzt sie.
Aber bis es soweit ist, lässt sie sich täglich neu von der Lichterpracht, die auch in der Küche herrscht, verzaubern. Unmittelbar nach dem Aufstehen wird sie eingeschaltet. „Es ist so schön anzusehen, wenn ich morgens herunter komme“, schwärmt die 80-Jährige. Pünktlich zum ersten Advent steht die weihnachtliche Dekoration und ziert bis Mariä Lichtmess, also bis zum 2. Februar, das Zuhause der Gaas.
Der Stichtag für die Krippe ist der Dreikönigstag. Dann werden Casper, Melchior und Balthasar, die bereits jetzt ein Teil der Szenerie sind, genauso wie die Heilige Familie, die Hirten und Engel, die auf dem Pferd fliehende Maria mit dem Kindlein im Arm, das Kamel, das Tochter Sabine von der Reise nach Jerusalem mitgebracht hat, Ochs und Esel sowie die vielen Schafe und anderen Tiere zusammen mit den übrigen Figuren und Elementen in etliche Schachteln und Kisten verpackt wieder im Obergeschoss verschwinden. Aber erst dann. Bis dahin haben sie alle auf ihrem Ehrenplatz im Wohnzimmer der Gaas mit leuchtend festlicher Kulisse noch ihren ganz großen Auftritt.