Rhein-Pfalz Kreis Im Schneeballsystem durch die Geschichte

«Dannstadt-Schauernheim.» Es umfasst 1700 Seiten, besteht aus zwei Bänden und ist laut Autor Winfried Seelinger so gemacht, dass jeder Dannstadt-Schauernheimer darin seine Großeltern finden kann: das neue Familienbuch. Es wird am 16. August im Ratssaal vorgestellt und ist sein Jubiläumsgeschenk an die Gemeinde, die derzeit ihr 1250-jähriges Bestehen feiert.
Wer ihre Ahnen waren, woher sie kamen, wohin sie gingen – das können die Menschen im Ort seit 1994 in Erfahrung bringen. Damals ist Winfried Seelingers Erstlingswerk mit dem Titel „Familien in Dannstadt-Schauernheim“ erschienen. Warum er erneut vier bis fünf Jahre Arbeit in ein zweites solches Buch investiert hat? „Weil ich damals nicht so viele Informationen hatte wie heute“, nennt er einen Grund. Das erste Familienbuch sei seinerzeit eines der ersten überhaupt in der Region gewesen. „Kaum war es erschienen, riefen mich Leute an und lieferten mir Angaben über ihre Familien“, erzählt Seelinger. Zudem seien in der Folge weitere Familienbücher in den Nachbargemeinden erschienen, von denen er einige selbst verfasst oder an denen er teils mitgewirkt hat. Mit jedem dieser Werke habe er auch zusätzliche Informationen über Dannstadt-Schauernheimer erhalten, wenn diese zum Beispiel nach Waldsee gezogen sind. Darüber hinaus kam er in Kontakt mit anderen Familienforschern, den er bis heute pflege. Daneben rief Seelinger jeden, der seine Familie im neuen Buch verewigt haben wollte, im Amtsblatt dazu auf, sich bei ihm zu melden. Nicht zuletzt hätten sich die Datenschutzbestimmungen inzwischen geändert. „Damals mussten die Recherchen noch im Jahr 1875 enden“, erinnert sich der pensionierte Sportlehrer, der 40 Jahre lang an der Kurpfalzschule unterrichtete. Auch das neue Familienbuch ist nach dem Schneeballsystem aufgebaut. Jeder Eintrag ist mit einer Nummer versehen. Folgt der Leser dieser Nummer, landet er bei den Vorfahren oder Verwandten des oder der Betreffenden. Wo wiederum neue Nummern dazu einladen, den Stammbaum einer Familie weiter zu erforschen. 4850 Familien weist sein neues Werk insgesamt auf diese Weise aus, knapp 26.000 Personen und 13.200 Ehen plus Querverweise auf andere Familien, die irgendwann einmal „nach auswärts“ geheiratet haben oder ins Dorf gezogen sind. Besonderen Wert legt der leidenschaftliche Ahnenforscher darauf, dass sein Buch mehr ist als eine bloße Auflistung von „geboren, geheiratet, gestorben“. Aufgrund seines ausgeprägten Interesses an Geschichte und seiner akribischen Recherchen hat Seelinger nämlich zahlreiche Zusatzinformationen wie den Beruf des Urururgroßvaters zusammengetragen und alles möglichst in den historischen Zusammenhang eingeordnet. So erfährt der geneigte Leser mitunter, dass Dannstadt von 1634 bis 1651 ein Geisterdorf war. „Die Einwohner sind im Dreißigjährigen Krieg überwiegend nach Speyer und Frankenthal geflohen, wo sie hinter den Stadtmauern Schutz suchten“, erläutert er. Als Quellen dienten ihm die teils lückenhaften Kirchenbücher, deren Nutzen mit der Gewissenhaftigkeit des jeweiligen Pfarrers schwankte, Archive wie das der Verbandsgemeinde und des Landes in Speyer, aber auch Testamente, alte Dorfgerichtsbücher und Steuerlisten. „Denen ging damals schon keiner durch die Lappen“, merkt er an und lächelt. Sehr ergiebig seien die Zivilstandsakten, mit denen Napoleon 1798 die Kirchenbücher ersetzte und die fortan der Bürgermeister nach genauen Vorschriften führen musste. Ein Freund bei der deutsch-französischen Kriegsgräberfürsorge hat Seelinger geholfen, die letzte Ruhestätte mancher in den zwei Weltkriegen Gefallener zu ermitteln. Unter dem Strich hat der 75-Jährige zudem mit mehr als 150 Personen geredet, um mehr über die Familien im Dorf zu erfahren. „Die Schwierigkeit bestand mitunter darin, dass es Menschen mit demselben Namen gibt. Ich habe mir dann die Zusammenhänge erläutern lassen, um herauszufinden, zu welcher Familie Becker etwa dieser oder jene Jakob gehört hat“, erklärt Seelinger. Es hätten sich aber auch viele Flüchtlingsfamilien gemeldet, die nach dem Zweiten Weltkrieg hierherkamen. Bei ihnen sei es manchmal nicht gerade einfach gewesen, die Herkunft zu klären. „Die kamen ja teilweise aus Ländern und Ortschaften, die es gar nicht mehr gibt“, beschreibt er ein Problem. In einigen Fällen habe eine Gemeinde obendrein unterschiedliche Namen in verschiedenen Sprachen besessen. „Es hat eine Weile gedauert, bis ich merkte, dass es sich nicht etwa um drei Dörfer handelt, sondern um einen einzigen Ort.“ Nach der jahrelangen Sisyphosarbeit, bei der er geduldig Mosaikstein um Mosaikstein zusammenfügte, freut sich Seelinger nun umso mehr darauf, dass Buch der Öffentlichkeit vorzustellen. „Obwohl so ein Buch ja nie wirklich fertig ist, da man ständig neue Informationen bekommt.“